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Zauberei mit einem Möbel

Eines der eindrucksvollsten Möbel von David Roentgen ist im Berliner Kunstgewerbemuseum zu besichtigen: das "Neuwieder Kabinett" aus dem Besitz Friedrich Wilhelms II.

Hoher Pultschreibschrank aus rotbraunem Holz mit Intarsien und goldenen Ornamenten, die Platte ist ausgezogen und die Türen sind geöffnet
Großer Kabinettschrank „Neuwieder Kabinett“ aus der Roentgenmanufaktur, 1778/79, erworben von Friedrich Wilhelm II., 395 cm hoch © Kunstgewerbemuseum SMB

 

Der Zauber beginnt, wenn sich das Möbel öffnet. Ganz plötzlich springen Türen auf, fahren Schubladen heraus. Auf Knopfdruck beginnen sich zwei zylindrische Brieffächer zu drehen, um dem Betrachter abwechselnd ihre runde Außenseite mit Figuren, die einen Vorhang lüften, und ihr Innenleben mit den Fächern darzubieten. Dann fährt die Platte zurück, neue Register treten vor, weitere Kästen öffnen sich, und am Ende erklingt eine zarte Melodie.

Die Vorführung dieses mechanischen Wunderwerks vor den staunenden Gästen muss ihren Besitzern ein solches Vergnügen bereitet haben, dass sie keine Ausgaben dafür scheuten. Für den »Großen Kabinettschrank«, einen hohen Sekretär aus der Werkstatt des berühmten David Roentgen zahlte Friedrich Wilhelm II. 1799 12 000 Goldtaler. Dafür hätte er ein ganzes Schloss erwerben können. Am Ende des Ancien Régimes waren es nicht mehr die gleißenden Spiegelgalerien und blitzenden, wandfüllenden Silberbuffets, mit denen die Fürsten am meisten imponieren konnten, sondern ein einzelnes, kunstvoll gearbeitetes Möbelstück, dessen kompliziertes Innenleben aus unzähligen Seilzügen, Bleigewichten, Federn, Flöten- und Glockenspielen ein bezauberndes Schauspiel im privaten Kreis in Szene setzen konnte, wann immer der Besitzer es wollte. Zum Schreiben benutzt wurden diese Möbel nie.

Es erstaunt, dass ein solch aufwändiges, kostbares Stück, an dem Kunsttischler, Bildhauer, Vergolder, Maler, Uhrmacher und Mechaniker monatelang beschäftigt waren, ohne Auftrag hergestellt wurde, um es dann an verschiedenen Höfen Europas anzubieten. Für die Manufaktur von Abraham Roentgen und seinem Sohn David im rheinischen Neuwied war das ein hohes finanzielles Risiko, aber vielleicht hat auch es die Kauflust der Mächtigen angestachelt, wenn sie erfuhren, dass ihre Nachbarn bereits ein solches Prunkstück besaßen. Bevor David Roentgen 1779 dem preußischen Kronprinzen das Neuwieder Kabinett anbot, hatte er ein ähnliches Modell bereits zweimal verkauft: an Karl Alexander von Lothringen in Brüssel und an Ludwig XVI. in Versailles – auch für den französischen König  war es sein teuerstes je erworbenes Möbelstück. Das Brüsseler Stück gelangte später nach Wien und ist heute im Museum für angewandte Kunst ausgestellt, das französische ist verschollen. Das zuletzt angefertigte Berliner Exemplar ist das schönste und technisch ausgefeilteste. Zu bewundern ist es im Kunstgewerbemuseum am Kulturforum – im Ruhezustand; ein Film gibt aber einen Eindruck von dem Zauberwerk der Verwandlung.

Annette Meier

Kunstgewerbemuseum am Kulturforum

 
 
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