Orte und Sammlungen
Ab durch die Mitte Berlins
Berlin im Kleinen und doch ganz groß – neue Ansichten alter Stadtviertel lassen sich jetzt in der aktuellen Ausstellung im Märkischen Museum entdecken.

- Herren-Frisierplätze aus dem Salon des "Kgl. Hof-Friseurs und Perfümeurs" François Haby. © Stadtmuseum Berlin, Foto: Michael Setzpfandt
In zwei Stunden durch sechs Stadtviertel Berlins spazieren und dabei gleichzeitig durch die Zeit reisen? Unmöglich? Genau dieses Sightseeing der besonderen Art bietet nun die neue Dauerausstellung des Märkischen Museums, ganz ohne die Gefahr, sich hoffnungslos zu verlaufen. Der Weg durch den Stadtkern verspricht kleine und große Überraschungen, unerwartete Begegnungen und unbekannte Stadtansichten.
In der historischen Mitte Berlins beginnend, flaniert der Besucher durch das Klosterviertel, tritt in die Neue Synagoge in der Oranienburger Straße ein und trifft die Humboldts vor der Universität. Er lustwandelt auf der Promenade Unter den Linden, wirft einen Blick auf das Rote Rathaus und schaut bei den Künstlern der Berliner Secession vorbei. Er vergleicht die Architekturen des Hansaviertels und der Stalinallee und verfolgt das muntere Treiben am Kurfürstendamm.
Doch was wäre ein echter Flaneur ohne seinen Spazierstock? Zum Leitmotiv erkoren, begleitet dieser die Besucher durch die Ausstellung. Auf Gemälden und Grafiken lässt sich dann auch gleich der richtige Gebrauch studieren. Aufwändige Gestaltung und edle Materialien verraten, welche Bedeutung diesem fast vergessenen Teil der Garderobe einst zukam. Wer als Mann etwas auf sich hielt, trug nicht nur stets seinen Spazierstock bei sich. Ende des 19. Jahrhunderts hatte er ein weit imposanteres Mittel gefunden, die Damenwelt zu beeindrucken: den Kaiser-Wilhelm-Bart. Sein Erfinder, François Haby, der es damit zum Hoffriseur des Kaisers brachte, beauftragte Henry van de Velde mit der Gestaltung seines Salons. Vor den edlen Frisiertischen ließ sich die Berliner Prominenz die Haare schneiden, die Wangen rasieren und den Bart zwirbeln. Ein kleiner Teil der Saloneinrichtung kann im Märkischen Museum bewundert werden.

- Paulick-Leuchte, 1951/52. Berlin Nuon, Stadtlicht GmbH. © Stadtmuseum Berlin, Foto: Michael Setzpfandt
Wer des Laufens müde ist und trotzdem die Stadt erleben möchte, ist beim Kaiserpanorama richtig. Der große elegante Holzrundbau bietet 25 neugierigen Besuchern Platz, die erleben können, wie die Metropole um die Jahrhundertwende aussah. Das Berliner Leben entfaltet sich sogar dreidimensional, dank der Stereofotografien, die für immer neue Impressionen das Panorama innen umrunden, angetrieben durch ein aufziehbares Uhrwerk. Auf den Bildern herrscht immer noch die muntere Betriebsamkeit, die sich bereits einige Räume zuvor auf den Grafiken der Lindenrolle beobachten ließ. Diese allerdings ist rund hundert Jahre älter und noch ganz ohne die Errungenschaften der industriellen Revolution im Bild.
Mit einem bunten Kaleidoskop an Objekten reflektiert die Ausstellung die ganze Vielseitigkeit der Stadt und ihrer bewegten Geschichte. Sie lässt ebenso in die kleinen Nischen des Alltags schauen wie sie den Blick auf die großen, stadtprägenden Episoden lenkt. Ob Cocktailkleid der 50er oder silbernes Teeservice, eine Paulick-Leuchte aus der Stalinallee oder das Reisenecessaire von Stresemann, Gisèle Freunds Fotografie des Hansaviertels oder Ernst Barlachs Porträtbüste von Tilla Durieux, all diese so unterschiedlichen Stücke sind ein Teil von Berlin. Gleichzeitig verraten sie ein wenig über die Fülle der Schätze, die das Stadtmuseum in seinen Depots verwahrt. Sie machen neugierig auf das, was dann in vier bis fünf Jahren zu sehen sein wird, wenn die Ausstellungsflächen um das Marinehaus erweitert werden. Bis dahin lässt sich aber bereits im Märkischen Museum für jeden etwas entdecken.
Nadja Mahler
Hier ist Berlin! Schätze und Geschichte(n) aus der Sammlung des Stadtmuseums, Märkisches Museum, seit 9. April 2009






