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Neu eröffnet

Macht und Luxus im antiken Italien

Die Berliner Antikensammlung präsentiert ihre herausragenden Werke neu: Im Obergeschoss des Alten Museums sind nun die römische Kunst und, erstmals seit 71 Jahren, auch die etruskische Sammlung zu sehen. Die Gliederung nach Themen akzentuiert die römische Trennung von privatem und öffentlichem Leben und macht die Grundzüge der Kultur jener Zeit deutlich.

Der bartlose Kaiser mit lockigem Haar trägt einen reich verzierten Brustpanzer und Ledersandalen
Panzerstatue eines Kaisers mit Kopf des Mark Aurel (?), 1791 in Rom erworben, Marmor, 1. Jh. n. Chr. (Statue), 2. Jh. n. Chr. (Kopf) © Antikensammlung, Staatliche Museen zu Berlin, Foto: Johannes Laurentius

Die Restaurierung und der Umbau des Pergamonmuseums werden zweifellos die größte logistische und organisatorische Herausforderung des Masterplans Museumsinsel. Drei Sammlungen sind hier betroffen: Antikensammlung, Vorderasiatisches Museum und Museum für Islamische Kunst. Ganze Gebäudeflügel des meistbesuchten Berliner Museums müssen zeitweilig schließen, tonnenschwere Architekturen bewegt werden, um im Erdgeschoss einen geschlossenen Rundgang durch die Monumentalarchitektur der antiken Welt präsentieren zu können. Das Museum für Islamische Kunst wird vom Süd- in den Nordflügel umziehen, samt der gewaltigen Mschatta-Fassade.
Im Zuge dieses ehrgeizigen Projekts, das sich vermutlich noch über 15 Jahre hinziehen wird, sind viele vorbereitende Schritte und Rochaden von Sammlungsteilen nötig. Die erste hat nun stattgefunden: Die römischen Skulpturen der Antikensammlung sind aus dem Nordflügel des Pergamonmuseums ausgezogen und ins Alte Museum gebracht worden, dessen Obergeschoss durch den Umzug der Ägyptischen Sammlung ins Neue Museum freigeworden war. Damit wird Schinkels Altes Museum wieder zum Stammhaus der Antikensammlung, auch dies in Etappen: Seit Anfang Juli sind im Obergeschoss etruskische und römische Kunst zu sehen, ab Januar 2011 wird im Erdgeschoss die griechische Kunst neu präsentiert. Die Antike wird wieder als Einheit erfahrbar, nachdem sie zuletzt getrennt nach Gattungen – Vasen, Bronzen und Kleinkunst im Hauptgeschoss des Alten Museums, Großplastik und Baukunst im Pergamonmuseum – gezeigt wurde. Die großen Architekturen wie der Pergamonaltar und das Markttor von Milet bleiben natürlich im Pergamonmuseum, und im Neuen Museum bilden die römischen Provinzen ein Bindeglied zwischen den antiken Hochkulturen und den Germanen.

Liegender Mann mit aufgerichtetem, nacktem Oberkörper
Etruskische Ascheurne: Junger Mann beim Bankett aus Chiusi (Italien), Kalkstein, 460-440 v. Chr. © Antikensammlung, Staatliche Museen zu Berlin, Foto: Johannes Laurentius

Der neue Rundgang im Obergeschoss des Alten Museums beginnt mit einer Sammlung, die seit dem Krieg gar nicht mehr zu sehen war: der etruskischen. Wenige, eindrucksvolle Stücke im ersten Raum lassen bereits erahnen, wie hochstehend die Kultur der Etrusker war, die im 8. bis 3. Jahrhundert vor Christus in Mittelitalien herrschten. Der Inhalt aus dem Kriegergrab in Tarquinia wird hier ausgebreitet – darunter ein wunderbar erhaltener, verzierter Rundschild –, flankiert von einem großen Löwenkopf und dem Fragment eines Greifen aus Tuffstein, die einst als Grabwächter dienten. Kleinteiliger wird es im zweiten, langgestreckten Saal. Amphoren und Trinkgeschirr, Giebelschmuck aus bemaltem Ton, das Modell eines Tempels aus Holz und Lehm mit ziegelgedecktem Satteldach, Votivfiguren, Ascheurnen, Bronzespiegel, Goldschmuck und Münzen erzählen von Architektur, Handwerkskünsten und Bestattungskultur dieses Volks, das durch seine Bodenschätze, die Piraterie und den Handel mit den Griechen, Phöniziern und Karthagern reich geworden war. Da sich kaum Zeugnisse der etruskischen Schrift  erhalten haben, ist die Berliner Tontafel aus Capua mit der langen Inschrift so bedeutend. Auffällig an den hier versammelten Exponaten sind die Materialien, die schwarze, matt glänzende Bucchero-Keramik zum Beispiel oder das dunkle Vulkangestein einiger Sarkophage, und vor allem die eigenartigen Urnen- und Sarkophagformen, gebildet aus sitzenden und liegenden Figuren oder Häusern.

Mehrfigurige Szene mit Kriegern, Medea flieht, die Arme flehend zum Himmel erhoben
Römischer Sarkophag mit der Medea-Sage (Ausschnitt) aus Rom, Marmor, 140-150 n. Chr. © Antikensammlung, Staatliche Museen zu Berlin, Foto: Johannes Laurentius

Die römische Grabkultur, die von der etruskischen geprägt war, bildet den Übergang zu den Römern. Schön ist die abstrahierte Architektur eines Kolumbariums, der regalartigen römischen Grabkammer, in der Urnen und kleine Marmorkästen stehen. In den Grabbildnissen auch einfacherer Bürger manifestiert sich der Stolz auf die eigene Lebensleistung. Natürlich sind auch die reich ausgearbeiteten Sarkophage der Kaiserzeit zu sehen, die zu den Höhepunkten römischer Kunst zählen. Eindrucksvoll sind die gemalten Mumienporträts aus dem ägyptischen Fayum. Aus großen, dunklen Augen sehen uns individuelle Männer und Frauen an, denn trotz der starken Stilisierung werden Hautfarben, Frisuren, Typ, sogar Altersstufen genau unterschieden.
Die römischen Skulpturen im nächsten Saal profitieren erheblich von der besseren Beleuchtung, die sie hier an ihrem neuen Standort haben. Sie zeugen von einer beispiellosen Aneignung der bewunderten älteren griechischen Kultur durch die Römer. Mit dem Import und der Nachahmung klassischer griechischer Kunstwerke bewies man Kultur und Geschmack. In der Saalfolge des Pergamonmuseums illustrierten die römischen Kopien griechischer Werke noch die griechische Kunstentwicklung. Hier aber stehen sie für sich, und der Betrachter soll durchaus seinem Eindruck vertrauen, wie eigenständig diese Werke sind. Ist eine Plastik überhaupt noch eine Kopie oder nicht schon ein eigenes Werk, wenn sie ins Monumentale vergrößert wird? Wirkt nicht eine griechische Bronze in Marmor übersetzt schon ganz anders?

Kampf eines Kentaurenpaars gegen Tiger und Löwen in einer Felslandschaft, der Kentaur ist im Begriff, einen Stein auf den Tiger zu schleudern
Kentaurenmosaik aus dem Speisesaal der Villa des Kaisers Hadrian in Tivoli bei Rom, farbige Natursteine, 120-130 n. Chr. © Antikensammlung, Staatliche Museen zu Berlin, Foto: Johannes Laurentius

Der nächste große Saal, der der römischen Villa auf dem Land und ihrer Ausstattung gewidmet ist, ist in seiner Mischung von Ausstellungsstücken, Materialien und Farben besonders reizvoll. Das berühmte Mosaikfragment mit dem Gelage am Nil, der marmorne Narziss, der seinem Spiegelbild nachhängt, das Liebespaar Amor und Psyche als übermütige Kinder, eine Windhündin, die sich hinter dem Ohr kratzt, all diese Bilder verweben sich zur Vorstellung eines müßigen Daseins, eines unbeschwerten, zwanglosen privaten Reichs als Gegenentwurf zur Welt der Pflicht. Man muss nicht mit Wasserbecken, Pflanzen und grünem Boden einen römischen Villengarten simulieren – wie kürzlich in der Ausstellung „Rückkehr der Götter“ im Pergamonmuseum –, um diese Stimmung von Zeitlosigkeit, kultiviertem Genuss und Sich-Treiben-Lassen zu evozieren.
Eine Tür führt in ein kleines Nebengelass. Ein erotisches Kabinett ist hier, ausgerechnet im ehemaligen Büro des Direktors des Ägyptischen Museums, entstanden, in dem sich der Besucher unvermutet zwischen lächelnden Hermaphroditen, Satyrn, Liebespaaren auf Vasen und zahlreichen Phalli als glücksbringenden Amuletten wiederfindet.

Im letzten, langen Saal, der den „Gesichtern des Imperiums“ gewidmet ist, zeigt sich dann das offizielle Rom in einer langen Reihe höchst unterschiedlicher, hervorragender Kaiserstatuen und -büsten – darunter die berühmte Cäsarbüste mit den scharfen Zügen aus grünem Stein und die fast barock anmutende Marmorbüste Caracallas. Diese Porträtgalerie ist zweifellos der künstlerische Höhepunkt des Ausstellungsrundgangs. Er endet mit Bildnissen unbekannter Römer, darunter einer Reihe bezaubernder Kinderbüsten. Wie die weichen Züge und die Haut der Halbwüchsigen in dem harten Marmor wiedergegeben sind, ihr träumerischer oder trauriger Ausdruck dargestellt, wie in einem Mädchengesicht Lächeln angedeutet wird, ohne dass sich der Mund bewegt, ist unbeschreiblich. In dieser ebenso realistischen wie poetischen Darstellungskunst war die römische Kunst auch der griechischen überlegen.
Annette Meier

Italia Antiqua. Etrusker und Römer in Berlin. Obergeschoss des Alten Museums


Der Katalog erscheint in Kürze.

 
 
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