Orte und Sammlungen
800 Jahre Geschichte in einem Haus
Das älteste Bauwerk Berlins erstrahlt nach zweijähriger Sanierung in neuem Glanz: die Nikolaikirche. Sie lockt nicht nur mit frischen Farben, aufschlussreichen Rekonstruktionen und ungewohnten Durchblicken, sondern auch mit einer neu konzipierten Ausstellung. Virtuelle Spaziergänge und Zeitreisen erzählen spannende Geschichten von Ort, Bauwerk und Persönlichkeiten.
Es gibt nur wenige Orte in Berlin, deren sichtbare Spuren bis in die Gründungszeit der Stadt zurückreichen. Im Nikolaiviertel, einst Handelsniederlassung an der Ostseite der Spree und damit Wiege Alt-Berlins, befindet sich eine solche Stätte: die Nikolaikirche. Schon um 1244, als die Siedlung zum ersten Mal urkundlich erwähnt wird, muss es an dieser Stelle ein Gotteshaus gegeben haben. Es wird wohl als repräsentatives Bauwerk durch die Bürger errichtet worden sein, die damit dem um 1230 erhaltenen Stadtrecht auch sichtbar Ausdruck verleihen wollten. Die unteren drei Geschosse der Türme im Westen und Fundamente, die in einem archäologischen Fenster im Inneren des Hauses zu betrachten sind, zeugen von dieser aus Feldsteinen errichteten Basilika. Wenige Jahrzehnte später war der spätromanische Stil aus der Mode gekommen, und der Bau wurde in den Formen der Frühgotik zu einer Hallenkirche umgestaltet. Einschneidend waren auch die Errichtung des Hallenumgangschors Ende des 14. Jahrhunderts und der Bau von spätgotischem Langhaus, Sakristei und Kapelle im 15. Jahrhundert. Weitere Umgestaltungen und Ergänzungen folgten bis zur weitgehenden Zerstörung im Zweiten Weltkrieg. Erst zum 750. Jubiläum der Stadt Berlin 1987 wurde die Kirche wiederaufgebaut und als Museum eröffnet. Nach einer zweijährigen Sanierung ist die Nikolaikirche nun mit einer neuen Ausstellung wieder zu besichtigen.
Es ist naheliegend, darin einige der vielen Geschichten zu erzählen, die sich mit diesem historischen Ort verbinden. Auf sieben Themeninseln geht der Besucher auf Spurensuche zurück in die frühe Stadtgeschichte, verfolgt die baulichen Veränderungen der Kirche und spaziert durch das angrenzende Viertel. Er lauscht den hier entstandenen Kirchenliedern, erfährt, wie sich die Gottesdienste mit der Reformation veränderten und welche bedeutenden Familien das Privileg hatten, sich im Kirchenraum bestatten zu lassen. Auch ein Schatz ist zu entdecken: Der verschollen geglaubte Inhalt des Turmknaufes – Münzen, Dokumente und Drucke, die Beamte des Hofstaates und bedeutende Bürger zwischen 1514 und 1734 dafür spendeten – wurde 1990 wiedergefunden und ist jetzt im Südjoch der Turmhalle, der Bayerschen Gruft, zu sehen.
So vielfältig die Themen der Ausstellung sind, so abwechslungsreich erschließen sie sich. Die Feldsteinbasilika als Ursprungsbauwerk etwa lässt sich nicht nur am Turm und an dem archäologischen Sichtfenster ausmachen. Im neuen Fußboden ist ihr Grundriss zudem mit größeren Klinkern nachgezeichnet, und ein Modell neben der Sichtgrube rekonstruiert, wie diese Kirche einst ausgesehen haben mag. Ausführlich wird die Baugeschichte von den Anfängen bis zur Gegenwart in einem Film erläutert, der im nördlichen Seitenschiff betrachtet werden kann.
Aufschlussreich und zuweilen amüsant sind die Funde, die im Chor präsentiert werden und die aus dem Inneren der Kirche und aus Erdbestattungen stammen. Allerlei Nützliches und Schmückendes wurde den toten Angehörigen mitgegeben: Gnidelsteine zum Glätten der Kleidung, Rasierpinsel, Schreibgriffel, Fingerhüte, Messer, Kämme, verzierte Knöpfe und Schnallen, Fächer, Ketten aus Bernstein und Totenkronen aus dem 18. Jahrhundert, die Kindern und unverheiratet Gestorbenen aufgesetzt wurden, sind bei Grabungen gefunden worden. Und natürlich werden auch Architektur und Kirchenausstattung durch die Bestattungskultur geprägt. Schon im Inneren der spätromanischen Kirche fanden privilegierte Verstorbene ihre letzte Ruhestätte. Nach der Reformation wurden auch die Seitenkapellen des Chores von Adligen, Beamten, Gelehrten, Militärangehörigen und einflussreichen Bürgern zu prachtvollen Grabstätten umgebaut. An der Ostspitze des Chores beeindruckt besonders ein reich verzierter silberner Kindersarg, aber auch zahlreiche Epitaphien – Erinnerungstafeln mit Inschriften, Reliefs oder Gemälden der Verstorbenen.
Das Hauptschiff der Hallenkirche ist dem Wandel der Liturgie gewidmet; natürlich war in dieser Hinsicht die Reformation, die sich 1539 auch in Berlin durchgesetzt hatte, das einschneidendste Ereignis. Noch aus der vorreformatorischen Zeit stammt das Triumphkreuz, das einst in der Marienkirche seinen Platz hatte. Die Nikolaikirche besaß bis 1715 jedoch ein sehr ähnliches Exemplar, das auf dem Epitaph-Gemälde des kurfürstlichen Rates von Kötteritz an seinem ursprünglichen Platz zu sehen ist. Verloren gingen auch große Teile des barocken Hochaltars. Engel und die Personifikationen der Tugenden haben sich jedoch erhalten. Geschickt täuschen sie das Auge, denn sie sind nicht aus kostbarem Marmor, sondern aus bemaltem Lindenholz.
Während sich im Hauptschiff eine Themeninsel mit Leben und Wirken des bekanntesten Pfarrers der Nikolaikirche befasst, lässt sich auf der Empore seinen Liedern lauschen: Paul Gerhardt, einer der bedeutendsten deutschen Kirchenlieddichter, veröffentlichte in seiner Amtszeit an der Nikolaikirche 1657–1667 die erste Gesamtausgabe seiner Liedtexte, darunter so bekannte und schon damals populäre Werke wie „Geh aus mein Herz und suche Freud“ und „Nun ruhen alle Wälder“. Eine Auswahl von Kompositionen vom 17. Jahrhundert wird an den Hörstationen gespielt.
In Gottesdiensten gesungen wird in der Nikolaikirche seit 1939 nicht mehr. Als Museum und mit einer Ausstellung, die aus verschiedenen Perspektiven auf Geschichte und Bauwerk, Gesellschaft und Persönlichkeiten blickt, hat sie aber eine würdige neue Funktion erhalten.
Nadja Mahler
Vom Stadtgrund bis zur Doppelspitze. 800 Jahre Berliner Nikolaikirche, Nikolaikirche, seit 21. März 2010











