Orte und Sammlungen
Aus Preußens Schatzkammer
Der Kronschatz und das königliche Tafelsilber standen einst im Mittelpunkt der wichtigsten Zeremonien am Hof. Was die hochrangigen Gäste beeindrucken sollte, ist auch heute noch überwältigend. In Schloss Charlottenburg werden jetzt die vergleichsweise jungen Kroninsignien der Hohenzollern, das Silber, das die Einschmelzungen überstand, und die kunstvollen Porzellanservice Friedrich des Großen neu präsentiert.
Als Friedrich III. sich 1701 zum König in Preußen krönen ließ, mussten die dafür nötigen Insignien – Krone, Zepter, Reichsapfel und Reichssiegel – erst angefertigt werden. Während der Kronschatz anderer europäischer Herrscherhäuser seit Jahrhunderten von einem Regenten zum nächsten weitergegeben worden war und so Alter und Würde der Dynastie sinnfällig machte, war in Brandenburg-Preußen alles neu. Den Mangel an Anciennität versuchte Friedrich III. durch Pracht wettzumachen. Das Krongestell, üblicherweise aus vergoldetem Silber, ließ er aus reinem Gold fertigen und mit 153 Diamanten und 8 Perlen besetzen. Dieses kostbare Gestell mit dem blau emaillierten Reichsapfel ist nun, nach zweijährigem Exil in Schloss Oranienburg, in einer neu geschaffenen Schatzkammer in Schloss Charlottenburg zu besichtigen. Auch die Karkasse der Königinnenkrone und die übrigen Insignien der Königswürde – der Reichsapfel, das Kurzepter, das durch einen preußischen Adler zum Reichszepter umgearbeitet wurde, Reichsschwert und Kurschwert – glänzen hier im Licht der Spots.
Die Krone als goldenes Gerippe, bar aller funkelnden Diamanten, die sich über den Stirnreif, die acht Bügel und den Reichsapfel zogen – dieser Anblick ist nicht erst uns vertraut. Es war üblich, dass man die Diamanten nach den Zeremonien – in Preußen waren es meist Begräbnisfeierlichkeiten – abnahm und an Familienmitglieder auslieh, die diese oft als Schmuck fassen ließen. Auch die veilchenfarbenen, tropfenförmigen Ohrgehänge, die Königin Luise als Braut trug, zählen zu den Kronjuwelen und werden daher in Charlottenburg gezeigt.
Große und kleine Edelsteine zieren auch die Tabatièren Friedrich des Großen, die ebenfalls in der Schatzkammer ausgestellt sind. Die acht Schnupftabaksdosen aus Gold oder farbigem Stein sind die einzigen, die sich aus einer Sammlung von etwa 300 Exemplaren erhalten haben. Figürliche Reliefs aus Gold oder Grisaille-Malereien schmücken die Deckel der meist kartuschenförmigen Behältnisse, die Ränder sind mit Brillanten wie mit Zuckerwerk überzogen. Einige dieser kleinen Meisterwerke der Steinschneide- und Goldschmiedekunst hatte Friedrich der Große stets um sich. Ihr Charakter als persönliches Accessoire und ihre außergewöhnliche Kostbarkeit machten sie zu idealen Geschenken an verdiente Feldherren oder Gesandte.
Zur Kammer mit dem Kronschatz führt eine etwas labyrinthische Folge aus kleinen Räumen und Fluren, in denen Schätze aus der Silberkammer der Hohenzollern präsentiert werden. Tatsächlich befand sich hier, im östlichen Flügel des alten Schlosses, früher die Hofküche mit Konditorei und Silberkammer. In der Silberkammer wurde nicht nur das Tafelsilber und -gold aufbewahrt, nach Gebrauch gezählt und gereinigt, sondern seit dem 18. Jahrhundert auch das nicht weniger kostbare Porzellan. Der Rundgang führt von einem goldenen Lavabo, Kettenflaschen und Münzhumpen aus der Zeit um 1700 über die vielgliedrigen Tafelaufsätze und Terrinen von Johann George Hossauer aus dem Historismus bis zu dem modern anmutenden Silbergedeck, das die preußischen Städte anlässlich der Hochzeit Kronprinz Wilhelms und Cecilies 1905 in Auftrag gaben. Ludwig Hoffmann, bekannt als Architekt des Märkischen Museums und des Berliner Stadthauses, entwarf das 1000-teilige Service mit den Jugendstilanklängen, Fritz Klimsch und andere fertigten die graziösen Tänzerinnen und Musikanten, der Tierbildhauer August Gaul schuf die beiden obeliskentragenden Elefanten, die den imaginären Festzug quer über den gedeckten Tisch anführen. Schon im jetzigen Zustand beeindruckt die Tafel, die ursprünglich viermal so lang war.
Auch das Silber diente der Repräsentation des Herrscherhauses und war symbolisch eng mit der Person des Monarchen verbunden. Das zeigt sich etwa darin, dass die Kurfürsten, wenn sie zur Wahl und Krönung der römisch-deutschen Könige und Kaiser nach Frankfurt reisten, ihr Silber mitnahmen und beim Festmahl auf Buffets hinter sich präsentierten. Als 1757 feindliche Truppen vor den Toren Berlins standen, wurde die königliche Familie mitsamt dem Silber in die befestigte Stadt Magdeburg gebracht. „Die Garnison, die Königliche Familie und der Schatz sind unzertrennlich und bleiben immer beieinander“, hatte Friedrich II. angeordnet, „dabei müssen auch die Krondiamanten und das Silberzeug der Prunkzimmer sein.“
Dass der Schauwert des königlichen Tafelsilbers die Gebrauchsfunktion bisweilen nebensächlich werden ließ, ist einigen Stücken der Ausstellung unmittelbar anzusehen. Der riesige Prunkhumpen mit seinem überbordenden Schmuck aus wappenhaltenden Greifen, altdeutschem Hochzeitszug, Buckeln und farbigen Schmucksteinen, den die preußischen Städte und Provinzen Prinz Wilhelm und Auguste Viktoria 1881 zur Hochzeit schenkten, geht ganz in seiner Repräsentationsfunktion auf. Aber auch die Silberterrinen aus dem Service Friedrichs des Großen waren viel zu schwer, um sie bei Tisch nutzen zu können.
Zur Schau gestellt wurde mit dem Silber auf den Tafeln und Buffets jener Teil des königlichen Vermögens, der sich jederzeit in bare Münze verwandeln ließ. Der für seine Sparsamkeit bekannte Friedrich Wilhelm II. zögerte nicht, Silbergerät in großen Mengen anzuschaffen, stellte es doch eine Art Geldanlage dar. Um die Schlesischen Kriege zu finanzieren, ließ Friedrich II. erst 1745, dann noch einmal 1757 einen Großteil des Silbers einschmelzen. Als Preußen erneut zu Reichtum kam, wuchs auch wieder der Silberbestand, bis die Niederlage gegen Napoleon Friedrich Wilhelm III. zum erneuten Einschmelzen des Silbers zwang. Glücklicherweise weigerte sich der Hofstaatssekretär, auch das Große Silberbuffet aus dem Rittersaal des Berliner Schlosses in den Ofen zu geben. So besitzt Berlin das einzig erhaltene große barocke Buffetensemble, Glanzstück des Kunstgewerbemuseums in Schloss Köpenick.
Beim Porzellan sind zweifellos die Service, die Friedrich der Große erst in Meißen, dann in seiner eigenen Manufaktur in Berlin in Auftrag gab, der Höhepunkt des Rundgangs. Erstaunlich, wie die Bildwelten des Rokoko von den Platten und Terrinen Besitz ergreifen: Rocailles säumen die Schüsselränder, knospende Rosen, Zitronen oder spielende Putti bilden den Griff, rankendurchwobene Spaliere ähnlich denen in den königlichen Gärten überziehen Tellerränder, Pfirsiche, glänzende Pflaumen und Kirschen kullern über Tellerspiegel. Auf den Tellern des Japanischen Service von 1762 laufen Phantasietiere durch mit Palmen angedeutete Landschaften, auf dem Terrinendeckel faucht ein Leopard. Oft lässt sich am Dekor erkennen, für welches Schloss das jeweilige Service angeschafft wurde. Das Service mit den Szenen aus Ovids „Metamorphosen“ war, ebenso wie das von Weinlaub überrankte Silberservice, für Sanssouci bestimmt, das 1770 entstandene mit den asiatischen Motiven für das Chinesische Haus. Als Blickfang dient ein wunderbarer durchbrochener Früchtekorb; an den als Palme ausgebildeten Schaft lehnen sich in vollendeter Grazie eine Asiatin und ihr Sohn.
Während sich Friedrich der Große leidenschaftlich für Porzellan interessierte, Bildprogramme und Farbgestaltungen mitbestimmte, waren seine Nachfolger weniger engagiert. Die Service aus der Zeit Friedrich Wilhelm III. bestechen durch ihre klassisch-einfachen Formen und den naturalistischen Dekor etwa mit Weinranken oder blauen Winden. Der Patriotismus der Befreiungskriege machte auch vor dem Tafelgeschirr nicht halt: 1818 entstand ein Service mit Lorbeer- und Eichenlaubkränzen und eisernem Kreuz in der Tellermitte. Interessant auch der große, vergoldete Tafelaufsatz von Karl Friedrich Schinkel, der in Schloss Charlottenburg vor pompejanisch-roten Wänden in Szene gesetzt wird: Viktorien auf hohen Säulen, untereinander durch Lorbeergirlanden verbunden, reihen sich zu einer Via triumphalis auf der Tafel.
Kronschatz, Silber und Porzellan waren die meiste Zeit den Blicken entzogen. Die Kroninsignien und -juwelen wurden im Tresor verwahrt. Auch die prächtigen Silber- und Porzellanservice wurden ausschließlich für Feste aus der Silberkammer geholt. Nur die geladenen hohen Gäste bekamen sie zu Gesicht, sahen sie gefüllt mit exotischen Kostbarkeiten aller Art, konnten verfolgen, wie die geleerten Schüsseln durch ein Heer von Dienern immer wieder ausgetauscht wurden und wie – ein Augenblick höchster Spannung – das Trinkgefäß von den Ranghöchsten weitergereicht wurde zum König, der es begleitet von Kanonensalven leerte. Dieses minutiös geregelte Zeremoniell, die Menge der Anwesenden und die Geschäftigkeit des Personals, den Geruch der Speisen und das Licht der Kerzen muss sich der heutige Schlossbesucher hinzudenken. Aber das Silber selbst, all diese edlen Prunkstücke bieten sich ihm offen dar. Auch wenn er diese Stücke mit kunstgeschichtlich geschultem Blick betrachtet, etwas von der erdrückenden Pracht, dem blendenden Glanz des Hofschatzes teilt sich ihm noch heute mit.
Annette Meier
Kronschatz und Silberkammer der Hohenzollern. Neue Dauerausstellung in Schloss Charlottenburg
Der im Deutschen Kunstverlag erschienene Katalog enthält interessante neue Erkenntnisse etwa zur Funktion der Silberkammer und zur Entwicklung der Schaubuffets am preußischen Hof. Er kostet 19,90 Euro.














