Der bezwungene Held
Balthasar Permosers "Herkules und Omphale"

Nach 62 Jahren ist ein Meisterwerk in das Berliner Kunstgewerbemuseum zurückgekehrt: Balthasar Permosers Elfenbeingruppe "Herkules und Omphale".

Balthasar Permoser (1651-1732), Herkules und Omphale, nach 1690. Staatliche Museen zu Berlin, Kunstgewerbemuseum. Foto: Hans-Werner Pape
Balthasar Permoser (1651-1732), Herkules und Omphale, nach 1690. Staatliche Museen zu Berlin, Kunstgewerbemuseum. Foto: Hans-Werner Pape

Die schmerzhaften Lücken, die der Zweite Weltkrieg in die Berliner Sammlungen riss, sind für den heutigen Besucher nicht mehr spürbar. Wer denkt angesichts der wiedergewonnen, reich bestückten Säle des Bode-Museums schon an verlorene Schätze? Nur noch ein kleiner Vorraum im zweiten Obergeschoss erinnert an die Brände im Flakbunker Friedrichshain im Mai 1945, denen viele Bildwerke zum Opfer fielen. Eine verstümmelte Büste, der eine Gesichtshälfte weggerissen ist, eine Madonna mit verschmorter Terrakottaglasur stehen stellvertretend für diese Verluste. 1611 Objekte führt der Verlustkatalog der Skulpturensammlung auf, der nun erschienen ist, darunter Werke von Nicola und Giovanni Pisano, Donatello und Andrea del Verocchio. Die meisten davon waren in den Flakturm Friedrichshain ausgelagert worden. Ob sie verbrannten oder zuvor weggebracht wurden, ob viele noch in russischen Depots lagern, wie vermutet wird, weiß man nicht.

Manchmal, sehr selten, geschieht es, dass ein Werk nach Jahrzehnten wieder auftaucht. Ein Glücksfall, wenn es ein so herausragendes ist wie die kleine Elfenbeingruppe des Bildhauers Balthasar Permoser (1651-1732), die nun ins Kunstgewerbemuseum am Kulturforum zurückgekehrt ist. Die um 1700 entstandene Plastik war vor zwei Jahren dem Auktionshaus Sotheby's in New York angeboten worden, das bei der Recherche nach der Provenienz auf das Berliner Kunstgewerbemuseum stieß. Kustos Lothar Lambacher bestätigte, dass es sich um das Werk handelt, das schon im Bestandskatalog von 1923 publiziert war, und der Besitzer war bereit, es gegen eine Entschädigung zurückzugeben. Er selbst hatte es einige Jahre zuvor auf einer kleinen Auktion in Kalifornien erworben.

Wer sich über all die Jahrzehnte an dem Stück erfreut hat, wird man wohl nie herausfinden. Die Permoser-Gruppe war 1943 zusammen mit anderen Elfenbeinarbeiten zunächst ins Gutshaus Oegeln in Brandenburg ausgelagert worden und sollte im März 1945, als die Rote Armee näher rückte, ins hessische Schloss Arolsen gebracht werden. Der Zug aber geriet bei Melsungen unter Beschuss und stand tagelang unbewacht auf offener Strecke, bis amerikanische Truppen die Waggons sicherstellten. Da waren die Kisten schon aufgebrochen. Es könnte ein amerikanischer Soldat gewesen sein, aber auch ein jemand aus der Gegend, der die kaum mehr als handgroße Skulptur in seine Jackentasche verschwinden ließ.

Unbekannt ist auch, wer der erste Besitzer des Stückes war, das erst 1873 aus dem Nachlass des Rentiers Mossner in die brandenburgisch-preußische Kunstkammer kam. Sicherlich war es ein Fürst, wie bei den anderen vier Fassungen von »Herkules und Omphale«, die Permoser schuf - zwei sind im Grünen Gewölbe in Dresden erhalten, eine weitere in der Eremitage in St. Petersburg. Denn die Elfenbeingruppe zählt zu den schönsten und kostbarsten Werken ihrer Zeit. Der Dresdener Hofbildhauer Permoser, der die monumentalen Steinskulpturen für den Zwinger und für das Portal IV des Berliner Schlosses schuf, war auch ein Meister der filigranen Schnitzerei. Äußerst detailreich und von großer Lebendigkeit ist seine nur 22 Zentimeter große Gruppe mit der lässig dastehenden Omphale, dem mit übereinandergeschlagenen Beinen an ihrer Seite sitzenden Herkules und dem kindlich-ungestümen Amor, der herbeigelaufen kommt und auf das Paar zeigt. Das kleine Format und die raffinierte Darstellungsweise passen zum etwas pikanten Sujet. Denn wer genau hinsieht, entdeckt in der Hand von Herkules einen Spinnrocken. Der griechische Göttersohn, der Mann mit den unbändigen Kräften verrichtet Frauenarbeit! Wie ein kleiner Junge hockt der Löwen- und Schlangenbezwinger zu Füßen seiner Angebeteten und schaut schmachtend zu ihr auf, während sie sich kokett das Löwenfell, Symbol seiner sagenhaften Stärke, über den Kopf zieht. Halb zärtlich, halb mitleidig blickt sie auf ihn herab. Mit Herkules' Keule spielt unterdessen Amor.

Der Sage nach musste Herkules, um von einer Krankheit erlöst zu werden, drei Jahre in Knechtschaft der lydischen Königin Omphale verbringen, deren Reich er zunächst gegen Angreifer und Räuber verteidigte. Als Omphale erfuhr, wer ihr Sklave war, heiratete sie ihn. Seiner Herrin verfallen und vom Luxus des morgenländischen Hoflebens verweichlicht, ließ sich der einstige Held zum Gespött des Hofes machen. Als warnendes Beispiel stellten ihn Maler wie Lucas Cranach d.Ä. und Bildhauer wie Permoser den Herrschern ihrer Zeit vor Augen.

Annette Meier

Permosers Skulptur kehrte 2007 in das Kunstgewerbemuseum am Kulturforum zurück. Sie befindet sich zusammen mit anderen Werken aus der brandenburgisch-preußischen Kunstkammer im oberen Stockwerk, von der Haupttreppe aus im ersten Raum links.

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