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Durchblick im Tropenhaus
Drei Jahre lang wurde das Große Tropenhaus im Botanischen Garten Berlin-Dahlem saniert, eines der größten freitragenden Gewächshäuser der Welt. Nun wächst hier der Tropenwald wieder – und wirkt unter der neuen netzartigen Glaskuppel schöner denn je.
An den Acrylscheiben der benachbarten Gewächshäuser rinnt das Kondenswasser herunter. Im Großen Tropenhaus, das sich majestätisch in ihrer Mitte erhebt, ist die Luft feucht, aber die Scheiben sind klar und geben den Blick auf den blauen Spätsommerhimmel frei. Warmes Wasser, das durch die Fensterprofile fließt, sorgt dafür, dass die Fenster nicht beschlagen und die Pflanzen genug Licht bekommen. Die Fassadenheizung ist Teil des neuen, ausgeklügelten Klimaregulierungssystems, das dem 100 Jahre alten, denkmalgeschützten Stahl-Glas-Bau im Botanischen Garten verpasst wurde. Die eindrucksvolle Stahlkonstruktion, die trotz der weiten Kuppel ganz ohne Stützen im Inneren auskommt, ist das einzige, was nicht ersetzt, nur von Rost befreit wurde. Neu sind die Spezialglasfenster der vorgehängten Fassade, neu ihre kleinteilige Struktur, die sich wieder stärker an das Erscheinungsbild der Jahrhundertwende anlehnt. Im Keller wurden Heizungsanlagen eingebaut, zwei als abgestorbene Urwaldbäume getarnte Umlufttürme saugen die aufgestiegene warme Luft an und leiten sie wieder nach unten, kleine silberne Geräte in verschiedenen Höhen messen Temperatur und Luftfeuchtigkeit. Diese Maßnahmen sorgen nicht nur für ein optimales Klima, sondern auch für einen sparsamen Umgang mit Ressourcen. Das Tropenhaus verbraucht jetzt nur noch halb so viel Energie wie vor der Sanierung.
Im Frühsommer zogen die Pflanzen wieder ein, die für drei Jahre ausquartiert worden waren: die Palmen und Sträucher, die Ficusbäume und Bananengewächse, der Riesenbambus und die 150 Jahre alten Palmfarne, die schon den Umzug des Botanischen Gartens von Schöneberg nach Dahlem Ende des 19. Jahrhunderts mitgemacht haben. Exotische Gewächse in unzähligen Grüntönen verwandeln den Ort in ein kleines Paradies, in dem auch Grotte und Wasserfall nicht fehlen. Einige Pflanzen haben schon wieder Fruchtstände ausgebildet – ein Wunder, sind doch Ortswechsel und Erschütterungen Gift für sie. Nur etwa hundert der insgesamt 4000 ausgelagerten Gewächse haben den Umzug nicht überstanden.
Dass der Tropenwald lichter wirkt als vorher, liegt daran, dass die Pflanzen zum Teil erheblich zurückgeschnitten werden mussten, um in den Ausweichquartieren unterzukommen. Überall sieht man noch die frische schwarze Erde zwischen den Sträuchern, und über dem ziemlich niedrigen Tropenwald erhebt sich eindrucksvoll die weite, 26 Meter hohe Glaskuppel. Nur die schnell wachsenden Lianen eilen schon wieder der Decke entgegen.
Für Übersichtlichkeit im Tropenhaus sorgen auch die neuen, schlanken Informationssäulen aus Edelstahl. Dezent und doch gut zu finden, erläutern sie dem Besucher an ausklappbaren Bild-Text-Tafeln, in welcher geografischen Zone er sich gerade befindet: ob in der afrikanischen Savanne, im brasilianischen Regenwald, in Australien oder in der Karibik. Denn die Tropen umfassen, wie auch der umlaufende Fries mit Landschaften im Vorraum zeigt, ganz unterschiedliche Klima- und Vegetationszonen. Auf den Stelen kann man außerdem nachlesen, wozu die Pflanzen ringsum genutzt werden und welche Besonderheiten manche Arten aufweisen – wie etwa die Cecropia, eine Pflanze aus der Familie der Brennnesselgewächse, die sich anstelle von brennenden Härchen mit Ameisen vor Fraß schützt, die an ihren Stängelansätzen proteinreiche Nahrung finden. Ameisen krabbeln natürlich nicht durch das Berliner Tropenhaus – ob es künftig aber wieder Vögel, kleine Reptilien oder Schildkröten geben wird, ist noch offen. Erst einmal sollen die Pflanzen ihr prächtiges Haus wieder in Besitz nehmen.
Annette Meier









