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Von Adam bis Eva

Leonhard Kern, Adam und Eva (Sündenfall), um 1645. Elfenbein, 22,8 x 12,4 cm. Skulpturensammlung und Museum für Byzantinische Kunst. © bpk/ Skulpturensammlung und Museum für Byzantinische Kunst. Foto: Antje Voigt

Wenige Räume hinter dem im letzten Jahr endlich wieder eingerichteten James-Simon-Kabinett im Bode-Museum, kurz bevor man in den Museumsshop und das Café gelangt, findet man diese Statuettengruppe aus Elfenbein aus der Mitte des 17. Jahrhunderts. Ein Mann sitzt, mit nichts anderem als einem Blatt bekleidet, auf einem Steinblock. Er hält einen Apfel in der Hand. Die ihm zugewandte, gänzlich nackte Frau scheint diesen mit zartem Druck zu seinem Mund führen zu wollen, in ihrer Rechten hält sie einen weiteren Apfel. Keine Frage: Bei dieser Figurengruppe handelt es sich um eine Darstellung der ersten Sünde der Menschheit, von der Moses im Alten Testament erzählt. Kein anderes Thema der biblischen Geschichte gab den Künstlern im Mittelalter die Möglichkeit, den nackten menschlichen Körper, insbesondere den der Frau, darzustellen wie dieses. Bis es zu einer tatsächlich naturgetreuen Wiedergabe der menschlichen Gestalt kam, dauerte es jedoch. Erst die Brüder van Eyck haben auf ihrem 1432 vollendeten Genter Altar die Körper von Adam und Eva naturalistisch dargestellt. In Dürers berühmtem Kupferstich von 1507 sind die Figuren des Paares zugleich Darstellungen der Schönheit des menschlichen Körpers an sich sowie Grundlage der Proportionsstudien des Künstlers. Auch in dem 1550 entstandenen Gemälde Tizians mit der Darstellung des Sündenfalls, das von keinem Geringeren als Peter Paul Rubens knapp 80 Jahre später kopiert und dadurch noch berühmter wurde, ist der Körper des auf einem Steinquader sitzenden Adam klassisch muskulös. Antike Vorbilder, gar der Torso von Belvedere, werden wachgerufen.

Der Adam von Leonhard Kern, dem Schöpfer dieser Kleinplastik, sitzt hingegen etwas unbeholfen auf der Steinbank. Der Kopf wirkt auf den gedrungenen Hals geradezu aufgesetzt, durch die abfallenden Schultern verstärkt sich dieser Eindruck. Besonders irritierend ist sein Gesicht: Breitflächig mit angedeuteter Adlernase, dem aufgezwirbelten Oberlippen- und dem kleinen Kinnbart weist es individuelle Züge auf. Fast einhellig meint die Forschung darin das Bildnis des jungen Kurfürsten Friedrich Wilhelm I. (1620–80), des späteren Großen Kurfürsten, zu erblicken. Und selbst in dem Gesicht Evas mit dem geöffneten Mund, dem verhältnismäßig langen Nasenrücken und der hohen, rundlichen Stirn erkennt mancher Kunsthistoriker ein Porträt, namentlich das der Louise Henriette von Oranien (1627–67), der späteren brandenburgischen Kurfürstin. Was könnte der Grund für ein verstecktes Porträt des Kurfürstenpaars in biblisch-allegorischer Einkleidung sein? Das ikonografisch interessante Beiwerk hilft bei der Beantwortung dieser Frage.

Im Rücken des Mannes entdeckt man ein sich duckendes Windspiel, das von Adam zärtlich gekrault wird. Diese kleinsten Vertreter der Windhunde gehören nicht zur Bildtradition einer Adam-und-Eva-Darstellung, seit der Renaissance wohl aber zu den Bewohnern adeliger Höfe, sie stehen für Ergebenheit und Treue. Besonders zu beachten ist zudem die zwischen den Füßen des Mannes erscheinende und zur Frau sich hinwendende Schildkröte. Ihre symbolische Bedeutung ist vielfältig: Dank ihrer langen Lebensdauer steht sie für Unsterblichkeit, der vielen Eier wegen für Fruchtbarkeit, der abschirmende Panzer schließlich verweist auf Häuslichkeit und Reinheit. In den Emblembüchern des 16. Jahrhunderts taucht die Schildkröte in Verbindung mit Venus unter dem Stichwort »Matrimonium«, Ehe, auf. Dies ist ein weiterer Hinweis auf die mögliche Funktion dieser Kleinplastik. Friedrich Wilhelm von Brandenburg, inmitten der Wirren des Dreißigjährigen Krieges geboren, verlebte einen Großteil seiner Jugend am Hofe seines Großonkels Friedrich Wilhelm von Oranien in den Niederlanden, die damals ihr »Goldenes Zeitalter« erlebten. 1646, sechs Jahre nach der Regierungsübernahme, heiratete der junge Kurfürst dessen Tochter Louise Henriette. Den Eheleuten gelang es, aus der politisch begründeten Heirat eine durch tiefe Zuneigung getragene Verbindung zu entwickeln. Friedrich Wilhelm schätzte den Bildhauer Leonhard Kern (1588–1662), der sich auf dem Gebiet der Kleinplastik in Speckstein, Alabaster und besonders in Elfenbein einen Namen gemacht hatte und in Schwäbisch Hall eine erfolgreiche Werkstatt unterhielt. Vieles spricht dafür, dass der junge Kurfürst diese sehr privat anmutende Figurengruppe als verspieltes und anspielungsreiches Brautgeschenk für Louise Henriette bei Kern in Auftrag gab, der sie selbstbewusst mit seinem Monogramm L.K. versah. Dank dieser zauberhaften kleinen Elfenbeinplastik haben wir den Großen Kurfürsten nicht nur in Gestalt seines berühmten Reiterstandbilds vor dem Charlottenburger Schloss, sondern auch als jungen, nackten, zärtlich verführten Bräutigam vor Augen.

Sabine Weisheit

Dr. Sabine Weisheit ist Redakteurin des Museumsjournals. Dieser Artikel erschien im MuseumsJournal 2/2020.

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