Auf den Zahn gefühlt

Jahrzehnte lag er verborgen im Sammlungsschrank. Nun wurde der Schatz gehoben: In der geologischen Sammlung des Stadtmuseums Berlin wurde einer der größten und besterhaltenen Unterkiefer eines ausgewachsenen Wollnashorns (Coelodonta antiquitatis) entdeckt.

Anlässlich eines Buchprojekts zur Eiszeit in Berlin erfolgte in der Sammlung eine Sichtung von Knochen und Zähnen eiszeitlicher Tiere. Dabei fiel der Blick auch auf einen großen Kieferknochen, der als »Unterkiefer eines Wildrindes« gekennzeichnet war. Ein kurzer Vergleich mit Rinderkiefern zeigte schnell, dass diese Zuordnung falsch war. Doch zu welchem Tier hatte er wirklich gehört? In Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern der Arbeitsgruppe Vergleichende Zoologie der Humboldt-Universität konnte der Kiefer eingehend untersucht werden. Das Resultat war spektakulär. Der Unterkiefer gehörte zu einem Wollnashorn, das in der letzten Eiszeit, der Weichsel-Kaltzeit, vor ungefähr 24 000 Jahren im Berliner Raum lebte. Und nicht nur das: Zwar sind Überreste von Wollnashörnern im Berliner Boden häufiger zu finden, doch in der Regel handelt es sich um kleine Knochen, Fragmente oder einzelne Zähne. Der hier »wiedergefundene« Kiefer ist dagegen in seiner Größe und Erhaltung eine Seltenheit.

Linke Unterkieferhälfte eines Wollnashorns aus Berlin-Spandau, 55 x 28,8 cm © Stadtmuseum Berlin, Foto: Beate Witzel

Anhand der Untersuchungsergebnisse konnte nicht nur die Zugehörigkeit des Unterkiefers ermittelt werden. Auch eine genauere Beschreibung des Tieres war nun möglich. Der Kieferknochen weist noch die hinteren drei Backenzähne auf, die vorderen sind postmortal verloren gegangen. Die Zähne zeigen mit der Form ihrer Schmelzlamellen und der sehr hohen Kronen einen für Wollnashörner charakteristischen Aufbau. Alle Kauflächen weisen deutliche Abnutzungsspuren auf, nur der hintere Teil des letzten Backenzahns ist noch scharfkantig. Auffällig ist eine Degenerierung des Knochens an der Außenkante der Zahnreihe, die zu Lebzeiten entstanden ist. Anhand der Befunde konnte gezeigt werden, dass es sich hier um ein noch junges, aber schon ausgewachsenes Exemplar handelte. Vermutlich litt das Tier unter einer entzündlichen Erkrankung des Zahnfleischs (Parodontitis). Auch heutige Nashörner leiden häufiger darunter. Ob die Parodontitis Ursache für den frühen Tod des Tieres war, kann nicht beantwortet werden. Die Untersuchung rückte noch einen weiteren, allerdings wesentlich kleineren Wollnashornknochen aus der geologischen Sammlung in den Fokus. Es handelt sich um ein Kieferfragment eines zweijährigen Jungtiers.

Zusammen mit den Mammuts zählt das Wollnashorn zu den charakteristischen Tieren der eiszeitlichen Steppen. Wollnashörner kamen in allen drei Eiszeiten nach Mitteleuropa. In der Weichsel-Eiszeit konnten sich die Tiere von Sibirien aus weit nach Frankreich und bis zu den Pyrenäen ausbreiten. In der kalten, fruchtbaren Graslandschaft der eiszeitlichen Tundren fanden sie ideale Lebensbedingungen. Hier ernährten sie sich von harten Gräsern, die sie mit ihren hochspezialisierten Zähnen zerkleinerten.

Gefunden wurde der Unterkiefer von dem Berliner Hobbypaläontologen und Sammler Manfred Arnold in der Spandauer Kiesgrube Parey. Dort wurde von den 1950er bis Ende der 1970er-Jahre Sand und Kies für den Wiederaufbau von Berlin gewonnen. Die Grube war bei Sammlern nicht nur für ihren Reichtum an Gesteinen, Fossilien und Bernstein bekannt. Auch Knochen und Zähne ausgestorbener Großsäuger traten zutage. Beim Abbau aus bis zu 15 Metern Tiefe schnitt die Grube den berühmten »Rixdorfer Horizont« an. Diese erstmals in Rixdorf (heute Ortsteil von Neukölln) entdeckte charakteristische Kiesschicht beinhaltet besonders viele Überreste von Tieren der Weichsel-Eiszeit wie auch aus der davorliegenden Warmzeit. Nach ihrer Schließung wurde die Grube Parey geflutet. An ihrer Stelle befindet sich heute der Große Spektesee an der Straße Am Kiesteich.

Manfred Arnold war ein leidenschaftlicher Sammler, dessen Schwerpunkt auf Fossilien lag, die er in eiszeitlichen Ablagerungen fand. Im Verlauf seiner Sammeltätigkeit trug er eine beeindruckende Kollektion zusammen, die aus rund 1400 Fossilien, mehreren Kilogramm Bernstein, Mineralien sowie Knochen und Zähnen eiszeitlicher Großsäuger bestand. Sogar ein Goldnugget hatte er in Parey gefunden. Nach dem Tod von Manfred Arnold wurde seine Sammlung, mit Ausnahme der Bernsteine, dem Fördererkreis der Naturwissenschaftlichen Museen Berlins e.V. überlassen. Seit dem Jahr 2002 befindet sie sich als Dauerleihgabe in der Geologischen Sammlung des Stadtmuseums Berlin.

Der Wollnashornkiefer hat nach seiner Entdeckung einen Platz in der neuen Ausstellung BerlinZEIT – Geschichte kompakt im Märkischen Museum gefunden. Nicht nur der Kiefer ist dort am Beginn des chronologischen Rundgangs zu sehen. Als Zeitzeuge mit Berliner Zungenschlag berichtet das Tier im Audioguide über die unwirtlichen Bedingungen während der letzten Eiszeit und klagt über Zahnschmerzen.

Zu den Autoren: Dr. Beate Witzel ist Leiterin der Geologischen Sammlung am Stadtmuseum Berlin. Gerhard Scholtz ist Professor für Vergleichende Zoologie der Humboldt-Universität zu Berlin.

Zum Weiterlesen: Scholtz, G., Amson, E., & Witzel-Scholtz, B. (2018) Zwei Unterkiefer des Wollnashorns (†Coelodonta antiquitatis) aus Berlin Spandau. Sitzungsberichte der Gesellschaft Naturforschender Freunde zu Berlin (N.F.) 53: 137-147.

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