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Neues Museum

Die Vertraute des Sonnengottes

Frontalansicht der farbigen Büste der Nofretete
Büste der Königin Nofretete, Neues Reich, 18. Dynastie Amarna-Zeit um 1340 v. Chr, Kalkstein und Gips. © SMB, Ägyptisches Museum und Papyrussammlung, Foto: Sandra Steiß

Eigentlich ist sie nur ein Bildhauermodell – Gedächtnisstütze und Arbeitsvorlage für den Künstler. Und doch ist die Büste der Königin Nofretete eines der weltweit bekanntesten altägyptischen Kunstwerke. Wen wundert dies angesichts des exzellenten Erhaltungszustands und vor allem der umwerfenden Schönheit des Objekts, das jetzt einen würdigen Platz im Nordkuppelsaal des Neuen Museums gefunden hat.
Gefunden wurde die Plastik vom deutschen Archäologen Ludwig Borchardt im Dezember 1912 in Tell-el-Armana, etwa 300 km südlich von Kairo. In den Ruinen der Werkstatt des Thutmosis, einst Bildhauer des Pharaos Echnaton, kommt unter dem Schutt der fleischfarbene Nacken mit den aufgemalten Bändern zum Vorschein. „Das lebensvollste ägyptische Kunstwerk“, so Borchardt, wird geborgen. Im Rahmen der damals üblichen Fundteilung zwischen Ausgräber und ägyptischer Altertümerverwaltung kommt die Büste nach Berlin, zunächst in die Villa des Grabungsfinanziers James Simon. 1920 schenkt dieser die Büste mit zahlreichen anderen Objekten aus der Armanagrabung dem Ägyptischen Museum Berlin. Erstmals ausgestellt wird sie 1924 im Neuen Museum.

Weiße Büste des Paharaos Echnaton mit schwarzen Lidstrichen, Augenbrauen und Falten.
Kopf des Echnaton, Neues Reich, 18. Dynastie, um 1340 v. Chr. © Staatliche Museen zu Berlin, Foto: Margarete Büsing

Doch wer war Nofretete? Eine spannende Phase der altägyptischen Geschichte verbindet sich mit dieser schönen Gestalt. Blutjung wird Nofretete Mitte des 14. Jahrhunderts v. Chr. mit Pharao Amenhotep IV. verheiratet. Ihre Herkunft ist unbekannt, ihr Name „Die Schöne ist gekommen“ ließ Forscher vermuten, sie wäre nicht ägyptischer Herkunft. Wahrscheinlicher aber scheint, dass sie einer nebenköniglichen Linie entstammt. Im sechsten Jahr seiner Regierung zieht das Königspaar nach Achet-Aton, die erste nach Plan erbaute ägyptische Stadt. Sie war innerhalb kürzester Zeit mit allen notwendigen Bauten – Tempeln, Palästen, Werkstätten, Wohngebäuden, Grabanlagen – ausgestattet worden. Doch wozu der Aufwand? Bereits Nofretetes Schwiegervater, Amenhotep III., hatte sich verstärkt dem Sonnenkult zugewandt. Sein Sohn brach nun endgültig mit den bis dahin verbreiteten Götterkulten. Anstatt einer Vielzahl Haupt- und Nebengötter zu huldigen, erhob er den Sonnengott Aton zum alleinigen Gott. Fern der vorhandenen Tempelanlagen gründete Echnaton, wie sich der Pharao nun nannte, die neue Stadt, ganz dem Aton gewidmet. Auch die Bildsprache der Kunst ändert sich, nicht grundsätzlich, aber doch deutlich erkennbar. Sie wird lebendiger, realistischer, bewegter. Der Gott zeigt sich nicht mehr in Menschen- oder Tiergestalt, sondern als Sonnenscheibe mit Strahlen, die in Hände auslaufen. Die Porträts Echnatons, besonders in der Frühzeit der sogenannten Armanakunst, sind in ihrem übertriebenen Realismus fast schon Karikaturen. Der Pharao erscheint mit schmalem Oberkörper, Bauchansatz und voluminösen Oberschenkeln, sein Gesicht ist schmal und gestreckt, es endet in einem langgezogenen Kinn.

Relief des Königspaares, Echnaton links küsst seine Tochter, Nofretete hält eine Tochter auf dem Schoß, die Sonnescheibe mit Strahlen steht zwischen ihnen
König Echnaton, Königin Nofretete und drei Töchter. Hausaltar, um 1345 v. Chr., Amarna, Ägypten. © Staatliche Museen zu Berlin, Foto: Margarete Büsing
Holzköpfchen einer Frau mit goldverzierter Federkrone
Kopf der Teje, Neues Reich, 18. Dynastie, 1388-1351 v. Chr. Eibenholz, Gold. © SMB, Ägyptisches Museum und Papyrussammlung, Foto: Sandra Steiß
Ausstellungsansicht: Vitrinen mit Porträtbüsten, der Raum ist weich durch Tageslicht beleuchtet
Neues Museum, Museumsinsel Berlin. Raum „Unter Atons Strahlen“. © Staatliche Museen zu Berlin, Foto: Achim Kleuker

Mit der neuen Ausleuchtung wird deutlich, dass auch die Büste Nofretetes kein Idealbildnis ist. Sie erscheint nicht wie bisher als ewig junge Königin, sondern als gereifte Frau. Sechs Töchter hat sie geboren. In einer für die altägyptische Kunst bis dato einmaligen Weise wird die Familie gezeigt, Innigkeit und Liebe verbinden sie, die Strahlen Atons spenden ihnen Leben. Doch Nofretete ist nicht nur Königsgemahlin und Mutter. Sie hatte eine überaus starke Position inne, als eine Art Mitregentin ist sie fast gleichberechtigte Partnerin des Pharaos. Wie er übernimmt sie die kultischen Handlungen, wird sogar als Bezwingerin der Feinde dargestellt – ein Bildtypus, der nur dem König vorbehalten war.     
Die neue Religion kann sich nicht durchsetzen. Nach dem Tod Echnatons und Nofretetes werden die alten Götter wieder eingesetzt, das verlassene Achet-Aton verschwindet im Wüstensand, wird gelegentlich noch als Steinbruch genutzt. Ein Glücksfall für die Ägyptologie: So konnten tausende wunderbare Objekte die Zeit überdauern und über die Armanazeit Auskunft geben. Die Inszenierung im Neuen Museum entspricht dann auch ganz der Besonderheit dieser Epoche. Die schönsten Stücke erwarten den Besucher, bevor er zu Nofretete gelangt. Auf der Plattform, die Chipperfield hoch oben im ägyptischen Hof errichtet hat, und in den angrenzenden Räumen ist die ganze königliche Familie versammelt: die Königin Teje, Mutter Echnatons, in einem wunderbaren kleinen Porträt aus Holz, Amenhotep III., Echnaton, Nofretete, ihre Töchter als Porträtköpfe in Stuck oder Stein. Dazu finden sich Reliefs, die Echnaton, Nofretete und ihre Kinder in familiären Szenen zeigen, etwa auf einem Hausaltar. Diese waren Teil jedes größeren Hauses in Achet-Aton, denn nur der König und seine Familie konnten sich direkt an Aton wenden, alle anderen mussten diese Vertrauten des Gottes um Fürbitte und Vermittlung ersuchen.

Saal mit grün gefassten Nischen, in der Mitte die Vitrine mit der Nofretete-Büste
Neues Museum, Museumsinsel Berlin, Büste der Königin Nofretete. Neues Reich, 18. Dynastie, Amarna, Ägypten, um 1340 v. Chr. Raum „Nofretete“ (Nordkuppelsaal). © Staatliche Museen zu Berlin, Foto: Achim Kleuker
Neues Museum, Grundriss Ebene 2. © David Chipperfield Architects. Gelb markiert ist der Nordkuppelsaal mit der Büste der Nofretete.

Wirkungsvoll kontrastieren die Räume der Armanakunst: Die Porträtköpfe auf der Plattform werden durch helles, aber sanftes Tageslicht in Szene gesetzt, der Nordkuppelsaal ist dagegen in schummeriges Dunkel getaucht, allein die Büste der Nofretete erstrahlt in seiner Mitte. Sie, die Vertraute des Sonnengottes Aton, blickt durch die Raumflucht auf einen anderen Sonnengott – auf die Kolossalstatue des Helios. Sie stammt auch aus Ägypten, doch aus dem 2. Jahrhundert n. Chr., aus der Zeit, als Ägypten schon 500 Jahre unter griechisch-römischer Herrschaft stand und die Spuren Nofretetes längst vom Sand bedeckt waren.
Nadja Mahler

 
 
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