Neues Museum
Wiedergeburt eines Meisterwerks
Prächtig steht es nun wieder neben seinen Gefährten auf der Museumsinsel. Die Wunden durch Krieg und Vernachlässigung wurden geschlossen, an den Narben sieht man ihm aber noch die bewegte Vergangenheit an. Ab dem 16. Oktober 2009 wird das Neue Museum nach fast 70 Jahren wieder seinem Zweck nachkommen können: einzigartige Sammlungen für das Publikum zugänglich zu machen.
Zwischen 1823 und 1830 hatte Karl Friedrich Schinkel für den preußischen König Friedrich Wilhelm III. das „Königliche Museum“, das heutige Alte Museum, errichten lassen. Es sollte die königlichen Kunstsammlungen aufnehmen und den Bürgern als Bildungseinrichtung offenstehen. Doch schon elf Jahre später gab der nun regierende Friedrich Wilhelm IV. den Auftrag zum Bau eines neuen Museums. Das klassizistische Gebäude am Lustgarten konnte die ständig wachsenden Sammlungen nicht mehr aufnehmen. Friedrich August Stüler, Schüler Schinkels, übernahm den Entwurf. Und er plante nicht nur das Neue Museum, sondern lieferte gleich einen Masterplan für die weitere Gestaltung der Insel, ganz nach der Verfügung des Königs, „die ganze Spreeinsel hinter dem [Alten] Museum zu einer Freistätte für Kunst und Wissenschaft umzuschaffen". Doch zu Stülers Lebzeiten wurde nur das Neue Museum erbaut, die Alte Nationalgalerie vollendete ein anderer Baumeister. Dennoch orientierten sich auch die später auf der Museumsinsel tätigen Architekten an seinen Entwürfen.
Stülers Bau war eine technische Meisterleistung. Die gerade einsetzende Industrialisierung ermöglichte neue Verfahren, die hier zum Einsatz kamen: Eine Dampfmaschine rammte die Pfähle in den Boden, betrieb die Aufzüge und die Pumpen zur Entwässerung der Baugrube, eine Hilfseisenbahn brachte Material herbei. Bauhistorisch bedeutend sind aber vor allem die innovativen Eisenkonstruktionen, die sich hinter der schlichten Fassade verbergen. Sie wurden als standardisierte Bausätze bei Borsig seriell gefertigt und erst vor Ort zusammengesetzt. Obwohl Stüler die Konstruktion hinter Verkleidungen versteckte, war das neue Bauen doch überall spürbar, sei es in dem Gewölbe des Sternensaals oder dem stützenfreien Glas-Eisen-Dach, das einst den Ägyptischen Hof überspannte.
Das Neue Museum setzte auch mit seiner prunkvollen Innenausstattung Maßstäbe. Sie orientierte sich eng an den Objekten, die hier ausgestellt werden sollten: antike Skulpturen und Gipsabgüsse, die im Alten Museum keinen Platz mehr fanden, die prähistorischen und besonders die ägyptischen Sammlungen. Ein Panorama der Menschheitsgeschichte sollte sich in den Räumen entfalten. Die historischen Zusammenhänge sollten durch dieses neue Museumskonzept im Architektur- und Bildprogramm und in den Objekten der Sammlungen deutlich werden. Bedeutende Künstler der Zeit wurden mit Wandgemälden beauftragt. So stattete Wilhelm von Kaulbach die riesige Treppenhalle mit sechs wichtigen Szenen der Geschichte aus, von der Zerstörung des Turms zu Babel über die großen Denker des Altertums um Homer und die Kreuzfahrer in Jerusalem bis zur Reformation. Jeder Raum erhielt entsprechend der ausgestellten Stücke eine passende Dekoration.
Bis 1859 ziehen nacheinander Ägyptische Sammlung, Kupferstichkabinett, Kunstkammer, die Sammlung Vaterländischer Altertümer, Gipsabgusssammlung und Ethnographische Sammlung in die eigens dafür gestalteten Räume ein. Universalmuseum blieb der Stülerbau jedoch nur kurze Zeit. Teile der Sammlungen wurden im Laufe der Zeit in eigene Museen ausgelagert, so die Ethnographische Sammlung, die im Völkerkundemuseum aufging. Umbauten passten die Bausubstanz immer wieder den neuen Ausstellungsbedürfnissen an. Verheerend waren die Bombenangriffe des Zweiten Weltkriegs, große Teile des Museums wurden zerstört. Erst 1986 begann man mit der Grundsicherung der Ruine. Nach zwei Wettbewerben wurde der britische Architekt David Chipperfield 1997 mit der Wiederherstellung des Neuen Museums beauftragt. Er errichtete die zerstörten Baukörper und Räume, indem er sich eng an die ursprüngliche Gestaltung anlehnte. Die noch vorhandene Ausgestaltung wurde gesichert, geborgene und deponierte Bauteile wurden an ihren ursprünglichen Standort zurückgebracht.
Seit März 2009 zogen Ägyptisches Museum und Papyrussammlung, Teile der Antikensammlung und das Museum für Vor- und Frühgeschichte von ihren ursprünglichen Standorten in das Neue Museum um. In den neuen alten Räumen präsentieren sie sich mit einem neuen Ausstellungskonzept. Nicht mehr eine chronologisch-historische Sichtweise ist Grundlage der Präsentation, sondern eine thematische und interdisziplinär angelegte Gliederung. Exemplarisch wird dies besonders im Untergeschoss vorgeführt – im ersten Teil der Archäologischen Promenade, die einmal Bode-Museum, Pergamonmuseum, Neues und Altes Museum verbinden soll. Über Vorstellungen von Jenseits und Ewigkeit etwa oder Weltordnungen berichten Objekte aus zehn Sammlungen der Staatlichen Museen. Die kultur- und geschichtsübergreifende Perspektive zieht sich auch durch die anderen Geschosse, wenn etwa Nofretetes Blick am Ende der Raumflucht auf den Sonnengott Helios fällt, ungefähr 1500 Jahre liegen zwischen ihnen. Allein die Räume, die das Museum für Vor- und Frühgeschichte ausstattet, geben eher eine geschichtliche Abfolge wieder. Vom antiken römischen Reich bis zu den Karolingern des Mittelalters bewegt sich der Besucher im ersten Obergeschoss. Von den Anfängen des Menschen über die Stein- und Bronzezeit bis hin zu den Skythen und Kelten ist die Geschichte im obersten Geschoss nachzuvollziehen. Ein Raum erinnert hier an die Ursprünge: In den erhaltenen Originalvitrinen werden Aberdutzende Objekte ganz in der Art des 19. Jahrhunderts präsentiert.
Nadja Mahler
Nachzulesen
Das MuseumsJournal Nr. 4 vom Oktober 2009 stellt die Restaurierungsgeschichte des Neuen Museums und die Neukonzeption der Sammlungen vor. Ein Blick in Sammlungen und Gärten offenbart, dass Ägypten auch an anderen Orten in Berlin und Potsdam seine Spuren hinterlassen hat. Das Heft kostet 6,90 €.
Ein wahrer Prachtband ist das bei Nicolai erschienene Werk „Neues Museum. Architektur, Sammlung, Geschichte“ zu 49,95 €. Mit historischen und aktuellen Fotografien, Zeichnungen, Plänen und Aufsätzen namhafter Museumsexperten werden die bewegte Vergangenheit ebenso vorgestellt wie Architektur und die Konzeption einzelner historischer Räume.
Wer sich etwas genauer mit der Restaurierung des Neuen Museums beschäftigen möchte, dem sei das Buch „Das Neue Museum Berlin“ aus dem E. A. Seemann Verlag (29,90 €) empfohlen. Detaillierte Einblicke in die Restaurierungsarbeit werden hier ebenso geboten wie kurze Abrisse zur Geschichte des Gebäudes.
Zur Eröffnung erschien im Prestel Verlag ein Museumsführer, der ausgewählte Exponate nach Ebenen geordnet vorstellt und einführend die Geschichte des Museums Revue passieren lässt. Die schön gestaltete, reich bebilderte Publikation kostet 12,95 €.











