Orte und Sammlungen
Was die Schellackplatte erzählt
Das Museum Neukölln ist in den Süden des Bezirks umgezogen. In einem ehemaligen Pferdestall auf dem Gutshof Britz zeigt es zum ersten Mal eine Dauerausstellung. 99 Objekte stehen für verschiedene Kapitel der Bezirksgeschichte, die sich der Besucher an Computerterminals erschließen kann. Das einzelne, sinnlich erfahrbare Ding wird zum Anreiz, immer mehr über seine Hintergründe und die jeweilige Epoche zu erfahren.
Die Ausstellungsfläche ist nicht groß, hundert Quadratmeter sind es, die das Museum Neukölln an seinem neuen Standort auf dem Gutshof Britz zur Verfügung hat. Trotzdem wirkt der Raum – ein früherer Pferdestall, wie man noch an den Tränken und Eisenringen erkennt – hell und großzügig. Der alte Steinboden ist schlammfarben, alles andere wurde weiß gestrichen: Wände, Kappendecke, die raumbeherrschenden Fachwerkpfeiler. Nichts lenkt ab von den Objekten, die, sorgsam ausgeleuchtet, in den Vitrinen zur Schau gestellt werden. Höchst verschiedene Dinge sind es, die bunte Milchtüte und das verwitterte Holzschild mit Frakturschrift, der Mörtelklumpen mit gelben und roten Mosaiksteinchen und das bestickte Kopfkissen, ein Glas mit Honig und ein tanzendes Paar aus Porzellan, Vereinsbanner und eine Toilettenschüssel mit rosa Blumendekor. Warum sammelt ein Museum solche Dinge, warum stellt es sie gar aus? Rätselhaft sind diese Objekte, fremd und faszinierend zugleich. Wer, neugierig geworden, einen der Bildschirme zu sich heranzieht, die sich an den Vitrinen entlang schieben lassen und das Objekt, das ihn interessiert, antippt, taucht dann unmerklich immer tiefer in eine Geschichte ein.
Zum Beispiel die Schellackplatte: Sie warb einst mit einem flotten Song für das größte und modernste Kaufhaus Europas, Karstadt am Hermannplatz, das 1929, kurz vor der Weltwirtschaftskrise, eröffnet wurde. Auf Fotografien wandelt man durch die reich bestückten Hallen und Lichthöfe, in einem Film sieht man die modisch gekleideten Besucher auf der Dachterrasse spazieren und schaut mit ihnen auf das alte Neukölln und seine Mietskasernen herab. Man erfährt, dass das intakte Gebäude im April 1945 von der SS gesprengt wurde, damit die dort gelagerten Lebensmittel nicht den vorrückenden sowjetischen Truppen in die Hände fielen, und endet bei den gesichtslosen Shopping-Centern der Gegenwart.
Oder das hauchzarte, von Glasperlen gesäumte, lachsfarbene Tuch: Es ist ein Tanztuch, Teil eines traditionellen türkischen Hochzeitsfests. Ein Paar, das 2002 in Neukölln geheiratet hat, hat es dem Museum überlassen und auch Fotos von der Hochzeit zur Verfügung gestellt, so dass der Besucher einen Einblick in die Bräuche der türkischen Kultur gewinnt. Auch die zugehörige Musik kann er hören.
Die Ausstellungsstücke fungieren als Brennglas, in dem verschiedene Kapitel der Neuköllner Geschichte fokussiert werden. Sie erzählen von verschwundenen Handwerken und verlorenen Naturräumen, von wegweisenden Neuköllner Erfindungen und Reformen, von Revolutionen im Haushalt und legendären Straßenbahnlinien, vom Nebeneinander der Kulturen im früheren und heutigen Neukölln. Zum Teil sind es persönliche Erinnerungsstücke, in denen sich individuelle Biografie und Zeitgeschichte verweben. Zum Teil sind es auch anonyme Dinge, einst allgegenwärtig und heute oft unbekannt, die geradezu emblematisch Kapitel der Sozial- und Alltagsgeschichte illustrieren: So steht die Lederpeitsche („Siebenstriemer“) für die Jahrhunderte langen Disziplinierungsversuche an den Schulen, der Wäscherührstab – ein schlichter, hölzerner Spatel, der leicht in der Vitrine schwebt – für die beschwerliche, zeitraubende Hausarbeit vor der Einführung moderner Haushaltsgeräte. Erst wer die Fotos von der gebeugten Frau am Bottich sieht, die sich müht, die nassen, schweren Wäschestücke aus der heißen Lauge zu heben, ahnt, welche Erleichterung zunächst die kurbelbetriebenen Geräte und schließlich die vollautomatischen Waschmaschinen bedeuteten.
Eine Nähmaschine wie in der Ausstellungsvitrine stand Ende des 19. Jahrhunderts in unzähligen Rixdorfer Arbeiterküchen vor dem Fenster. Die Frauen verdienten sich damit ein Zubrot, indem sie für die großen Konfektionshäuser um den Hausvogteiplatz Manschetten und Kragen nähten. Einzigartig dagegen – und gleichzeitig fast provozierend banal – ist ein anderes Ausstellungsobjekt: die zum Reibeisen umfunktionierte Schippe. Was aber könnte besser von der Not der Nachkriegszeit erzählen als dieses Blechstück, in das eine findige Neuköllnerin mithilfe von Schraubenzieher und Hammer Löcher getrieben hat, um Kartoffelpuffer oder Kartoffelklöße machen zu können – eine winzige Abwechslung auf dem immergleichen Speiseplan?
Unscheinbar sind oft auch die Dinge, die an traditionsreiche, heute jedoch vergessene Unternehmen erinnern. Der hölzerne Pakettragegriff mit dem Aufdruck „Warenhaus H. Joseph & Co.“ ist das kümmerliche Zeugnis des großen Textilwarenkaufhauses an der Berliner Straße (heute Karl-Marx-Straße), das 1936 „arisiert“ wurde. So erzählen die Objekte nicht nur von der Neuköllner Geschichte, sondern auch von der Bedeutung musealen Sammelns. Bewahrung und Erinnerung sind indes kein Selbstzweck. Wo immer möglich, spannen die Texte und Bilder auf den Bildschirmen den Bogen bis in die Gegenwart. Die Geschichte des ehrwürdigen Postamts an der Karl-Marx-Straße, eines prächtigen Neorenaissancebaus, das zugleich Fernsprechamt, Unfallmeldestelle und Rentenstelle war, endet mit einem Ausblick auf die bescheidenen Post-Ecken in den Schreibwarenläden von heute. In einer Zeit, in der die Post eine Filiale nach der anderen schließt und Packstationen für Selbstabholer einrichtet, ist es interessant zu lesen, dass die Briefträger in Neukölln 1912 sechs Mal am Tag Briefe austrugen und diese selbstverständlich auch in den fünften Stock brachten.
Bezirksgeschichte wird begriffen als die Geschichte aller Menschen, die in Neukölln zu Hause sind – ob hier geboren oder zugezogen. Der als Kind aus Ostpreußen Geflüchtete hat das Honigglas gestiftet, ein Geschenk der heutigen Bewohner seines Geburtshauses, eine kolumbianische Künstlerin die Maske vom Karneval der Kulturen, eine kurdische Familie die Nasenflöte, die sie 1989 auf der Flucht nach Deutschland mitbrachte, die bundesweit bekannte Rütlischule eine ihrer Mützen aus der jüngsten „Rütli-Wear“-Kollektion. Auch die Besucher sind aufgefordert, ihre eigene Geschichte zu erzählen, die sie mit den Ausstellungsstücken verbinden, entweder direkt an den Computerarbeitsplätzen im Museum oder zu Hause über die Museums-Website. Diese Geschichten erweitern dann wiederum jenes im Laufe vieler Jahre aufgebaute Wissensnetz, das in der Struktur der digitalen Text-Bild-Bausteine dieser Ausstellung sinnfällig wird. Ohne die Erzählung, ohne die lebendige Erinnerung und das Wissen der Museumsmitarbeiter blieben die Dinge aus den Archiven stumm. Ohne diese greifbaren Dinge aber, die da so rätselhaft hinter Glas schimmern, hätten die Erinnerungen keine Verankerung in der Wirklichkeit.
Annette Meier
99 x Neukölln. Museum Neukölln
Auf der Website des Museums erhält man erste Informationen zu den 99 Objekten und hat die Möglichkeit, seine eigene Geschichte dazu aufzuschreiben.













