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Große Pracht im Kleinen

Kirchen waren einst bedeutende Gesamtkunstwerke: Nicht nur die Architektur, auch die Ausstattung zeugte von der starken Verehrung Gottes, aber auch von Reichtum und Macht der Institution. Das Bode-Museum zeigt nun einige der schönsten Beispiele des kleineren kirchlichen Inventars – Reliquiare, Tragaltäre, Kreuze –, sakrale Schätze aus dem Dom zu Hildesheim sowie aus dem Berliner Kunstgewerbemuseum.

Goldener, gekrönter Männerkopf auf einer polygonalen Architektur mit Kuppel, verschiedene Heiligenfiguren an den Seiten
Kopfreliquiar des hl. Oswald, Hildesheim, um 1185–1189. Silber, teilweise vergoldet, Niello, Filigran, Email, Stein- und Perlbesatz, Eichenholzkern. Dom-Museum Hildesheim © Bildarchiv Foto Marburg/Dom-Museum Hildesheim

Reich war sie einst und mächtig. Die kostbarsten Skulpturen, Gemälde, Handschriften, Gewänder, Gefäße und Gerätschaften füllten ihre Häuser. Ein jeder, der darin einkehrte, suchte diesen Besitz zu mehren – zum eigenen Wohl. Über die Jahrhunderte hat die Kirche so ungeahnte Schätze zusammentragen können, bis durch die Reformation und später die Säkularisierung unzählige Kunstwerke zerstört,  enteignet und geraubt wurden. So hat es die Besitztümer meist weit verstreut, nur wenige sind noch an ihrem ursprünglichen Ort zu finden. Einer dieser Kirchenschätze ist der Hildesheimer Domschatz, er enthält Objekte aus über eintausend Jahren, angefangen bei einem Marienreliquiar von 815. Die Hauptwerke daraus werden nun mit den schönsten Stücken kirchlicher Kunst des Berliner Kunstgewerbemuseums in der Ausstellung „Schätze des Glaubens“ zusammengeführt. Vor allem die Hauptwerke aus dem Welfenschatz, dem Basler Münsterschatz und aus dem ehemaligen Stift St. Johannis und Dionysius zu Enger/Herford sind zu sehen, die Staatsbibliothek zeigt über die Ausstellungszeit wechselnde wertvolle Handschriften und Bucheinbände.

Tafel, in der Mitte mit dem throndenden Christus mit Segensgestus, auf den anderen Bildfeldern Szenen aus dem Neuen testament und Heiligenfiguren
Tragaltar des Eilbertus, Altarplatte, Köln, um 1150. Kunstgewerbemuseum SMB © SMB. Foto: Jürgen Liepe


Wer zu den Kostbarkeiten gelangen will, muss sich erst einmal in die Tiefe begeben: in das Untergeschoss des Bode-Museums. Hinter der Tür öffnet sich dann wirklich eine Schatzkammer, in gedämpftem Licht präsentieren sich erlesene Prunkstücke in effektvoll beleuchteten Vitrinen. Das älteste Stück stammt noch aus der Spätantike und trägt eigentlich gar kein christliches Motiv: Es ist ein aus Elfenbein geschnitztes Diptychon des Römers Rufius Probanius, der auf der einen Seite thronend mit dem später für Christusdarstellungen üblichen Segensgestus gezeigt wird. Genau zur Zeit der Entstehung des Reliefs, um 400 n. Chr., kam es zur Übertragung dieser Darstellungsform auf Christus, die dann als „Majestas Domini“, Herrlichkeit Gottes, bezeichnet wird. So schien es später kein Problem, die kleinen Tafeln für einen Buchkasten zu verwenden, der eine um 1100 entstandene illuminierte Handschrift des ersten Bischofs von Münster aufnahm.

Geldbörsenförmiger Behälter, mit Gold und Edelsteinen verziert, auf dem schmalen oberen Ende mit Löwen geschmückt
Reliquiar in Bursenform, Frankenreich, 3. Viertel 8. Jh. Holzkern, Gold- und Silberblech, Edelsteine, Perlen, Zellenschmelz. Kunstgewerbemuseum SMB. © SMB. Foto: Arne Psille

Der Glauben stützte sich nicht nur auf Bilder, sondern vor allem auch auf „reale“ Hinterlassenschaften bedeutender Persönlichkeiten – auf Reliquien, meist Knochen der Heiligen. Um sie angemessen zu präsentieren, wurden kostbare Behälter geschaffen, so etwa das Reliquiar in Bursenform, also in Gestalt einer Pilgertasche, als Zeichen des weiten Weges, den die Reliquie zurückgelegt hatte. Es trägt auf der einen Seite eine Vielzahl von Edelsteinen, in Gold gefasst und in Form eines doppelten Kreuzes angeordnet. Die Rückseite zeigt in einer oberen Reihe Christus von zwei Engeln flankiert und darunter die Muttergottes mit Petrus und Paulus. Anders als man vermuten könnte, lässt sich das Reliquiar nicht am oberen Ende, das von Löwen bewacht wird, sondern an der Unterseite öffnen. Die Reliquien sind im Laufe der Zeit verloren gegangen, doch noch immer zeugt das Behältnis von der ihnen entgegengebrachten Verehrung. Verschiedene weitere Reliquiare sind in der Ausstellung zu finden, einige verraten ganz deutlich, was sie enthalten: die Armreliquiare etwa, die tatsächlich als Unterarm ausgeführt sind, oder die prachtvollen Kopfreliquiare des heiligen Oswald und des heiligen Blasius.

Skulptur einer sitzenden Madonna mit dem Kind, Köpfe und Hände beider Figuren fehlen, das Holz ist mit Gold verkleidet und nur an den körperenden sichtbar
Große Goldene Madonna, Hildesheim, um 1010/15. Dom-Museum Hildesheim © Bildarchiv Foto Marburg/Dom-Museum Hildesheim
Stehende Frauenfigur mit einem Kind auf dem Arm, die Haut erscheint silber, Haare und Gewand golden
Hainrich Hufnagel, Muttergottes, Reliquienstatuette aus dem Zisterzienserkloster in Kaisheim, Augsburg, 1482. Silber, teilvergoldet. © Skulpturensammlung und Museum für Byzantinische Kunst SMB, Foto: Antje Voigt


Aus allen Bereichen der kirchlichen Ausstattung zeigt die Ausstellung herausragende Stücke: die Große Goldene Madonna zum Beispiel, eine der ältesten vollplastischen Darstellungen der Muttergottes, um 1010/15 entstanden. Sie und das Kind tragen erst später ergänzte Köpfe, die in ihrer edlen Schlichtheit so zurückhaltend sind, dass sich die Aufmerksamkeit doch ganz den erhaltenen goldverkleideten Körpern widmet. Wie sich die Formensprache über die Jahrhunderte veränderte, lässt sich an der Muttergottes aus dem Zisterzienserkloster Kaisheim nachvollziehen: Wie viel plastischer, fließender fällt das Gewand, wie viel bewegter, natürlicher ist die Haltung. Faszinierend sind auch die verschiedenen Tragaltäre, die kleine, fein ausgearbeitete Figuren zeigen. Kreuze sind in den unterschiedlichsten Formen zu finden, mal schlicht, aber bewegend mit der Figur des Gekreuzigten, mal prunkvoll mit Edelsteinen besetzt, mal als Scheibenkreuze mit verschlungenem Rankenwerk. In anderen Vitrinen stehen reich verzierte Kreuzfüße, die der Aufnahme der Altarkreuze dienten, wenn diese nicht auf Tragestangen in Prozessionen benutzt wurden. Liturgische Geräte wie Monstranzen, Kelche, Leuchter, liturgische Gewänder wie eine Mitra, Bucheinbände und illuminierte Handschriften machen deutlich, wie umfangreich und vielseitig der Bestand der Kirchenschätze gewesen sein muss.

Thronender heiliger Blasius mit Mitra und Bischofstab, ihm zu Füßen kniend König Otto und seine Frau Agnes
Plenar Herzog Ottos des Milden, Rückdeckel, Braunschweig, 1339. Buchdeckel/Silber, graviert und vergoldet, Malerei, Edelsteine und Perlen, Holzkern. Kunstgewerbemuseum SMB. © SMB. Foto: Jürgen Liepe

Ganz an die dunklen, nur durch Kerzen erleuchteten romanischen Kirchenräume gemahnend, werden die einzigartigen Stücke präsentiert. So wird ein wenig jenes Zusammenwirken der historischen sakralen Architektur und ihrer Ausstattung in Erinnerung gerufen, auch wenn die Exponate ganz bewusst als Kunstwerke und nicht als funktionale Utensilien inszeniert werden. Jedoch sind viele der Ausstellungsstücke aus dem Schatz des Hildesheimer Doms, der bis 2015 umfassend saniert wird, heute noch in Gebrauch. An ihnen wird deutlich, wie eng künstlerischer Wert und sakraler Zweck schon immer miteinander verwoben waren. Mit den großen Objekten, dem Adlerpult und dem Taufbecken aus dem Hildesheimer Dom, die im ersten Geschoss des Bode-Museums zu sehen sind, ergibt sich ein umfassendes und in seiner Pracht und handwerklichen Meisterschaft faszinierendes Bild christlicher Schatzkunst von der Spätantike zur Spätgotik.
Nadja Mahler

Schätze des Glaubens. Meisterwerke aus dem Dom-Museum Hildesheim und dem Kunstgewerbemuseum Berlin zu Gast im Bode-Museum, 30. September 2010 bis 1. April 2013

 
 
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