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Am Set. Paris - Babelsberg - Hollywood, 1910-1939

Dreharbeiten zu "Wenn die Maske fällt" (D 1912), Urban Gad, Fritz Weidemann, Asta Nielsen, Guido Seeber. Quelle: Deutsche Kinemathek

Ein Foto aus einem Glasatelier der 1910er-Jahre: Zu sehen ist eine bemalte Wandkulisse, ausgestattet mit Vorhängen und einer eingebauten Tür, davor ein ausgerollter Teppich und Möbel. Offenbar soll die Illusion eines bürgerlichen Ambientes erzeugt werden. Die an eine Bühnendekoration erinnernde Kulisse endet an der Seite und oben im Nichts. Benötigt wird nur der von der statischen Filmkamera fotografierte kleine Bildausschnitt, innerhalb dessen die Schauspieler Asta Nielsen (1881–1972) und Fritz Weidemann (1891–1970) agieren. Im Vordergrund, für die Betrachter in Rückansicht, haben sich drei Herren in weißen Kitteln der Szene zugewandt. Links, mit Hut, der Regisseur Urban Gad (1879– 1947), einen Fuß locker auf einen Holzstuhl gesetzt, mit der rechten Hand gestikulierend, offenbar Regieanweisungen gebend. Rechts, hinter der Kamera, kurbelnd, der Operateur Guido Seeber (1879–1940), neben ihm ein Assistent, der seine Hand auf das Gehäuse des Apparats legt.

Dreharbeiten in den Pathé-Studios in Vincennes bei Paris, um 1919. Collection Isabelle Champion, Paris

Dokumentiert wird mit diesem Foto die Arbeit an einem der ersten im Studio Babelsberg gedrehten Filme »Wenn die Maske fällt« (D 1912). Die Fotografie ist eine der wenigen Ergänzungen der Deutschen Kinemathek zu der Ausstellung »Am Set. Paris – Babelsberg –Hollywood, 1910–1939«, eine Übernahme von der Cinémathèque française. In Paris war die von Isabelle Champion und Laurent Manzoni kuratieren Ausstellung 2010 unter dem Titel »Tourenwagens« zu sehen. Das Foto der Dreharbeiten zu »Wenn die Maske fällt« wurde aufgrund des hundertjährigen Jubiläums der Studios in Babelsberg 2012 hinzugefügt. Die aus dem Archiv der Cinémathèque française und der Sammlung des Cineasten Gabriel Depierre (1929–2005) stammenden Fotografien wurden von den Kuratoren nach verschiedenen, für die Dreharbeiten in den1910er-, 1920er-und 1930er- Jahren typischen Aspekten arrangiert. Nach einem einführenden Kapitel zur Standfotografie gliedert sich die Ausstellung in die Bereiche »Studios«, »Licht«, »Kameras«, »Ton«, »Kulissen «, »Schauspielführung« sowie »Stars und Technik«.

Über einige dieser Aspekte gibt auch das 1912 in Babelsberg entstandene Foto Auskunft: Es wird im Tageslicht des Glashauses gearbeitet, obwohl, wie links auf dem Foto zu erkennen ist, auch elektrisch betriebene Jupiterlampen bereitstehen. In einem Interview berichtet der damalige Kameraassistent Karl Hasselmann, dass das Paar Asta Nielsen und Urban Gad (Star und Regisseur waren miteinander verheiratet) darauf bestand, möglichst saubere Bewegungsaufnahmen zu erzielen, weshalb die Bildgeschwindigkeit von den damals üblichen 16 auf 20 Bilder pro Sekunde erhöht wurde. Weil man den Operateur Guido Seeber anwies, in dieser Geschwindigkeit zu kurbeln, muss sein Assistent die Kamera mit der Hand festhalten, sonst droht sie auf dem Stativ zu wackeln.

Die Lesarten der einzelnen Fotografien der Ausstellung – es sind durchgängig zeitgenössische Originalabzüge – sind vielfältig, sie bieten Bausteine einer Archäologie der bedeutenden französischen, deutschen und amerikanischen Studios über drei Dekaden. Zusätzlich entwickelt die Ausstellung einen Reiz durch ihre vielfältigen Bezüge. Vergleicht man etwa das Foto aus Babelsberg mit einer um 1910 in den Pathé-Studios in Vincennes bei Paris entstandenen Werkaufnahme, so sind die bis zum Bildaufbau gehenden Parallelen frappierend. Die Glasarchitektur des Ateliers, die im »Trompe l’oeil«-Verfahren gemalten Kulissen, die Operateure im weißen Kittel, die Holzstühle für das Teamhinter der Kamera – der klappbare Regiestuhlwird noch nicht benötigt. Ein Unterschied jedoch ist signifikant: Während in Babelsberg bereits elektrische Lampen am Set bereit stehen, arbeitet man in Vincennes noch ausschließlich mit Tageslicht. Es sind auch die sich innerhalb von drei Jahrzehnten vollziehenden technischen und ökonomischen Entwicklungen, von denen diese Ausstellung erzählt. So demonstrieren die Fotos zum Kapitel »Ton« sehr anschaulich die mit dem Aufkommen des Tonfilms eintretenden Veränderungen der Kameratechnik und des Studiobaus.

Regisseur Ernst Lubitsch vor der Tür eines amerikanischen Studios, um 1930. Quelle: Collection Isabelle Champion, Paris

Der Standfotograf erfüllte und erfüllt noch heute zwei Aufgaben: Parallel zu den Filmaufnahmen macht er während der Dreharbeiten Fotos, die mehr oder weniger der Perspektive der Filmkamera entsprechen und als Szenenfotos zu Werbezwecken dienen. Für Werkaufnahmen jedoch bezieht der Fotograf auch das Geschehen hinter der Kamera (Licht- und Tongeräte, das Filmteam) mit ein und erweitert die Perspektive häufig so, dass die Illusionswelt der Kulissen erkennbar ist. Diese eher dokumentarischen Bilder zeigt die Ausstellung »Am Set. Paris – Babelsberg – Hollywood, 1910–1939«. Auch wurden und werden in den Pausen und Wartezeiten Stars und Regisseure fotografisch in Szene gesetzt, dies wiederum zu Werbezwecken. Neben den oben genannten Themenbereichen widmen die Kuratoren Champion und Mannoni zehn amerikanischen, deutschsprachigen und französischen Regisseuren je ein Ausstellungskapitel: David W. Griffith, Cecil B. DeMille, King Vidor, Friedrich W. Murnau, Fritz Lang, Ernst Lubitsch, Abel Gance, René Clair, Jean Renoir und Erich von Stroheim. Hier sieht man zum Beispiel Ernst Lubitsch, beschienen von der kalifornischen Sonne, locker an ein geöffnetes Tor eines Tonfilmstudios gelehnt, sein Markenzeichen, die Zigarre, darf nicht fehlen, oder Cecil B. DeMille mit seinem Star Claudette Colbert beim Betrachten von Negativen zu »Cleopatra« (USA 1934). David W. Griffith wird mit einem großen Megafon am Set von »Intolerance« (USA 1916) abgelichtet und René Clair hinter einer Debrie-Kamera beim Dreh von »Sous les toits de Paris« (. 1930). In seinem Vorwort zum Katalog schreibt Martin Scorsese: »Diese Fotos verraten die Begeisterung für Kreativität als Antwort auf neue Technologien, ein neues Jahrhundert, eine neue Kunstform, eine wirklich neue Art zu sehen. Und man fühlt die gleiche Begeisterung […] egal ob die Fotos gestellt oder auf dem Set eingefangen wurden.«

Ein Regisseur ist sowohl auf den Sets in deutschen, französischen und amerikanischen Studios zu sehen. Er wirkt stets agil, ein physischer Regisseur, der, das vermitteln die Werkfotos, viel von seinen Schauspielern verlangt. Es ist Fritz Lang, an den Sets von »Metropolis« (D 1927), »Liliom« (F 1934) und »Fury« (USA 1936).
Peter Mänz


Der Autor ist Leiter des Bereichs Ausstellungen der Deutschen Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen. Zur Ausstellung ist ein von Laurent Mannoni und Isabelle Champion herausgegebener Katalog erschienen mit 216 Seiten und zahlreichen Abbildungen zum Preis von 29 €.

Die Ausstellung "Am Set. Paris - Babelsberg - Hollywood, 1910-1939" ist bis zum 29. April 2012 in der Deutschen Kinemathek - Museum für Film und Fernsehen zu sehen.

Dieser Artikel ist erstmals im MuseumsJournal 1/2012 erschienen. Das Heft kann man im Shop bestellen.

 
 
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