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Entzauberte Antike

Dass antike Skulpturen einst farbig gefasst waren, weiß man schon seit langem – aber wie muss man sich das vorstellen? Im Pergamonmuseum sind nun Rekonstruktionsversuche der bunten Götter zu sehen.

Knieender Bogenschütze mit gespanntem Bogen und Pfeil in lebhaft gemusterter, eng anliegender Kleidung, gelbem Wams und Skythenmütze
So genannter Paris. Farbrekonstruktion einer Figur aus dem Giebelschmuck der Westfassade des Aphaia-Tempels auf Ägina (Griechenland), um 490–480 v. Chr. © Stiftung Archäologie 21, Universität Heidelberg, Foto: Dieter Rehm

„Wäre ich doch hässlich gewesen wie eine Statue, der man die Farbe abgekratzt hat“, lässt Euripides die schöne Helena klagen. Dann hätte Paris sie schließlich nicht entführt und der langjährige Trojanische Krieg wäre nicht ausgebrochen. Was Kunstliebhabern jahrhundertlang als Inbegriff des Schönen erschien – die reine, weiße griechische Marmorskulptur –, galt bei den Griechen selbst als unansehnlich. Schon seit Winckelmann weiß man, dass antike Skulpturen ursprünglich farbig gefasst waren – noch heute deuten viele Farbreste darauf hin –, doch wie das genau aussah, war unklar. Seit einiger Zeit aber gibt es verbesserte Methoden, die noch vorhandenen schwachen Farbschleier zu untersuchen. Unter speziellen Mikroskopen können Pigmentreste ausgemacht und anschließend chemisch analysiert werden, im UV-Licht zeigen sich Farben, die vorher nicht auszumachen waren. Unterschiedliche Verwitterungsreliefs auf der Marmoroberfläche lassen auf verschiedene Pigmente schließen, und im Streiflicht erkennt man die Vorzeichnungen und Einritzungen, mit denen die Maler den Farbauftrag vorbereiteten. Mit den so gewonnenen Erkenntnissen konnte man erstmals versuchen, die einstigen farbigen Fassungen an Gipsabgüssen zu rekonstruieren. Die verwendeten Pigmente, mineralische, organische und synthetisch erzeugte, sind so zusammengesetzt wie in der Antike. Das Ergebnis ist nun im Pergamonmuseum zu besichtigen – und ist irritierend.

Marmorstatue mit schwachen roten Farbresten am bodenlangen Kleid
So genannte Berliner Göttin. Standbild eines Mädchens oder einer Göttin, um 570–560 v. Chr. Marmor © Staatliche Museen zu Berlin, Antikensammlung, Foto: Gisela Geng
Junges Mädchen mit schwarzen, langen Locken in rotem, ornamentbesetztem Kleid und Goldschmuck
Grabfigur der Phrasikleia. Farbrekonstruktion des Standbildes eines Mädchens, um 540 v. Chr. © Foto: Vinzenz Brinkmann

An der Seite der berühmten Berliner Göttin, der lebensgroßen Statue aus frühgriechischer Zeit, deren einst rotes Kleid noch zu erahnen ist, steht nun die bunte Rekonstruktion der ihr ähnlichen Phrasikleia aus dem Athener Nationalmuseum, ebenfalls eine Grabfigur aus dem 6. Jahrhundert vor Christus. Sollte die ehrwürdige Berliner Göttin mit dem geheimnisvollen Lächeln und den streng symmetrischen Gewandfalten tatsächlich wie eine Schaufensterpuppe ausgesehen haben? Sollten die Ohrringe, im Stein eine unmerkliche Erhebung, schon von weitem gebaumelt und golden geblinkt haben? Sollte sie diesen Kirschmund und diese scharf gezogenen Augenbrauen gehabt haben und alles Mythische, Hintergründige nur unsere Projektion gewesen sein?

Die junge Göttin in langem Gewand schreitend
Artemis von Pompeji. Gipsabguss einer Statue der Artemis, frühe römische Kaiserzeit nach einem Vorbild um 480 v. Chr.© Foto: Vinzenz Brinkmann

Zu sehen ist auch die kleinere Artemis von Pompeji, die vor 250 Jahren ausgegraben wurde und die Winckelmann, den glühenden Verfechter einer marmorweißen Antike, am Schluss seines Lebens doch zu der Einsicht brachte, dass die antike Skulptur einst farbig war. Als bemalte Gipsrekonstruktion wirkt die energisch daherschreitende Göttin auf einmal billig. Will man eigentlich wissen, dass ihre Haare rotblond sind, der Schultergurt ihres Köchers und die Sandalen hellrot? Befremdlich die Vorstellung, dass der schöne Marmor nur als Malgrund diente, dass die fast fühlbare Plastizität des Körpers, das bezaubernde Faltenspiel des Gewandes unter den deckenden Farben wieder verschwand. Wie lackiert wirken die Götter und Krieger – dabei besitzen die griechische Wandmalereien (die wir nur von römischen Kopien kennen) und auch die gemalten Szenen auf den weißgrundigen Vasen, von denen einige Beispiele hier ausgestellt sind, doch durchaus Tiefe und feine Abstufungen.

Zwischen den berühmten Marmorskulpturen des Pergamonmuseums wird auch der Rekonstruktionsversuch eines ganzes Giebelfelds gezeigt, des Westgiebels vom Aphaia-Tempel auf Ägina – anders als die Phrasikleia und die Artemis war dieses schon an anderen Stationen, unter anderem in Wien, Frankfurt am Main, Basel und Hamburg, zu sehen. Ein grellbunter Bogenschütze kniet da, an seiner mit zitronengelben, giftgrünen und rostroten Rauten verzierten Hose war er für die Zeitgenossen schon von weitem als Perser zu erkennen.

Auch erzählerische Reliefs müssen einst ganz anders wahrgenommen worden sein, wie der Alexandersarkophag aus Sidon im heutigen Libanon zeigt. Während wir bei marmornen Friesen die Szenen gleichsam abstrahierend betrachten, das Auge von den plastischen Rundungen und markanten Diagonalen leiten lassen, eher das Gewoge der Schlacht wahrnehmen als einzelne Kämpfer, bleibt der Blick bei der farbigen Version an den Details hängen. An der Kleidung, den Satteldecken und figürlich ausgemalten Schilden sind die gegnerischen Parteien, Makedonen und Perser, unmittelbar zu identifizieren. Sogar Blutspritzer sind dargestellt. Der Kampf wird nicht, wie in der Marmorfassung, zum Kampf schlechthin sublimiert, es wird ganz einfach die Überlegenheit der Griechen – unter Alexander dem Großen, der im purpurnen Mantel zu Pferd angreift – über die Perser dargestellt. Wir betrachten die griechische Skulptur immer noch mit dem verklärenden Blick der Zeit um 1800, die in ihr jenes emphatisch verstandene Allgemein-Menschliche verkörpert sah. Noch in der brutalsten Schlacht bewundern wir die Entschlossenheit der Angreifer und den verzweifelten Widerstand der Unterlegenen, die gespannte Kraft und Schönheit der nach vorn drängenden, schleudernden, sich windenden und stürzenden Körper. Offenbar müssen wir unsere Vorstellung von der Antike revidieren. Sie war oberflächlicher, banaler, auch grausamer, als es ihre Verehrer von Winckelmann bis Hegel wahrhaben wollten.
Annette Meier

Bunte Götter. Die Farbigkeit antiker Skulpturen. Pergamonmuseum, 13. Juli bis 3. Oktober 2010

Im Hirmer Verlag ist ein Katalog zur Ausstellung erschienen, der den Stand der Forschungen zur Polychromie antiker Skulptur zusammenfasst und auch auf die neuesten Untersuchungen zur Berliner Göttin, zur Phrasikleia und zum Pergamonaltar eingeht. Er kostet im Museum 29,90 €, im Buchhandel 39,90 € und ist auch in unserem Shop erhältlich.



 
 
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