Orte und Sammlungen
Leben und Sterben im antiken Griechenland
Griechische Kunst war in Berlin jahrzehntelang an zwei Orten zu besichtigen: Plastiken, Grab- und Weihreliefs im Pergamonmuseum, Vasenmalerei, Schmuck und Kleinkunst im Alten Museum. Die neue Ausstellung der Antikensammlung führt nun erstmals all diese Zeugnisse aus dem antiken Griechenland zusammen. Das Ergebnis ist ein höchst abwechslungsreicher Rundgang von der archaischen Kunst bis zum Hellenismus, bei dem sich Skulptur und Malerei wechselseitig erhellen.
Ein martialischer Krieger, wie er einem Videospiel entsprungen sein könnte, ist das erste, auf das der Blick fällt. Unheimlich starren die Augen, die der eckige Helm als einziges freilässt. Auf Samos, um 530 vor Christus wurde diese Marmorstatue geschaffen, von der nur noch der Kopf erhalten ist – einen Hopliten stellt sie dar, einen schwerbewaffneten Fußsoldaten. Aus dieser Zeit stammt das Wort „Phalanx“, erfahren wir aus der Wandtafel, die geschlossene Formation der mit Rundschild und Lanze ausgestatteten Krieger. Und wirklich ziehen auf den Terrakottavasen ringsum Bewaffnete zwischen hochbeinigen Pferden reihenweise in die Schlacht. An der Wand sind verschiedenartige Bronzehelme zur Schau gestellt, meist mit Wangen- und Nasenschutz, wie sie auch der marmorne Krieger trägt.
Nicht nur hier am Beginn, immer wieder gelingt es der Ausstellung zur griechischen Kunst, die nun im Alten Museum eröffnet wurde, den Betrachter in den Bann zu ziehen. Besonders interessante Exponate sind in den Sichtachsen positioniert, zum Teil vor leuchtend roten Wänden. Geschickt wurden die Werke so gruppiert, dass das Auge geführt wird und der Gang durch die langen Säle des Schinkelbaus, besonders den Nordsaal, nicht ermüdend wird. Zwei Nebenräume erlauben außerdem Abstecher in die Welt der griechischen und römischen Münzen und die des antiken Goldschmucks.
In der neuen Präsentation erläutern sich die Exponate wechselseitig. Darstellungen auf Vasenmalereien und kleine Bronze- und Tonfigürchen machen das Leben in der Antike anschaulich, deren überlebensgroße Skulpturen meist nur noch in Fragmenten erhalten sind. Die griechische Kunst bietet sich geradezu dazu an, Großplastik, Vasen und Kleinkunst zusammen zu zeigen – dass das hier zum ersten Mal überhaupt in Berlin geschieht, hat nicht nur mit veränderten Ausstellungskonzepten, sondern mehr noch mit der langjährigen Teilung der Sammlung zu tun.
Seit 1958 waren die griechischen und römischen Skulpturen im Nordflügel des Pergamonmuseums zu sehen. Im kalten Neonlicht reihten sie sich dort scheinbar endlos vor hohen Wänden. Die herausragende Vasensammlung dagegen war nach dem Zweiten Weltkrieg größtenteils nach West-Berlin gelangt und dort lange im westlichen Stülerbau, dem heutigen Domizil der Sammlung Berggruen, untergebracht. Auch als sie 1998 ins Alte Museum zog, blieb die Trennung zwischen Vasen und Kleinkunst hier und größeren Skulpturen im Pergamonmuseum bestehen, wo auch die berühmten Werke der griechischen und römischen Architektur ihren Platz haben.
Jetzt erst also, mit dem Auszug der Statuen aus dem Pergamonmuseum, konnten die Kuratoren der Antikensammlung mit ihrer weltberühmten Sammlung frei arbeiten, konnten Akzente setzen und innerhalb der chronologischen Ordnung auch thematische Schwerpunkte bilden. Große Figuren, Torsi und Reliefs wechseln dabei mit Kleinkunst in Vitrinen ab, Götterstatuen mit Alltagsgerät, weißgrauer oder gelblicher Marmor mit leuchtend schwarz-roten Vasen, plastische Köpfe und Architekturglieder mit flächiger Malerei. Das macht den Rundgang höchst abwechslungsreich.
Auch die einzelnen Kapitel sind spannungsvoll voneinander abgesetzt. Nach dem Auftakt zur kriegerischen Frühzeit Attikas, dem Zeitalter Homers, findet sich der Besucher in einer Allee zwischen Weihfiguren – Koren und Sitzstatuen – wieder, eine Reminiszenz an die „heilige Straße“, die Milet mit dem Apollonheiligtum Didyma verband. Hier läuft sie auf eine nackte Jünglingsstatue zu, die einst ein Opfertier in den Armen hielt. Wie die Doppelsitzfiguren ist der Kouros noch von ägyptischen Vorbildern inspiriert, doch spürt man bereits ein anderes Körpergefühl. Ein Bewegungsrhythmus, jenes Wechselspiel von Anspannung und Entspannung, das in der griechischen Skulptur später zur Meisterschaft gebracht wird, erfasst die Figur. Das Frauenkopf-Paar an ihrer Seite zeigt das berühmte archaische Lächeln – nicht nur die Lippen sind gespannt und die Mundwinkel heben sich, auch die mandelförmigen Augen lachen. Am Ende des Ostflügels erwartet die große „Berliner Göttin“ – eigentlich wohl die Grabstatue einer vornehmen Bürgerin – die Besucher, hoheitsvoll, sorgfältig gekleidet, frisiert und geschmückt. Leider steht sie erstmals unter einer Glashaube, die dafür sorgt, dass sich die erhaltenen Farbreste nicht auch noch verlieren. Wie man sich die einst strahlend bunte Statue vorstellen muss, konnte man kürzlich in der Ausstellung „Bunte Götter“ im Pergamonmuseum sehen.
Den Auftakt im langen Nordsaal bilden die prächtigen Vasen der Antikensammlung, die von den Abenteuern des Odysseus, den Heldentaten des Herakles und Theseus, von sportlichen Wettkämpfen, dem Treiben der Satyrn und dem Liebeswerben erzählen. Virtuos nutzen die Maler die Wölbung der Amphoren und die Tellerspiegel, um die Szenen lebendig wiederzugeben. Eine mächtige Marmorbüste der behelmten Athena, von Friedrich dem Großen erworben, ein bezaubernder Kinderkopf mit versonnenem Ausdruck, die lässig posierende „Aphrodite auf der Schildkröte“, deren faltenreiches Gewand ihren Körper umschmeichelt, bilden hier und dort einen Blickfang.
Rund um den bronzenen „Betenden Knaben“, der den aus der Rotunde des Alten Museums kommenden Besuchern seine Arme entgegenstreckt, sind die berühmten Bildwerke der Klassik versammelt: der „Berliner Athlet“, der Torso des Doryphoros (des Speerträgers) des Polyklet und die „Verwundete Amazone“, die sich erschöpft auf einen Pfeiler stützt, alle drei erstklassige römische Marmorkopien nach den griechischen Bronzeoriginalen. Eine Vitrine mit erstaunlich vielfältigem Trinkgeschirr – Silberschalen und zierlichen Bechern, Eimern und Schöpflöffeln – macht die hohe Kultur des Gelages deutlich, während die derben Szenen auf den Vasen daneben seine andere Seite, die Ausschweifung, vor Augen führen.
Von den jugendlichen Körpern, sportlichen Hochleistungen und rauschhaften Festen sind es nur ein paar Schritte zu den Marmorstelen und -reliefs von den Gräbern reicher Athener. Ernste Frauengesichter, Dienerinnen, den Kopf melancholisch in die Hand gestützt, Eheleute und Freunde, die sich die Hände zum Abschied reichen und deren Blicke sich begegnen, erzählen von der Verbundenheit der durch den Tod Getrennten und vom Schmerz des Verlustes. Den Alltag in Athen illustrieren Tonfiguren, Spielzeug, Spiegel und Parfumflakons. Auf Vasen und Schalen blicken wir in die Werkstätten der Töpfer und Schmiede und in die Privaträume von Frauen, die für die Hochzeit geschmückt werden, Wolle spinnen oder Kinder in ihren Armen halten. Nur Priesterinnen gelang es, aus dieser engen Welt des Hauses auszubrechen.
Unter den Zeugnissen aus den griechischen Kolonien Süditaliens bezaubert die „Thronende Göttin aus Tarent“ in ihrer verwirrenden Mischung aus Unnahbarkeit und Milde. Das schöne, warme Licht lädt dazu ein, ihr ebenmäßiges Antlitz mit dem angedeuteten Lächeln, den Fall der zarten Gewandsäume, den Thron, der Schnitzereien imitiert, genauer zu betrachten. Aber auch wer sie umkreist, wird dem Geheimnis ihrer Anziehung nie ganz auf den Grund kommen.
Im Hellenismus brechen dann Alltag, Krankheit und Alter in die Kunst ein. Der ausgezehrte Oberkörper eines alten Fischers, der furchtsam aufschauende Sklavenjunge, die fast wie eine Karikatur wirkende Büste Epikurs stehen für die erstaunliche Lebensnähe dieser Kunst, die plötzlich die Unterschiedlichkeit der Menschen, der Stände und Lebensalter entdeckt hat.
Im letzten Raum wird rund um einen eindrucksvollen römischen Sarkophag die 350-jährige Geschichte der Berliner Antikensammlung erzählt. Hier sollen einmal die Zeugnisse aus Pergamon ihren Platz finden, die ab Herbst zunächst in der großen Sonderausstellung über die antike Metropole zu sehen sein werden. Erst danach werden die „Antiken Welten“ im Alten Museum mit der griechischen Kunst im Hauptgeschoss und der Kunst der Römer und Etrusker im Obergeschoss ganz vollständig sein. Annette Meier
Antike Welten – Griechen, Etrusker und Römer im Alten Museum












