Bestiarium

Auf den ersten Blick ist man irritiert, wenn man die Porzellane aus dem Ensemble »Bestiarium« betrachtet. Sind sie Gebrauchsgeschirr oder Objektkunst, Naturabformungen oder frei modellierte Gefäße? Handelt es sich um Kunsthandwerk oder Produktdesign? Wie sind die Formen und Dekore entstanden, auf digitalem oder analogem Weg?

Maria Volokhova und Shapes in Play (Johanna Spath, Johannes Tsopanides), Tafelensemble Bestiarium, 2015. Porzellan, glasiert, Aufglasurdekor (Digitaldruck). © Kunstgewerbemuseum SMB. Foto: Saturia Linke

»Bestiarium« steht an der Schnittstelle all dieser Aspekte. Das Tafelensemble entstand im Jahr 2015 in einer Kooperation der Porzellankünstlerin Maria Volokhova und dem Berliner Designbüro Shapes in Play (Johanna Spath und Johannes Tsopanides). Die Begeisterung für das Material Porzellan hat Maria Volokhova und Johanna Spath zusammengebracht. Die beiden lernten sich bei einem Porzellanworkshop in Polen kennen. Maria Volokhova, gebürtige Ukrainerin, studierte an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle bildende Kunst. Mit Keramik setzte sie sich intensiv während eines mehrjährigen Aufenthalts in Japan auseinander, wo sie an der keramischen Fakultät der Kunstuniversität Tokio studierte. Johanna Spath, die seit 2011 zusammen mit dem Designer Johannes Tsopanides das Berliner Büro Shapes in Play führt, begann ihre Laufbahn mit einer handwerklichen Ausbildung zur Modelleurin an der Fachschule für Porzellan im fränkischen Selb. Anschließend studierte sie Produktdesign an der Hochschule Coburg.

Teile ihres gemeinsam entworfenen Tafelensembles wurden kürzlich für das Kunstgewerbemuseum der Staatlichen Museen zu Berlin erworben: eine Fischplatte mit Hechtkopf, eine kleine Vase in Form eines Fischkopfes, ein sechsteiliges Tellerset, eine auf Hühnerfüßen stehende Tortenplatte mit Haube sowie eine Teekanne in Schildkrötenform mit zwei Schalen.

Beim Entstehungsprozess griffen analoge und digitale Verfahren ineinander. Naturabformungen aus Gips, die Maria Volokhova angefertigt hat – zum Beispiel von Hecht- und Karpfenkopf oder den Hühnerbeinen – bildeten die gestalterische Grundlage. Diese Abformungen wurden eingescannt und von Shapes in Play mittels einer speziellen Software zu dreidimensionalen Modellen weiterentwickelt. Einen Eindruck von der digitalen Entwurfsgenese erhält man beim Betrachten der Tellerdekore. In künstlerischer Verfremdung ist hier jeweils ein zugrunde liegendes Computerbild dargestellt, zum Beispiel die Schnaupe der Schildkrötenkanne, der Hechtkopf oder – auf der Tortenplatte – der Vogel, der zum vogelkopfförmigen Griff der Tortenhaube führte. Die Farbtöne der im Digitaldruckverfahren aufgebrachten Dekore entsprechen den Standardfarben der 3D-Software. Auch die vielfach gebrochenen Oberflächenstrukturen sind digitalen Ursprungs. Parallel zur digitalen Gestaltung entstanden die Formideen aber auch analog und haptisch real. So basiert die Tortenhaube in ihrer Oberflächenstruktur auf Experimenten, die Maria Volokhova mit einem tongetränkten Tuch durchführte.

Die auf diesem analog-digitalen Weg erzeugten Modelle wurden am 3D-Drucker aus Polyamid hergestellt. Der weitere Herstellungsprozess unterscheidet sich nicht von herkömmlichen Porzellanen: Von der Mutterform werden Gipsnegative abgenommen – bei komplexen Formen wie der Teekanne in mehreren Teilen –, und zusammengesetzt, sodass die Porzellanmasse eingegossen werden kann. Es folgen die manuelle Überarbeitung, das Glasieren und Brennen bei etwa 1450 Grad Celsius. Die einzelnen Teile dieses Services werden in Kleinstserie und nur auf Nachfrage hergestellt. Da mit unterschiedlichen Porzellanmassen gearbeitet wird, ist quasi jede Ausformung ein Einzelstück.

In der Hybridität der Technik – der gleichzeitigen Verwendung von digitalen und analogen Verfahren – spiegelt sich das künstlerische Konzept von Maria Volokhova und Shapes in Play wider. Auch die Objekte sind Mischwesen – halb Tier, halb Gefäß, halb naturalistisch, halb abstrakt. Sie stehen für unsere widersprüchliche, oftmals irritierende Gegenwart, bilden eine eigene Welt, in der Reales und Computergeneriertes ineinander übergehen. Dabei wirkten historische Bildfindungen inspirierend, zum Beispiel die Fantasiewesen von Hieronymus Bosch. Beim Gang durch die vielfältigen Bestände des Kunstgewerbemuseums eröffnen sich weitere historische Anknüpfungspunkte: etwa die Naturabgüsse von Wenzel Jamnitzer im Renaissanceraum, die Schaugerichte aus Fayence und Porzellan im Barock- und Rokokoraum oder auch die biomorphen Formen und Dekore auf Servicen und Vasen, die im Jugendstil entstanden sind.

Als das Berliner Kunstgewerbemuseum vor 150 Jahren – als erstes Museum seiner Art in Deutschland – gegründet wurde, geschah dies auch als Reaktion auf die radikalen Veränderungen, die die Industrialisierung mit sich brachte. Durch hochwertiges Kunsthandwerk verschiedener Epochen und Länder wollte man Kunstschaffenden Orientierungshilfen an die Hand geben. »Bestiarium« setzt sich mit den digitalen Möglichkeiten unserer Gegenwart auseinander und schlägt zugleich Brücken in die Vergangenheit. Insofern fügt sich die Arbeit harmonisch in die Bestände des Kunstgewerbemuseums ein und bildet nicht nur für Porzellanfreunde einen Blickfang.

Dr. Claudia Kanowski ist Kuratorin für Keramik am Kunstgewerbemuseum SMB.

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