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Im Glanz des Rokoko

Fast fünfzig Jahre verbrachte Elisabeth Christine, Gemahlin Friedrichs des Großen, jeden Sommer im Schloss Schönhausen. 150 Jahre später residierte dort Wilhelm Pieck, und von den sechziger Jahren an beherbergte das Schloss Staatsgäste der DDR. Der wiedereröffnete Barockbau im Nordosten Berlins erzählt von beiden Epochen.

Blick vom Zwischenpodest auf einen der beiden Treppenläufe und das geschnitzte, weiße Geländer
Treppenhaus in Schloss Schönhausen. Foto: Hans Bach © Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg

Der Schwung der Treppe, die den Besucher empfängt, ist außergewöhnlich. In langgezogenen Schleifen windet sie sich von einem Geschoss ins nächste. Ein Aufgang, der einer Königin würdig ist, doch das einfach geschnitzte Holzgeländer könnte aus einem Bürgerhaus stammen. Elisabeth Christine von Braunschweig-Bevern, die seit ihrem 25. Lebensjahr fast jeden Sommer hier in Schönhausen verbrachte, fehlte immer wieder das Geld für eine luxuriöse Ausstattung. Als sie das Schloss 1740 von ihrem Gemahl Friedrich II. geschenkt bekam und das fünfzig Jahre alte Gebäude modernisiert werden sollte, reichten ihre Mittel nicht für teure Tapeten, so wurden die Wände vorerst nur bemalt. Nachdem das Schloss im Siebenjährigen Krieg zerstört und geplündert worden war, setzte sie durch, dass mit der Renovierung auch einige Verschönerungen vorgenommen wurden. Johan Michael Boumann d.Ä. erweiterte das Schloss 1764 und errichtete auch das Treppenhaus. Im Obergeschoss entstand ein bezaubernder Festsaal, dessen Deckensansatz zarte und doch plastische Früchte- und Blumengebinde umspielen. Die kostbaren Papiertapeten in den unteren Räumen aber, die sich wunderbarerweise im Depot erhalten haben, konnte sich die Königin erst nach dem Tod ihres Mannes leisten.

Die Königin sitzt im hellblauen Seidenkleid am Tisch, hinter ihr liegt die Krone.
Frederic Reclam, Porträt Königin Elisabeth Christines. Im Hintergrund ist Schloss Schönhausen dargestellt. Foto: Daniel Lindner © SPSG

Wer war diese Frau, die Friedrich der Große auf Wunsch seines ungeliebten Vaters heiratete und die er fast zeitlebens von sich fern hielt? Zwei große Porträts, eines zeigt sie in Witwenkleidung, und einige Dinge aus ihrem Besitz vermitteln nun erstmals ein Bild der wenig bekannten Königin. In der Vitrine liegen ihre Übersetzungen von Erbauungsliteratur ins Französische, daneben steht die Sänfte, in der sie sich standesgemäß durch den Garten tragen ließ, und im Gartensaal sind ihre jungen Hofdamen versammelt, einige für ein Hoffest verkleidet, andere musizierend. Der Hofmaler Antoine Pesne hat sie etwas kühl, aber mit großer Noblesse porträtiert.

Rückzugsort der Königin war die Zedernholzgalerie an der Südseite des Erdgeschosses, der einzige vollständig erhaltene Raum aus ihrer Zeit. Die Bezüge der Sessel, große Blumen auf weißem Grund, bilden lebhafte Akzente in dem dunkel getäfelten Saal. Konsoltische mit schön geschnitzten Beinen verteilen sich an den Längsseiten, zierliche Kommoden und Spiegel schmiegen sich in die Ecken. Die kleine Büste ihres Lieblingsbruders Ferdinand, den sie in preußische Dienste holte, hat hier einen Ehrenplatz, wie auch ein großes Bildnis des jungen Friedrich II. Elisabeth Christine verehrte ihren Gatten, obwohl sie unter seinen Demütigungen litt. Sein Sommerschloss Sanssouci sah sie, als er nicht dort war, wie eine fremde Besucherin. Und Schloss Schönhausen hat der König vermutlich nie betreten. Einsam muss man sich das Leben seiner Frau indes nicht vorstellen. Viele Gesandte schritten die Boumannsche Treppe zum Audienzzimmer hoch, Mitglieder des Hofs eilten in den Konzertsaal, und Prinzessinnen, die der Königin eine Zeitlang Gesellschaft leisteten, suchten ihre Apartments auf.

Die berühmteren Gäste aber kamen erst zwei Jahrhunderte später: Ho Chi Minh und Fidel Castro, Indira Gandhi, Jassir Arafat und Michael Gorbatschow. Sie übernachteten als Gäste der DDR-Regierung in Schloss Schönhausen. Der rote Läufer, wie er heute wieder die Treppenstufen bedeckt, stammt zweifellos aus ihrer Zeit. Sonst aber ist es gar nicht einfach, im Obergeschoss, das die Nutzung des Schlosses zu DDR-Zeiten zeigt, originales Rokoko von Imitationen und modernen Neuinterpretationen zu unterscheiden. Denn die Führer des Arbeiter- und Bauernstaates lehnten den höfischen Luxus keineswegs ab. Das Rokoko war für sie nicht, wie man denken könnte, Ausdruck aristokratischer Dekadenz, sondern willkommene repräsentative Kulisse für Staatsauftritte und Empfänge. Der heitere Stil der Aufklärungszeit gab dem repressiven Staatsapparat einen kultivierten, freundlichen, geradezu harmlosen Anstrich.

Auf den Wandpaneelen hochformatige goldgerahmte Rokokomalereien von Liebesszenen
Weißes Schlafzimmer (Damenzimmer), hinter der Tür das Bad im Sechziger-Jahre-Stil. Foto: Hans Bach © SPSG

So schmückten Wandmalereien des 18. Jahrhunderts das Zimmer für die Gattinnen der Staatsgäste, weil man die galanten Szenen im Stil von Watteau passend für eine Dame ansah (Indira Gandhi übernachtete selbstverständlich im größeren Herrenschlafzimmer). Kombiniert wurden diese Wandbilder mit weißen Schleiflackmöbeln in einem eigenartigen Mischstil zwischen Rokoko und Bauhaus und einem hellgrauen Spannveloursteppich. Das lila gekachelte Bad nebenan war freilich das Allermodernste. Aber alles andere, Lampen, Spiegel, Kunstgewerbe, lehnte sich mehr oder weniger an den Rokokostil an, und das 1978 unter Honecker neu eingerichtete Kaminzimmer – die Räume waren eigens für einen geplanten Besuch des Schahs von Persien umgebaut worden – erhielt eine Kunstfasertapete mit kräftigem, altrosa Muster nach einem Vorbild im Neuen Palais.

Nur ganz am Anfang, in der noch jungen DDR, kam Rokoko nicht infrage. Das Arbeitszimmer Wilhelm Piecks, des ersten und einzigen Staatspräsidenten der DDR, war mit schweren, dunkelbraunen Möbeln ausgestattet, die nach vielen Jahrzehnten im Depot nun wieder genau dort stehen, wo sie 1950 aufgestellt wurden. Ehrfurcht gebietend der überdimensionale Schreibtisch, kurioserweise mit einem integrierten Besprechungstisch davor, gediegen der neoklassizistische Wandschrank, von strenger Eleganz die Deckenlampen. Die Wand hinter dem Schreibtisch zierte eine Landschaft mit barmherzigem Samariter. Erst Walter Ulbricht, der das Zimmer 1960 für vier Jahre bezog, ersetzte das Gemälde durch ein großes sozialistisches Propagandabild mit dem Titel „Die Plandiskussion“.

Das Pieck-Zimmer ist heute – neben Mielkes Büro in der Normannenstraße – der einzige Raum, in dem noch anschaulich wird, wie sich die DDR-Führung nach außen darstellte. Daher ist es gut, dass die Besucher des Barockschlosses auch diese Epoche zu sehen bekommen, selbst wenn der Aufstieg über die schöne Treppe nun einem Zeitensprung gleichkommt. In jedem Raum des Schlosses dokumentieren Stiche, Grundrisse oder Fotografien auch die Nutzung in der jeweils anderen Epoche, der friderizianischen oder der sozialistischen. Das verlangt dem Besucher einiges an Aufmerksamkeit ab, lässt ihn dafür aber teilhaben an den Entscheidungen der Denkmalpfleger. Auf einer Fotografie aus den sechziger Jahren kann man sehen, wie die intime Zedernholzgalerie mit ihren verstreuten Sitzgelegenheiten ihren Charme verlor, als dort ein langer Konferenztisch mit regelmäßig verteilten biederen Blumenvasen aufgestellt wurde. Die lässige Asymmetrie des Rokoko war den Funktionären fremd.

Dreizehnachsiges, lachsfarben gestrichenes Barockschloss mit flachem Mittelrisalit und rot gedecktem Walmdach
Schloss Schönhausen, Gartenseite. Die Krone und das Monogramm der Königin wurden 1949 vom Giebel entfernt und 1978 wieder angebracht. Foto: Detlef Fuchs © SPSG

Wer die südlichen Räume im Obergeschoss aufsucht, wird wiederum in frühere Jahrhunderte zurückversetzt. Hier hat die Sammlung der Familie Dohna aus dem ostpreußischen Schloss Schlobitten eine neue Heimstatt gefunden. In den Möbeln, Gläsern, Silberarbeiten, Gemälden und Wandbehängen von der Renaissance bis zum Historismus spiegelt sich auch die Bedeutung dieser preußischen Adelsfamilie. Eine Gräfin Dohna war die Besitzerin des ersten Herrenhauses auf dem Gelände des Schlosses, Albrecht Christoph zu Dohna diente Elisabeth Christine als erster Oberhofmeister, Alexander zu Dohna folgte Freiherr zum Stein als preußischer Innenminister und war Erzieher des späteren Königs Friedrich Wilhelm I.

Damit sind nicht einmal alle bedeutenden Epochen dieses Schlosses vergegenwärtigt. In den dreißiger Jahren diente das Schloss den Nationalsozialisten als Ausstellungshaus „deutscher Kunst“, und von 1938 bis 1941 war hier das Zentrallager für das, was sie entartete Kunst nannten. Von hier aus wurden viele Noldes, Marcs, Corinths, Munchs und Lehmbrucks ins Ausland verkauft. Die pragmatische Nutzung der ideologisch eigentlich abzulehnenden Kultur kennzeichnet auch die DDR-Phase. Große europäische Kultur und kleinbürgerlicher Geschmack, edles Kunsthandwerk und billige Imitation, Abgeschiedenheit und Weltgeschichte gehen in Schönhausen eine eigenartige Verbindung ein.
Annette Meier


Zur Eröffnung ist eine Publikation im Jaron-Verlag erschienen, die auf die Geschichte des Schlosses und auch ausführlich auf die Restaurierung eingeht: Rokoko und Kalter Krieg: Die bewegte Geschichte eines Schlosses und seines Gartens, 19,95 €

Schloss Schönhausen


Schönhausen entdecken

Wiederherstellung von Schloss und Garten Schönhausen 2005-2009 durch die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg (SPSG)
Ein Film von Julia Theek / Augustfilm, Berlin 2009

 
 
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