Am Set des Dr. Caligari

Zur Jahreswende 1919/20 drehte der Regisseur Robert Wiene den wohl bekanntesten expressionistischen Stummfilm – »Das Cabinet des Dr. Caligari«. Weniger der Stoff machte den Film berühmt als vielmehr das abstrakte Dekor mit verzerrter Perspektive und stürzenden Linien. Kostüme, Masken, Gestik und Mimik der Schauspieler waren freilich ebenso ausdrucksstark wie die Räume – der Film setzte den »Expressionismus als dramaturgische Ausdrucksweise« ein, so der Regisseur und Filmhistoriker Gerhard Lamprecht.

Foto: Marian Stefanowski
Modell des Lixi-Ateliers in Berlin-Weißensee mit dem Filmset für »Das Cabinet des Dr. Caligari«, Entwurf und Rekonstruktion von Hermann Warm, 1965. Holz, Metall, Textil, Glas, 59 x 75 x 150 cm. Deutsche Kinemathek - Museum für Film und Fernsehen

In nur sechs Wochen hatten der Schriftsteller Hans Janowitz und der Drehbuchautor Carl Mayer das Manuskript erarbeitet, in das sie auch eigene Erlebnisse einfließen ließen. Erich Pommer, Gesellschafter der Berliner Decla-Film-Gesellschaft Holz & Co., kaufte die Geschichte über den unheimlichen Dr. Caligari, der mit seinem somnambulen Medium eine kleine Stadt in Angst und Schrecken versetzt. Der Filmarchitekt Hermann Warm war begeistert von dem bizarren Drehbuch. Mit seinen Kollegen Walter  Röhrig und Walter Reimann entwickelte er eine Ausstattung, die  ganz auf eine malerisch-fantastische Wirkung angelegt war. Die Skizzen dazu sind bereits im expressionistischen Stil ausgeführt. Der Produktionsleiter Rudolf Meinert sagte zu den ausgefallenen Vorschlägen: »Bei dieser Art müsse man aber bleiben […] dann aber […] so verrückt wie nur denkbar«.  Das Budget für den Set war gering: »Als hauptsächliches Bauelement  dienten die Fundus-Blenden (Lattenrahmen mit Sperrholz bekleidet). Die Rohbauten wurden mit billigem grobmaschigen Rupfen überspannt, mit Papier beklebt und bemalt.« In nur zwei Wochen entstanden die Dekor- und Kostümskizzen sowie Grundrisse und Lagepläne. Die Baupläne wurden in den Originalmaßen auf den Fußboden gezeichnet. »Um die bizarren Formen, die stürzenden Linien, die schwingenden Flächen, kurz, um die in den Skizzen gezeigte Wirkung zu realisieren, mußten die Blenden gebogen und verzogen  werden, nicht winklig, sondern stürzende Schrägen und schwingende Formen mußten aus dem eigentlich starren Material geformt werden. Es wurden keine  Dekorationsteile in den Werkstätten vorgefertigt, alle Dekorationsteile wurden  im Atelier improvisiert, in ständiger Kontrolle mit den Skizzen vergleichend, nur so konnte die genaue Wiedergabe, die gleiche Wirkung wie die der Skizzen erreicht werden«, berichtet Warm in seinen Baubeschreibungen.

Gefilmt wurde innerhalb einer Woche in nur einem Atelierraum des Lixi-Ateliers in Berlin-Weißensee. Pro Tag wurde in durchschnittlich zwei Dekorationen gedreht. Hermann Warm schrieb über den engen Zeitplan: »Nur sorgfältiges Disponieren über den Atelierraum, geschicktes Hinter- und  Ineinanderschachteln der Dekorationen waren die Voraussetzung zur Verwirklichung dieses Pensums. Zeitschwierigkeiten gab es immer bei den Fußböden, zuerst das Bespannen und Bekleben […], dann das Bemalen […]« 

Um zu veranschaulichen, wie Dreharbeiten in dieser frühen Zeit des Kinos abliefen, fertigte Herrmann Warm 1965 im Auftrag der Deutschen Kinemathek aus Holz, Metall, Glas und Stoff ein Modell ebendieses Lixi-Ateliers als typisches Atelier der Stummfilmzeit. In der Dauerausstellung des Museums für Film und Fernsehen wird es in einem Raum gezeigt, der sich mit Exponaten und Ausschnitten ganz dem berühmten Stummfilm widmet. Das Modell besteht aus einem großen verglasten Raum mit dem kleinen Büro für den Regisseur, das mit Liege und Waschbecken ausgestattet  ist – man kann sich die langen Drehtage und kurzen Nächte vorstellen. Der Bereich für die Filmarchitekten schließt sich an, rechts daneben ist der Durchgang ins Filmatelier und wieder rechts davon die winzige Dunkelkammer. Dahinter sind Fundus und Requisitenkammer angeordnet. Und gleich daneben wird gedreht: Der Regisseur Robert Wiene sitzt bequem in einem Sessel, umringt von Beleuchtern und Kameramännern, die Putzfrau steht vom Geschehen gebannt an der Seite, die Architekten schauen gespannt auf ihre Räume. Ein Klavierspieler sorgt für die richtige Atmosphäre für die zu drehende Szene. Auf den Beleuchtungsbrücken wird das  Licht eingerichtet, an der Seite hinter dem Architektenbüro die nächste  Dekoration vorbereitet. Kein Leuchtschild über den Türen warnt: »Ruhe!  Aufnahme«. Das war nicht nötig – Ton gab es noch nicht. 

Gerade wird eine Szene auf dem Marktplatz gedreht. Im Hintergrund ist die schmale, unheimliche Gasse zu sehen. Hermann Warm berichtet über die Schwierigkeiten im engen Atelier: »Die große Fläche des Marktplatzes mit den zwei Straßen und im Vordergrund der Rathauseingang wurden am ersten Bautag abends bespannt und beklebt und in der Nacht bemalt. Auf dieser Fläche war der Bau von weiteren drei Dekorationen vorgesehen […] Es war nicht immer genügend Abstand für die Kamera von der Dekoration im  Atelier vorhanden, die Kamera stand einigemal außerhalb des Ateliers.« Manchmal mussten Glasscheiben entfernt werden, um der Kamera »den freien Blick auf die Dekorationen, das Spielfeld bei den Totaleinstellungen zu geben«. Um die spukhaften Lichteffekte zu erzielen, wurden im Atelier die Glaswände einschließlich des Daches mit Tüchern abgedeckt. Diese Tücher sind beim Modell abgenommen. So kann, wer heute hineinschaut, das Abenteuer Stummfilm erleben.

Margit Gössinger

Die Autorin ist 3D-Archivarin der Deutschen Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen.

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