Das Liebknecht-Portal am früheren Staatsratsgebäude

Wie gut, dass Karl Liebknecht die sozialistische Republik am Nachmittag des 9. Novembers 1918 nicht vor einem einfachen Mietshaus ausrief, sondern vor dem Berliner Stadtschloss. Was gäbe das Staatsratsgebäude der DDR sonst heute für ein Bild ab: niedrige Decken, kleine Fenster und ein Portal, das dieser Bezeichnung sicher nicht gerecht würde.

Wolfgang Bittner, Liebknechtportal des Staatsratsgebäude, 2010.

Was gäbe das Staatsratsgebäude der DDR sonst heute für ein Bild ab: niedrige Decken, kleine Fenster und ein Portal, das dieser Bezeichnung sicher nicht gerecht würde. Weil Liebknecht jedoch das Zentrum der Macht wählte und dann nach seiner Proklamation »vom Balkon des II. Stockes des Portals IV – dem westlichen Lustgartenportal – eine leidenschaftliche Rede an die im Lustgarten versammelten Arbeiter und Bürger Berlins« hielt, so das »Neue Deutschland« am 4. September 1963, wurde das Staatsratsgebäude das, was es ist: ein herrschaftlicher Bau mit schlossartigem Aufriss. Vom großenteils geretteten und rekonstruierten Liebknecht-Portal leiten sich die Baumaße ab, denen sich das Staatsratsgebäude des Architektenkollektivs Roland Korn und Hans-Erich Bogatzky im Erdgeschoss wie im 1. Oberschoss unterordnet. Auf das Mezzaningeschoss verzichtete man zugunsten lichterer Raumhöhen für den großen Sitzungssaal im 2. Obergeschoss.

Das dreiachsige Portal mit zentraler Durchfahrt springt als Risalit weit vor die kubisch schlichte Großform des Staatsratsgebäudes und wird durch die Attika in der Höhe zusätzlich betont. In seiner barocken Andersartigkeit wie der betont modernen asymmetrischen Anordnung im Baukörper – sieben Fensterachsen links, drei rechts vom Portalvorbau – repräsentiert das Liebknecht-Portal eine spolienartige Selbstvergewisserung und widmet Ereignisse der deutschen Geschichte zur Vorgeschichte der DDR um: Liebknecht als Ahnherr des ersten Arbeiter- und Bauernstaats auf deutschem Boden.

Auch heute noch, wo in unmittelbarer Nachbarschaft die Kopie des Berliner Stadtschlosses als Humboldt Forum wiederersteht – was nicht weniger von einer Selbstvergewisserung hat –, bleibt das Liebknecht-Portal die bedeutendste Spolie des einstmals wichtigsten Barockschlosses nördlich der Alpen. Es ist an der Zeit, diese staatlich-ideologisch motivierte Rekonstruktion als Kunstwerk wahrzunehmen, schon um es nach Fertigstellung der Humboldt-Forums-Hülle mit der wahrscheinlich ornamental historisch richtigeren Kopie zu vergleichen.

Als Portal IV war das spätere Liebknecht-Portal Teil der nordwestlichen Schlosserweiterung von Johann Friedrich von Eosander, gen. Eosander von Göthe, der es dem Lustgartenportal seines Vorgängers Andreas Schlüter nachempfand. Dieser hatte bei seiner monarchisch-ideologisch motivierten Schlossanpassung (1701 ließ sich Kurfürst Friedrich III. zum König in Polen krönen und firmierte danach als Friedrich I.) an der intimeren Lustgartenseite auf die Kolossalordnung der hektischeren Stadtseite verzichtet und die Pilaster im 1. Obergeschoss mit Hermen kombiniert, männlichen Allegorien der Jahreszeiten, die einen Balkon tragen. Eosander tat es ihm gleich und verbaute zwei Hermenfiguren von Balthasar Permoser aus Dresden, die Herbst und Winter symbolisieren. In der Mittelachse des Portals gruppierte er Stockwerkssäulen zu den Pilastern; wie im Lehrbuch folgt auf die dorische Ordnung im Erdgeschoss in den beiden darüberliegenden Geschossen die ionische und die korinthische. Ein halbkreisförmiger Bogen schließt das Balkonfenster im 2. Obergeschoss nach oben hin ab und lässt in den Zwickeln Raum für je eine posaunenblasende Gottheit des Ruhms. Eine Wappenkartusche krönt die Mittelachse und durchbricht das Gebälk. Soweit stimmt die Rekonstruktion am Staatsratsgebäude mit dem barocken Original überein, doch wollte man nicht den Preußenadler über den Eingang setzen und so verzichteten die modernen Architekten zugunsten zweier Jahreszahlen darauf: 1713 und 1963. Die eine gibt das Todesjahr des Auftraggebers an, die zweite das Jahr der Wiedererrichtung. Auch die Adlerkartusche unter dem Balkon wurde 1963 nicht angebracht, was dem Portal ein strengeres Gepräge gibt.

Ein Jahr vor der Eröffnung am 3. Oktober 1964 bereitete das »Neue Deutschland« den Boden für diese bauliche Kehrtwende in der DDR, als es berichtet: »Auf unsere Frage, wie sich das reich profilierte Portal in die schlichte einfache Linienführung des Staatsratsgebäudes einfügen wird, antwortet Steinmetz Alfred Milde: ›… man muß sich einen schlichten Silberreif vorstellen, der mit einem kostbaren Edelstein besetzt ist.‹« Weiter heißt es dort: »Der steinerne Zeuge jener historischen Tage hat in der Fassade des künftigen Staatsratsgebäudes den wohl würdigsten Platz gefunden.«

Wenn Neil MacGregor im Interview auf Seite 10 sagt, dass man auf dem Liebknecht-Balkon nur Liebknecht ausstellen könne, dann darf man gespannt sein, wie die Macher des Humboldt Forums das tun werden. Der Ort mag geografisch der richtigere sein, aber weder ist das Humboldt Forum ein Schloss, noch will es sich der jüngeren deutschen Revolutionsgeschichte widmen. Vielleicht befreien die Verantwortlichen des Humboldt Forums damit die Erinnerung an den Spartakusbundvorsitzenden und Ausrufer der freien sozialistischen Republik Karl Liebknecht aus den Fängen der heute im Staatsratsgebäude der DDR residierenden Business School. Vielleicht ist das sogar ein der Sache angemessenes Unterfangen – aber dies bleibt jedem selbst zu entscheiden.

Christoph Tempel

Der Autor ist Redakteur des MuseumsJournals.

Weitere Artikel

Nach oben