GRRLT. Abseits der Norm

Zur Geschichte der „Gurltschen Missbildungssammlung“

Tieranatomisches Theater

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Vernissage
15.12.2016 19:00 Uhr

Sie wurden systematisch beschrieben und in eine „Missbildungssammlung“ eingeordnet. Sie wurden nach Arten klassifiziert und ihnen wurden Namen wie „kugelige Ungestalt”, „katzenköpfiger Zwerg” oder „Einauge” gegeben. Der Wissenschaftler Ernst Friedrich Gurlt sammelte im 19. Jahrhundert für seine Forschung Präparate von fehlgebildeten Tieren.

Die Beschäftigung mit dieser Sammlung wirft auch ethische Fragen auf. Denn der Anspruch des Forschers war es, nicht nur Tiere sondern auch Menschen mit Fehlbildungen in sein System der „Missbildungen“ einzuordnen. Galten die Menschen damit als anormal, krank und missgebildet, konnte dies fatale Folgen für die Betroffenen haben. Klassifikationssysteme, die sich im 19. Jahrhundert herausgebildet haben, wirken mitunter bis heute fort. Die Ausstellung „GRRLT. Abseits der Norm“ sucht nach einem wissenschaftshistorischen Zugang zu dieser Sammlung aus dem 19. Jahrhundert. Nicht die Biografie des Forschers, sondern die Geschichten der Objekte und des Wissens stehen im Fokus.

Eine filmische Installation vollzieht nach, wie der Forscher die Tierkadaver durch das Einordnen und Benennen zu wissenschaftlichen Objekten umdeutete. Weiter folgt die Ausstellung den Verstrickungen der Sammlung mit dem global-kolonialen Objekthandel, dem Streit um die Evolutionstheorie und der Allianz zwischen medizinischen Untersuchungen und populären Menschenschauen. In scheinbar nebensächlichen Notizen offenbaren sich in ergänzenden Hörstücken weitreichende Konsequenzen und Zusammenhänge zwischen Objekten, Personen und Institutionen der damaligen Zeit. Die Ausstellung offenbart in einem dritten Abschnitt die wechselvolle Geschichte der Objekte nach dem Tod des Forschers bis in die Gegenwart. Es scheinen Momente des Bedeutungsverlusts und der künstlerischen Eroberung auf. Der Blick auf den heutigen Ort und Gebrauch zeigt: Das Institut für Veterinär-Anatomie der Freien Universität Berlin in Dahlem bewahrt die Präparate und nutzt sie als Lehr- und Forschungsobjekte sowie als Zeugnisse der eigenen Institutionengeschichte.

Die „Gurltsche Missbildungssammlung“ ist im Rahmen der Neustrukturierung der Berliner Wissenschaftslandschaft und damit auch der veterinärmedizinischen Forschung und Lehre nach 1990 von der Humboldt-Universität an die Freie Universität gekommen. „GRRLT. Abseits der Norm“ präsentiert nun einen Teil der Objekte für die Ausstellungsdauer im Tieranatomischen Theater – an eben jenem Ort, an dem Gurlt in den 1820er Jahren seine Lehr- und Sammlungstätigkeit begonnen hatte.

Ein Projekt des Basisprojektes „Mobile Objekte“ des Exzellenzcluster „Interdisziplinäres Labor Bild Wissen Gestaltung“ der Humboldt-Universität zu Berlin. Die Realisierung dieser Ausstellung wurde unterstützt durch die großzügigen Spenden von Besucher_innen des Tieranatomischen Theaters.

Tieranatomisches Theater
Philippstr. 12/13, Haus 3 (Campus Nord)
10115 Berlin

Telefon
+49 (30) 20 93-466 25
Website
www.interdisciplina…
Montag
Geschlossen
Dienstag - Samstag
14:00 - 18:00 Uhr
Sonntag
Geschlossen

An Feiertagen bleibt das Gebäude geschlossen.

Eintritt frei

Ebenerdig. Aufzug im Haus vorhanden.

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