Orte und Sammlungen
Blasse Spuren
Weil sie aus Stein waren und nicht wie sonst aus Holz, blieben sie erhalten: die Baracken des Zwangsarbeiterlagers im Berliner Industriegebiet Schöneweide. Ein Teil davon gehört heute zum Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit, ein anderer wird von Betrieben und öffentlichen Einrichtungen genutzt. Jetzt wurde die am besten erhaltene Baracke restauriert und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.
Ein breiter Sand-Kies-Weg trennt die weiß und graubraun gestrichenen Baracken: zwei lange, gleichförmige Fronten auf der einen Seite, vier quer zum Weg stehende Bauten auf der anderen. Nur die Bäume, die hier und da aufragen, mildern die strenge Symmetrie der Anlage. Wendet man sich zum Eingang an der Britzer Straße zurück, bietet sich ein ganz anderer Anblick. Mächtige, vier- oder fünfgeschossige Häuser aus der Gründerzeit und den zwanziger Jahren überragen die niedrigen Baracken. Ihre zahllosen Fenster, teils unter rundbogigen Balkonen, wirken wie Augen, die sich auf das Lager in ihrer Mitte richten. Zwangsarbeit – das wird nirgends so deutlich wie hier in Niederschöneweide – gehörte in den Jahren des Zweiten Weltkriegs zum Alltag. Alle konnten sehen, wie sich die Menschen dort unten am frühen Morgen auf den Weg zu den nahegelegenen Industriebetrieben machten, zu den Fabriken der AEG, den Batteriewerken Pertrix oder zum Reichsbahnausbesserungswerk, wie sie spät abends müde zurückkehrten und wie die Kleider um die Hungernden schlotterten.
Viele von ihnen waren in ihrem Heimatland einfach auf der Straße festgenommen und ins nationalsozialistische Deutschland verschleppt worden. Über 400 000 waren es schließlich im Sommer 1944 in Berlin. Untergebracht wurden sie in Baracken, aber auch in umgenutzten Hotels, Schulen und Gaststätten. Etwa 3000 Lager gab es damals in Berlin, doch erhalten ist nur das in Schöneweide. Es war erst spät, im Sommer 1943, errichtet worden, als der Luftkrieg schon über der Stadt tobte. Aus Gründen des Brandschutzes baute man die 13 Baracken daher aus Stein, nicht aus Holz wie zuvor. So wurden sie nach dem Krieg weitergenutzt, zunächst von der Roten Armee, dann von einem Impfstoffinstitut und verschiedenen kleinen Betrieben. Heute befinden sich in den östlichen der 11 erhaltenen Baracken eine Werkstatt, eine Kindertagesstätte, eine Sauna, ein Autohaus und eine Kegelgaststätte. Vor der Kita liegt buntes Plastikspielzeug im Gras, Blumen in Kunststoffschalen flankieren den Eingang zur Sauna mit ihrem grauen Rauputz. So wenig sich die Berliner an diesem Lager störten, so selbstverständlich eigneten sie sich die Gebäude nach dem Krieg für ihre Zwecke an.
Erst nachdem Initiativen wie die Berliner Geschichtswerkstatt auf das ehemalige Lager aufmerksam gemacht hatten, wurde das gesamte Areal 1995 unter Denkmalschutz gestellt. 2006 eröffnete in den sechs Baracken zur Britzer Straße das Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit unter Leitung der Stiftung Topographie des Terrors. Vor zwei Jahren konnte das Land Berlin zusätzlich die Baracke am anderen Ende des lang gestreckten Geländes erwerben. Sie wurde restauriert und ist im Rahmen von Führungen zu besichtigen. Die „Baracke 13“ ist von allen Baracken am wenigsten verändert: Estrichböden, Wände, Türen, Sprossenfenster und Fensterläden sind noch die ursprünglichen. Nur die Zwischenwände waren nach dem Krieg fast alle entfernt worden und sind nun durch dünne, nicht ganz bündig schließende Trennwände kenntlich gemacht. An der Eingangsseite findet man auf den rohen Betonsteinen sogar noch Spuren des grünlichen Tarnanstrichs.
Was von außen ganz harmlos aussieht, entfaltet innen seinen Charakter als spartanische, gut zu überwachende Lagerunterkunft. Von einem langen Mittelgang mit rohen Ziegelwänden gehen zu beiden Seiten jeweils fünf gleich große Stuben ab. In jedem hausten 16 Menschen zwischen acht Doppelstockbetten. In den ersten beiden Räumen links und rechts des Eingangs – er lag ursprünglich dem heutigen Eingang gegenüber – waren die Waschräume, ein großes, kreisrundes Becken aus Gussstein lässt die primitiven Verhältnisse erahnen. Weil die Räume mit den Spuren früherer Anstriche und Installationen für sich sprechen sollen, werden sie leer gezeigt. Transparente, von der Decke hängende Tafeln mit Zitaten von Zwangsarbeitern aus anderen Berliner Lagern sind die einzigen Ausstellungselemente. Sie erzählen – stets in Deutsch und der jeweiligen Muttersprache – von Erschöpfung und von Heimweh, von Krankheiten und Hunger, von der Todesangst bei Luftangriffen, von der Solidarität, aber auch der Abstumpfung unter den zwangsweise Zusammengepferchten.
Über die Menschen, die ab Mai 1944 hier einquartiert waren, weiß man kaum etwas, keinen der ehemaligen Insassen konnte man ausfindig machen. Das bei Kriegsende nicht ganz fertiggestellte Lager war nie vollständig belegt. Aus einer Liste vom 6. November 1944 geht hervor, dass zu diesem Zeitpunkt 435 italienische Zwangsarbeiter hier untergebracht waren. Vermutlich arbeiteten sie als Bauarbeiter für Albert Speer. Auch Zwangsarbeiter aus West- und Osteuropa waren hier, kurzzeitig auch etwa 200 Frauen aus einem Außenlager des KZ Sachsenhausen, das von einer Bombe zerstört worden war. Es ist auch nicht bekannt, wie viele Freiheiten die Insassen hatten, ob sie das Lager verlassen durften, ob der Maschendrahtzaun ringsum mit Stacheldraht bewehrt war.
Doch die ehemaligen Bewohner haben Spuren hinterlassen, wenn auch fragile und manchmal schwer deutbare: Kreide- und Bleistiftinschriften an den Wänden des Kellers, in denen sie bei Luftangriffen Schutz suchten. Man kann viele Datumsangaben lesen, auch Namen. Einige haben offenbar Plätze für sich markiert. Irgendwo stehen die Daten „21-3-45“ „23-3-45“ „15-4-45“, „18-4-45“ und schließlich „PASATO“, „vorbei“. Mit dem Kriegsende war auch die qualvolle Zeit für die Zwangsarbeiter vorüber, aber die körperlichen Folgen der schweren Arbeit und die traumatischen Erinnerungen haben sie ein Leben lang belastet.
Annette Meier
Das Dokumentationszentrum ist dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Die Baracke 13 ist nur im Rahmen von Führungen zu besichtigen.
Grundlegend für die Erforschung der Zwangsarbeit in Berlin 1938-1945 ist der Band, den der Arbeitskreis Berliner Regionalmuseen 2003 im Metropol Verlag herausgab. Er fasst die Ergebnisse eines gemeinsamen Ausstellungsprojekts zusammen.













