Ausstellungen
Ein Dutzend Münder
Die Akademie der Künste präsentiert ihr großes George-Grosz-Archiv. Sie zeigt Grosz als Erfinder charakteristischer Typen und bissigen Agitator, aber auch als einfühlsamen Porträtisten und als unermüdlichen Monteur von Bildmaterial aller Art.
George Grosz wurde erst 1958 in die Akademie der Künste aufgenommen, als er bereits 25 Jahre in Amerika lebte – „zu spät“, wie er seiner Schwester schrieb. Bereits 1931 hatte Max Liebermann die Aufnahme des Künstlers durchzusetzen versucht, doch gab es Bedenken wegen des Gotteslästerungsprozesses, der Grosz wegen seiner Zeichnung des Gekreuzigten mit Gasmaske bevorstand. Die Akademie widmet Grosz nun eine Ausstellung am Pariser Platz und öffnet dafür ihr reiches Archiv. Eine Fülle von Mappen, Druckwerken, Heften und Postkarten kommt dabei zutage, einiges wird zum ersten Mal überhaupt gezeigt. Erst 1984 wurde im Keller eines Hauses am Savignyplatz eine Kiste entdeckt mit über 2000 Briefen, Jugendzeichnungen und Skizzen für das Porträt des befreundeten Schriftstellers Max Herrmann-Neisse. Grosz hatte sie bei seinen Schwiegereltern zurückgelassen, als er Anfang 1933 emigrierte. Das leicht wellige Papier verrät noch die Lagerung im feuchten Keller.
Die gelungene Ausstellungsgestaltung evoziert das Gefühl, man schaue in Magazinschränke, beuge sich über geöffnete Kisten und dürfe in interessanten Hinterlassenschaften stöbern. In korridorartig gestellten, verglasten Holzkästen findet man die Zeichnungen des Jugendlichen, Kopien nach Wilhelm Busch und Ludwig Richter und erste Skizzen prägnanter Typen, die er in der Gaststätte seiner Mutter beobachtet hatte. Übermütige Dada-Collagen sind zu sehen und bissige Titelzeichnungen für Zeitschriften wie „Der blutige Ernst“, „Die Pleite“ und „Der Knüppel“, in denen Ausbeuter, Kriegstreiber und -gewinnler attackiert werden. Die Novemberausgabe 1923 der „Pleite“ zeigt einen martialischen, primitiven „Siegfried Hitler“ mit Schwert und Bärenfell. Neben den massenhaft verbreiteten Blättern aus den Mappen „Ecce Homo“ und „Hintergrund“ sind auch kleine Arbeiten zu sehen, die aus Spaß entstanden, übermalte und überklebte Postkarten an Freunde und die Collagen der 50er-Jahre, in denen amerikanischer Konsum und Schönheitskult aufs Korn genommen werden. Auch Fotografien werden gezeigt, darunter eine Aufnahme des Künstlers am Kurfürstendamm von 1959. Grosz war im Mai nach Deutschland zurückgekehrt und starb durch einen Unfall schon sechs Wochen später.
In der Ausstellung begegnet man dem bekannten Grosz mit der spitzen Feder, dem verknappenden Strich, den zugespitzten Botschaften. Daneben lernt man ihn als detailversessenen Sammler kennen. Ob Textschnipsel aus Zeitschriften oder Werbeanzeigen für Triumph-Unterwäsche, ob Kunstpostkarten oder eine Fotografie des sinnierenden Hitler – alles kann bei Grosz zum Material werden. In andere Bilder montiert, erscheinen die Motive amüsant verfremdet oder in boshafte Kommentare zu den politischen Verhältnissen und zum Zeitgeist umgemünzt. In den fünfziger Jahren schnitt er Motive auf Vorrat aus, Augen, Münder, Frisuren, Käfer dutzendweise. Natürlich fand er das richtige Motiv nie wieder, wenn er es verwenden wollte. Sein Freund Wieland Herzfelde erarbeitete eine perfekte Systematik und ordnete alles in schöne Mappen ein, die dann viele Jahre unberührt in Grosz’ Atelier standen.
Auch seine Skizzenbücher, die eine lange Tischvitrine füllen, lassen etwas von dieser Pedanterie und dem Sammeleifer spüren. Alle Hefte sind ordentlich beschriftet. Studien von Posen wechseln sich ab mit Angaben zu Farbtönen, auf der Straße Beobachtetes mit Notizen zu aktuellen Themen. In den Skizzenbüchern der amerikanischen Zeit gehen deutsche und englische Wörter durcheinander. Eine Seite zeigt die bitterkomische Skizze eines „entwurzelten Menschen“, daneben eine Zeichnung des Atommodells.
Aus der Kunstsammlung der Akademie stammen einige wunderbare große Zeichnungen, darunter die „Friedrichstraße“ von 1918 mit dem Strom von Militärs, Huren, Freiern, Arbeitslosen und Bettlern vor Häusertürmen und glitzernder Reklame, ein Neben- und Durcheinander verschiedenster Existenzen und Eindrücke. Im letzten Raum der Ausstellung sind alle 23 Skizzen des Kopfes von Max Herrmann-Neisse zu sehen, Vorarbeiten zu den berühmten Porträts in der Kunsthalle Mannheim und im Museum of Modern Art. Der Literat ist im Gespräch festgehalten, in unterschiedlichen Nuancen der Aufmerksamkeit und Konzentration. Schon in diesen knappen Bleistift- und Tuschzeichnungen ist enthalten, was auch an den Gemälden so fasziniert: der Ausdruck des höchst beweglichen Geistes, des scharfen Intellekts in einem deformierten Körper. So unbarmherzig Grosz die Gesichter der Militärs, Richter und Kleriker zu Fratzen verzerrt, so zärtlich betrachtet er den kahlen Schädel seines Freundes, der unmittelbar aus den Schultern herauszuwachsen scheint, die runde Nickelbrille auf der übergroßen Nase, die unschön vorspringenden Lippen. Der Spezialist für die hässliche Natur des Menschen kann in solchen körperlichen Defekten nichts Abstoßendes entdecken.
Annette Meier
George Grosz. Korrekt und anarchisch. Akademie der Künste am Pariser Platz, 24. Januar bis 5. April 2010
Am 9. Februar um 20 Uhr liest Bernd Stempel in der Akademie aus den Briefen zwischen George Grosz und Max Herrmann-Neisse. Klaus Völker führt in den temperamentvollen Briefwechsel dieser beiden außergewöhnlichen Persönlichkeiten ein.












