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Friedrichs "Montezuma"

Macht und Sinne in der preußischen Hofoper

Am 6. Januar 1755 fand im Königlichen Opernhaus Unter den Linden eine ganz besondere Premiere statt: Mit der Oper »Montezuma« wurde ein Werk präsentiert, für das Friedrich II. (1712–86) selber das Textbuch entworfen hatte. Hofkapellmeister Carl Heinrich Graun (1704–59) hatte die Handlung um die Eroberung Mexikos vertont. Das Stück zeigte, wie die spanischen Eroberer den Aztekenkaiser Montezuma durch List überwinden und ihn schließlich gefangen nehmen. Obwohl Montezumas heldenhafte Verlobte einen Rettungsplan entworfen hat, scheitern alle Bemühungen um eine friedliche Lösung: Am Ende steht Montezumas Untergang, die Spanier metzeln die Azteken nieder. Der königliche Textdichter brachte auf diese Weise seine Abscheu vor religiöser Intoleranz und Verfolgung zum Ausdruck und schlug damit ein Thema an, das sich wie ein roter Faden durch den Diskurs der Aufklärung zieht. Grund genug, sich mit diesem Werk etwas eingehender zu beschäftigen.
Die Ausstellung wird den Weg nachzeichnen, der zur Entstehung dieses ganz besonderen Operntextes führte. Eine tragende Rolle spielten dabei neben einem ganz besonderen Textdichter mindestens zwei Personen: Friedrichs älteste Schwester, die Markgräfin Wilhelmine von Bayreuth (1709–58), und der venezianische Privatgelehrte Francesco Algarotti (1712–64), den Friedrich II. an seinen Hof geholt hatte. Aus ihrer Korrespondenz wird deutlich, was Friedrichs zentrale Anliegen waren und wie das Stück nach und nach seine endgültige musikalisch-dramatische Gestalt annahm. »Montezuma« handelt vom Umgang mit der Macht, und natürlich lag für die Zeitgenossen die Frage auf der Hand, welche der beiden Herrschergestalten – der spanische Eroberer Cortez oder der Aztekenherrscher Montezuma – als Vorbild für die Kunst des guten und richtigen Regierens anzusehen war.
Doch damit ist nur ein Teil dessen erfasst, was Anfang 1755 buchstäblich »über die Bühne ging«. Denn die Hofoper hatte als Bestandteil des Hofzeremoniells sozusagen übergreifende Aufgaben. Nach zeitgenössischen Vorstellungen sollte sie der Machtrepräsentation dienen: als Fest für die Sinne; als ein überwältigendes, unwiderstehliches Spektakel, dem sich niemand entziehen konnte; als eindrucksvolles Zeichen für die Größe des Herrschers. ›Macht‹ und ›Sinne‹ sind also auf eine sehr besondere Weise miteinander verschränkt.

Johann Georg Ziesenis, Friedrich der II., König von Preußen, 1769. Öl auf Leinwand, 63,5 x 49 cm. Freies Deutsches Hochstift / Frankfurter Goethe-Museum und Goethe-Haus © bpk. Foto: Lutz Braun

Es lohnt sich genauer hinzuschauen und zu fragen, wie die Hofoper funktionierte. Schließlich handelte es sich um organisatorisch und ästhetisch äußerst anspruchsvolle Produktionen. Die Ausstellung wird die Bedingungen für diese uns heute teilweise völlig fremd gewordene Opernkunst rekonstruieren: Da geht es um italienische Virtuosinnen und Kastraten als Gesangsstars; um eine aus Frankreich engagierte Tanztruppe; um die Hofkapelle, einen Klangkörper, der es nach dem Willen des Königs mit den berühmtesten Orchestern, hauptsächlich mit demjenigen des glanzvollen sächsischen Hofes aufnehmen sollte; um Szenografen und Bühnenarchitekten, die die Crème de la Crème in Europa waren und für ihre ephemeren Architekturen Spitzengagen erhielten. Repräsentation von Macht hieß für Friedrich auch: zeigen, dass er sich die Besten leisten konnte, Leute wie die Primadonna Giovanna Astrua (1725–48), den Theaterdekorateur Giuseppe Galli Bibiena (1696–1757), das Tänzerehepaar Denis, aber auch die hauseigenen Musiker um Hofkapellmeister Graun.
Die Ausstellung wird aber auch vor Augen und Ohren führen, was unwiederbringlich erloschen, verklungen, vergangen, verloren ist: Feuerwerk, Beleuchtung, Stimmen, Instrumente, Maschineneffekte. Sie wird deutlich machen, wie der Betrieb funktionierte, von den Besonderheiten des Theaterbaus bis zu Entscheidungen über Tänzergagen und Bühnenkostüme, die der König als allerhöchster Opernintendant selber traf. Zahlreiche, bislang unveröffentlichte Originaldokumente aus dem Geheimen Staatsarchiv führen direkt ins Ideenlabor und in die Bühnenwerkstätten der Oper.
Natürlich kann man den Produktionsprozess und die Oper selber nicht ›ausstellen‹, obwohl der Audioguide der Ausstellung zahlreiche Hörbeispiele enthalten wird. Es sind jedoch zahlreiche schriftliche Quellen zu sehen: Abschriften der Partitur, gedruckte Libretti, Handschriften vom komponierenden König und von Graun, seinem wichtigsten Mitarbeiter in Opernfragen. Wer also aus der werkmonografischen Perspektive auf »Montezuma« und seine Autoren blicken möchte, wird reichhaltiges Material finden, auch zur Rezeption des Stückes, das nach allem, was wir aus zeitgenössischen Berichten wissen, dem Publikum gefallen hat: 1755 bereits und dann nochmals bei einer Aufführungsserie im Jahre 1771.
»Friedrichs Montezuma« heißt diese Ausstellung, weil der König natürlich seinen ganz besonderen Blick auf die Eroberung Mexikos hatte. Deshalb ist die »Conquista« ein wichtiger Teil. Sie soll nicht nur als historisches Faktum dargestellt werden, sondern in ihrer Diskursivität und als Gegenstand von Geschichtskonstruktionen: Welche Quellen kannte der königliche Librettist? Wie wurde die Eroberungsgeschichte im Laufe der Jahrhunderte uminterpretiert? Welchen Standpunkt nahm Friedrich II. ein? In seiner Bibliothek befanden sich immerhin mehrere Ausgaben von Antonio de Solís y Rivadeneiras »Historia de la Conquista de México«. Neben dieser diskursgeschichtlichen Dimension zeigt die Ausstellung aber auch kultische Gegenstände aus der Zeit von Montezuma II. und bildliche Darstellungen von der Begegnung zwischen dem Aztekenkaiser und dem Conquistador.

Libretto zur Oper Montezuma von Carl Heinrich Graun, von Friedrich dem Großen verfasst. Berlin 1755 © Staatsbibliothek zu Berlin

Einige Abzweigungen nimmt sie auch: So wird die Kulturgeschichte des Kastratentums genauer beleuchtet, bis zu dem Film »Farinelli« (1995) und seinen sehr speziellen Produktionsbedingungen. An einer Hörstation kann man sich Briefe zwischen Friedrich und Wilhelmine zur Entstehung der Oper und zu allgemeinen Theaterproblemen vorlesen lassen, außerdem zeitgenössische Berichte über das Königliche Opernhaus Unter den Linden; Originaldokumente, die den König als engagierten ›künstlerischen Betriebsdirektor‹ zeigen; Stimmen zur Montezuma-Uraufführung; spannende Auszüge aus der Literatur zur Eroberung Mexikos.
Zahlreiche Einrichtungen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz haben dazu beigetragen, die Ausstellung des Staatlichen Instituts für Musikforschung mit wertvollen und interessanten Exponaten zu bestücken: in erster Linie das Geheime Staatsarchiv und das Iberoamerikanische Institut, dann natürlich das Musikinstrumenten- Museum des Instituts, aber auch das Ethnologische Museum, die Staatsbibliothek, die Kunstbibliothek und das Kupferstichkabinett.
Ruth Müller-Lindenberg

Prof. Dr. Ruth Müller-Lindenberg, Kuratorin der Ausstellung, ist Spezialistin für das höfische Musiktheater des 18. Jahrhunderts und lehrt Musikwissenschaft an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover.

Die Ausstellung "Friedrichs Montezuma. Macht und Sinne in der preußischen Hofoper" ist bis zum 24. Juni 2012 im Musikinstrumenten-Museum zu sehen.

Dieser Artikel ist erstmals im MuseumsJournal 1/2012 erschienen. Das Heft kann man im Shop bestellen.

 
 
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