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Weite Reisen auf einer kleinen Insel

Beim Spaziergang über die im äußerten Südwesten Berlins gelegene Pfaueninsel führt der große Gartenarchitekt Peter Joseph Lenné unmerklich Regie. Ganz allmählich lösen sich unterschiedliche Landschaftsbilder ab, und immer wieder treten reizvolle, assoziationsreiche Gebäude in den Blick. Auch die Tiere, die neuerdings wieder hier leben, tragen zur Mannigfaltigkeit der Inselwelt bei.

Das Schloss an der Südwestspitze der Pfaueninsel ließ Friedrich Wilhelm II. 1794/95 erbauen. © SPSG, Foto: Hans Bach

"Pfaueninsel" heißt die Insel in der Havel erst seit 1795, als Friedrich Wilhelm II. die ersten dieser exotischen Vögel hierher bringen ließ. Vorher hatte sie den weniger romantischen Namen Kaninchenwerder. Bis heute sind Pfauen das Markenzeichen der Insel. Sie begrüßen den Besucher schon auf den Lampen der Schiffsanlegestelle, sie picken in den Beeten zwischen den Rosenbäumchen, sie schlagen mitten auf den Wegen ihr Rad und drehen sich dabei langsam im Kreis. Ihre Schreie hört man weithin.

Die meisten anderen über hundert Vogelarten, die auf der Insel leben, bekommt der Spaziergänger nicht zu Gesicht. Aber ein vielstimmiger Gesang begleitet ihn auf seinen Wegen unter Buchen und knorrigen Eichen. Lautlos gleiten dann und wann Boote am Ufer vorüber, deren weiße Segel zwischen den Baumstämmen hervorblitzen. Immer wenn man eine Weile eingetaucht ist in das dichte Grün, den Wald aus Eichen, Buchen und exotischen Koniferen, tut sich plötzlich eine Lichtung auf, steht man vor einem Brunnen, einem Tempel oder einer schier unendlichen Schneise, an deren Ende ein helles Bauwerk leuchtet. Abwechslung und Überraschung sind die Prinzipien des Landschaftsgartens im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert. Peter Joseph Lenné hat sie auf der Pfaueninsel meisterhaft angewandt und für die Sichtachsen die ganze Länge der Insel, die im Umriss an einen Walfisch erinnert, ausgenutzt. Das Wegenetz hat er so angelegt, dass man die über die Insel verstreuten Bauten nur entweder aus unmittelbarer Nähe oder aus weiter Ferne zu sehen bekommt. Wie Einbildungen wirken das weiße Schlösschen, die Meierei, das Kavalierhaus, der Luisentempel oder die Fontäne, wenn sie auf einmal jenseits einer Wiese aus dem Grün hervortreten.

Den Südturm des Kavalierhauses in der Inselmitte versah Karl Friedrich Schinkel 1824-26 mit der spätgotischen Fassade eines Danziger Patrizierhauses. Foto: Annette Meier


Landwirtschaft und Ruinenästhetik

Landschaftsarchitektur ist auch die Kunst, verschiedenartige Gartenräume zu formen und doch fließend ineinander übergehen zu lassen. Da gibt es den gepflegten Bereich um das Schloss herum, mit schmückenden Beeten, Statuen, Vasen und dem duftenden Rosengarten. Im Inneren der Insel stehen markante Baumgruppen im hohen Gras. Wenn man sich der Nordostspitze nähert, werden die Wiesen sumpfig, die Büsche und Bäume niedrig und es riecht plötzlich nach Bauernhof. Zwei Wasserbüffel mit ihren Kälbern weiden hier, dunkle, struppige Tiere mit geschwungenen Hörnern. Neben der Meierei grasen Ponys, gegenüber ducken sich schwarze Schafe unter den Schatten des Milchwagens. Es war zu Zeiten Luises, als man auf der Pfaueninsel begann, Äcker zu bewirtschaften und Rinder und Schafe zu halten, zur Unterhaltung der Kinder und weil in der Aufklärungszeit das Schöne vor allem in Verbindung mit dem Nützlichen geschätzt wurde. Der Luisentempel mit dem ernsten Marmorbildnis der früh Verstorbenen wacht über die ländliche Szenerie.

Der Luisentempel liegt auf dem höchsten Punkt der Insel im Nordosten. Die Säulenfront gehörte ursprünglich zum Mausoleum der Königin Luise im Schlosspark Charlottenburg und wurde 1829 hierher versetzt. Foto: Annette Meier


Im ausgehenden 18. Jahrhundert liebte man die Vorstellung, sich an Orten mit großer Vergangenheit aufzuhalten. Verfallene Schlösser, Tempel und Burgen stimulierten die Phantasie und regten das Auge an, das nicht mehr Vorhandene zu ergänzen. So wurde das Pfaueninsel-Schloss schon als Ruine gebaut, die Türme asymmetrisch, das obere Stockwerk bereits abgetragen. Dabei kam es vor allem auf die Fernsicht an, auf das bezaubernde Bild der weißen Doppelturmfront, das sich Friedrich Wilhelm II. vom Marmorpalais aus bot. Von Nahem wirkt das holzverkleidete Gebäude mit dem nur vorgetäuschten Mauerwerk wie eine Filmkulisse.

Vorbild der 1794 erbauten Meierei an der Nordostspitze der Pfaueninsel war die gotische Ruine The Priory im englischen Landschaftsgarten The Leasowes. © SPSG, Foto: Leo Seidel

Auch die Meierei am anderen Inselende sieht aus, als stehe nur noch ein Teil einer größeren Anlage, und auch hier ist der obere Rand des Gebäudes wie vom Zahn der Zeit malerisch angenagt. Der Spaziergänger sollte an ein Kloster denken, das vor langer Zeit aufgegeben worden war. Interessant sind die Lisenen und Einfassungen der spitzbogigen Fenster aus Feldsteinen, die den rustikalen Charakter unterstreichen und das Gebäude auch aus der Ferne kontrastreich erscheinen lassen. Zur Idee des Klosters passt der Kuhstall in Form einer Kapelle. Die schon damals uralten Eichen verstärkten die Suggestion, dass diese Insel eine lange, geheimnisvolle Vergangenheit habe. Wohl auch deshalb schonte man sie stets. Als Ferdinand Fintelmann, Vorgänger und ab 1816 Partner Lennés, im Jahr 1805 große Flächen auf der Pfaueninsel rodete, um Kartoffeln und Roggen darauf anzupflanzen, ließ er die Eichen mitten auf den Feldern stehen.

Die 1824 erbaute Voliere im südlichen Teil der Pfaueninsel wurde 2009/10 restauriert und beherbergt jetzt wieder verschiedene Vögel. © SPSG


Gewächshaus und Tierpark

Nicht nur in ferne Zeiten sollte die Pfaueninsel entführen, sondern auch auf fremde Kontinente. Weil diese damals nur für Kaufleute und wagemutige Wissenschaftler erreichbar waren, wurden die Mitbringsel ihrer Reisen um so mehr bestaunt. Im von Karl Friedrich Schinkel 1830 erbauten Palmenhaus wuchsen außer den namengebenden Palmen auch Tabak, Mangold, Bananen und Artischocken. Die Türgewände und Fenster aus durchbrochenem weißem Marmor stammten aus einem ostindischen Tempel. Auch Tiere wie Kängurus, Lamas, Alligatoren, Wölfe, Bären, bengalische Hirsche, chinesische Schweine und Papageien wurden auf der Pfaueninsel gehalten. Ab 1824 wurden für sie zu beiden Seiten einer Wiesenbahn südlich der Inselmitte neue Gehege, Höhlen und Tierhäuser in den verschiedensten Stilen gebaut. Einziges Überbleibsel der Menagerie ist die Voliere, die kürzlich restauriert wurde. Die einheimischen und exotischen Hühnervögel, die hier jetzt wieder über den Boden huschen – weiße Pfauen, Truthähne und die schillernd bunten Fasanen –, sind eine Reminiszenz an die Zeit, als die Pfaueninsel viel besuchter Tierpark war. 1842 wurden die Tiere an den gerade gegründeten Zoologischen Garten in Berlin abgegeben.

Das Kastellanshaus von 1796 war nach dem Schloss und der Meierei das dritte auf der Pfaueninsel errichtete Gebäude. Foto: Annette Meier

Auch das gläserne Palmenhaus, dessen prächtiges Inneres aus Aquarellen von Carl Blechen bekannt ist, existiert nicht mehr, es brannte 1880 ab. Erhalten haben sich weniger spektakuläre und doch originelle Bauten wie der Jagdschirm an der Südostspitze der Insel – eine gut getarnte Hütte für die königliche Entenjagd –, der derzeit sein Borkenkleid wieder erhält. Es lohnt sich, auch einen Blick auf die meist etwas versteckt an den Rändern der Insel liegenden Häuser der damaligen Gärtner und anderen Bediensteten zu werfen: das schon 1796 errichtete Kastellanshaus westlich der Fähranlegestelle zum Beispiel mit seinen feldsteinumrandeten Fenstern, das größere Schweizerhaus daneben, ein Schinkel-Bau, oder das Dampfmaschinenhaus am Südufer, dessen tief herabgezogenes Ziegeldach aus dem Grün leuchtet. Auch sie bereichern die Insel um vielfältige Assoziationen. Wie alle Bilder auf der Insel drängen sie sich dem Besucher nicht auf. Nur wer sich treiben lässt, träumt und Umwege nimmt, wird all ihre Schönheiten entdecken. Annette Meier

Pfaueninsel

 
 
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