Ziehen, Schieben, Klappen
Die Frankfurter Küche von Margarete Schütte-Lihotzky

Die „Frankfurter Küche” in der Schausammlung des Werkbundarchivs – Museum der Dinge stammt aus der Siedlung Römerstadt in Frankfurt am Main, wo sie 1927/28 eingebaut wurde. Links die Zeile mit Ober- und Unterschränken, unter dem Fenster die Arbeitsplatte, rechts die Tür zum Esszimmer. © Alle Fotos: Armin Herrmann

Das Werkbundarchiv - Museum der Dinge in der Kreuzberger Oranienstraße hat ein neues, ungewöhnlich großes Objekt erworben: eine Küche aus den späten zwanziger Jahren. Sie wurde samt originalem Fenster in einem kleinen, zum Hof gelegenen Raum eingebaut, so dass man sich gut vorstellen kann, wie man sich in ihr bewegte und arbeitete. Diese unscheinbare, weißgraue Küche, der die lange Nutzung anzusehen ist, ist bei Designfans in aller Welt bekannt. Die „Frankfurter Küche" wurde 1926 von der Wiener Architektin Margarete Schütte-Lihotzky entworfen und war die Attraktion auf der Frankfurter Frühjahrsmesse 1927. Über zehntausend Küchen dieses Typs wurden in unterschiedlichen Varianten in den Frankfurter Siedlungen eingebaut, die Stadtbaurat Ernst May errichten ließ, um breite Bevölkerungsschichten mit günstigen, zweckmäßig ausgestatteten Wohnungen zu versorgen. Das im Museum der Dinge ausgestellte Exemplar stammt aus einem Zweifamilien-Reihenhaus, einem weißen Flachdachbau in der Römerstadt-Siedlung. Berühmt wurde die „Frankfurter Küche", weil sie die Leitbegriffe Funktionalität und Standardisierung, wie sie die Architektur und die Produktkultur der zwanziger Jahre, in etwas anderer Form auch noch der fünfziger und sechziger Jahre prägten, geradezu paradigmatisch verkörperte.

Die Schütten aus Aluminium sind beschriftet mit Linsen, Erbsen, Grieß, Zucker, Haferflocken, Maccaroni etc.

Schließlich war die Küche der ideale Gegenstand des neuen, rationalen Planens: Sie war ein Arbeitsraum, hier mussten zahlreiche kleine Handgriffe koordiniert werden, wiederholten sich bestimmte Tätigkeiten mehrfach, und alles musste schnell gehen, wollte die berufstätige Frau noch Zeit für sich und ihre Familie haben. Die Frankfurter Küche lässt sich im Grunde auf zwei komplementäre Elemente reduzieren: die L-förmig angeordneten Schränke und Arbeitsgeräte und den relativ kleinen, freien Aktionsraum davor. Alles ist in Reichweite, Spüle und Herd (der im Museum der Dinge in nächster Zeit ergänzt wird) stehen zentral. Töpfe, Geschirr und Lebensmittelvorräte sind platzsparend übereinander angeordnet, Grieß, Reis und Linsen lagern in ausziehbaren Aluminiumschütten: Das geht schneller, als wenn man Gläser vom Regal nehmen und aufschrauben muss. Interessant ist auch die Lösung für die Schubladengriffe: Jeweils in der Mitte der Laden fasst man unter einen keilförmigen Holzgriff. Man braucht nicht mehr beide Hände für die Emailknäufe der schweren Schubladen, wie sie für die damals verbreiteten Büffetschränke typisch waren.

Auf der Abstellfläche neben der Spüle ließ man das Geschirr einfach abtropfen statt es wie vorher abzutrocknen. Auf der ausziehbaren, linoleumbeschichteten Platte darunter konnte man Brot schneiden oder Töpfe abstellen.

Leitend bei der Planung der Küche war das Prinzip der Bewegungsfreiheit. Zahlreiche Elemente lassen sich bei Bedarf hervorziehen oder herunterklappen und verschwinden, wenn sie nicht gebraucht werden, aus dem Blick- und Bewegungsfeld. Die robuste Arbeitsplatte - wegen des Lichts vor dem Fenster platziert - lässt sich hochklappen, unter ihr stand ein Drehhocker. Davor konnte man zusätzlich ein Bügelbrett herunterklappen, um die Arbeitspausen - etwa wenn die Suppe kochte - effektiv zu füllen. Über den Schubladen neben der Spüle lassen sich Abstell- und Schneidebretter mit Linoleumbeschichtung herausziehen. In dieser Küche gab es keine Tisch- und Stuhlbeine mehr, gegen die man stoßen konnte. Auch die Einbauschränke sind auf einen zurückspringenden Sockel gesetzt, so dass man nah an die Arbeitsflächen herantreten konnte. Die verglasten Hängeschränke haben keine Türen, die sich störend vor das Gesicht des Öffnenden stellen, sondern lassen sich aufschieben.


Die oberen Stangen im Topfschrank haben Rillen für die Topfdeckel.

Die typischen Arbeitsabläufe sind in dieser Küche bereits antizipiert. So hatte die Arbeitsplatte in manchen Versionen der Frankfurter Küche am rechten Rand eine Aussparung, in die man gleich die Gemüseabfälle schieben konnte - eine herausnehmbare Schütte fing sie auf. Wer sich umsieht, entdeckt viele weitere praktische Details. Im Topfschrank links kann man in den obersten, mit Rillen versehenen Stangen die Deckel unterbringen. Zwei Keramikbecken machen es möglich, parallel zu spülen und Gemüse abzuwaschen. Die eckige Aluminiumabtropffläche hat Längsrillen und neigt sich zum Becken. Viele dieser Lösungen, die damals erfunden wurden, sind uns vertraut, sie sind längst in die Gestaltung der Küchen eingegangen, wie die Frankfurter Küche überhaupt Vorbild der modernen Einbauküche wurde. Erstaunlich aber ist die Konsequenz, die geradezu puristische Strenge, mit der das Prinzip des Praktischen durchgehalten ist. Ungewohnt ist auch die Einfachheit des Materials. In Zeiten von Oberflächen aus edlem Holz oder satiniertem Glas und glitzernden Edelstahlgriffen wirken die Schrankwände aus einfachem lackiertem Holz und die drehbaren Griffe aus Aluminium beinahe spartanisch. Wohnungen, die mit diesen Küchen ausgestattet waren, sollten sich Arbeiter und kleine Angestellte leisten können. Der Aufbau aus standardisierten Modulen erleichterte die Serienfertigung und verringerte die Herstellungskosten.


Die „Frankfurter Küche" vollständig eingerichtet: Aufnahme von 1926

Selbst wenn man es gewollt hätte - man hätte diesen Raum nicht wohnlich oder gemütlich machen können. Das Fensterbrett ist zu schmal, um Kräutertöpfe und Keramiknippes darauf zu verteilen, die Wandflächen alle schon vergeben, freie Regalbretter, die dazu einladen, andere Sachen als die Arbeitsgeräte darauf abzustellen, gibt es nicht. Einziges dekoratives Element war die Farbe, aber da dieses ursprünglich blaugrün leuchtende Exemplar später grauweiß überstrichen wurde, wird die nüchterne Wirkung eher noch verstärkt. Diese Küche war ein reiner Arbeitsraum, ein „Kochbetrieb" oder „Kochlaboratorium", wie es die damaligen Architekten nannten, womit auch das Vorbild, die Fabrik mit ihren taylorisierten Arbeitsvorgängen, genannt ist. Dieser Mini-Betrieb musste natürlich vom Wohn- und Essbereich getrennt sein - was durch die elektrische Heizung möglich geworden war -, wobei die Wege zwischen Küche und Esstisch trotzdem kurz sein sollten. Die Lösung war eine Verbindungstür, idealerweise - bei der Küche im Museum der Dinge nicht verwirklicht - eine Schiebetür.

Heute, da die Küche wieder als Mittelpunkt des Familienlebens idealisiert wird, da das gemeinsame Essen und die Zubereitung als letzte Residuen der Geselligkeit und der Sinnlichkeit zelebriert werden, sind uns diese Vorstellungen fremd. Das Prinzip der „größten Leistung bei geringstem Arbeitsaufwand", mit dem die Küche damals emphatisch beworben wurde, hat im Zuge der Rationalisierung der Arbeitswelt einen Beiklang des Inhumanen bekommen. Die „Frankfurter Küche" im Museum der Dinge gibt nicht nur Einblick in ein spannendes Kapitel der Kultur- und Sozialgeschichte. Sie macht uns auch bewusst, wie die Dinge, mit denen wir uns umgeben, unseren Alltag prägen, wie sie uns entlasten, aber auch einspannen in vorprogrammierte, rationelle Arbeitsabläufe und sogar unser soziales Leben mitbestimmen.

Annette Meier

Eine Medieninstallation erläutert die Entstehung der Frankfurter Küche im Kontext des Siedlungsbauprogramms der zwanziger Jahre, zeigt Grundrisse, Ausschnitte aus historischen Film- und Fotoaufnahmen sowie aus einem Interview mit der Architektin.

Die Frankfurter Küche im Werkbundarchiv - Museum der Dinge wurde 2009 mit Unterstützung der Stiftung Preußische Seehandlung Berlin erworben.

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