Conchita Wurst auf der Mondsichel

Der in Berlin lebende österreichische Künstler Gerhard Goder (geb. 1956 in Salzburg) ist bekannt für seine märchenhaften und religiös konnotier­ten Skulpturen. Als Bildhauer arbeitet er mit Holz, Stein und Metall; seine Plastiken und Reliefs präsentierte er in verschiedenen Einzel­ und Grup­penausstellungen in Europa, etliche Stücke befinden sich in öffentlichem und privatem Besitz.

Foto: Ute Franz-Scarciglia
Gerhard Goder: Conchita Wurst auf der Mondsichel, 2014. Skulptur, Zirbelkiefer, stabverleimt, geschnitzt, teilgefasst, 157 x 100 x 60 cm. Museum Europäischer Kulturen SMB

Der unerwartete Sieg des ebenfalls aus Österreich stammenden Travestiekünstlers Thomas Neuwirth (geb. 1988) als Kunstfigur Conchita Wurst beim Eurovision Song Contest 2014 in Kopenhagen hat Goder zu diesem Kunstwerk inspiriert.

Die lebensgroße Skulptur zeigt eine bekrönte Person mit langen schwarzen Haaren und einem dunklen Bart. Sie steht auf einer silbernen Sichel, die auf einem goldenen Achteck befestigt ist, und greift im leichten Aus­ fallschritt nach einem ebenfalls in Gold gefassten Standmikrofon. Ansonsten blieb die Plastik farblich unbehandelt, allein im Ton des hellen Holzes der Zirbelkiefer belassen, einem Material, das insbesondere in der traditionellen Heiligenschnitzerei der Alpenregion benutzt wird.

Gerhard Goder sieht sein Werk als Zeitdokument, mit dem er aktuelle und herausfordernde Diskussionen in unserer Gesellschaft festhalten will. Die androgyne Erscheinung seiner Skulptur entspricht der Aussage von Conchita Wurst, sie sei ein schöner Mann und eine schöne Frau in einer Person und das Publikum sei die sie anstrahlende Sonne. Um ihr einen illusionären, besonderen Charakter zu geben, stellte der Künstler sie auf eine Mondsichel, deren Basis er als »Welt« bezeichnet.

Im weiteren Sinne zeigt die Plastik eine ganze Reihe von Konnotationen und Anlehnungen an traditionelle Formen des Religiösen, insbesondere der katholischen Heiligendarstellungen, wie z. B. die der »Heiligen Kümmernis«. Mit ihr wird die Legende einer christlichen Prinzessin verbunden, die nach dem Willen ihres Vaters einen Nicht­Christen heiraten sollte. Um dies zu vermeiden, wuchs ihr »durch ein Wunder« ein Bart, der sie zwar vor der Ehe, nicht aber vor dem Zorn des Vaters rettete.

Die Physiognomie der Skulptur zeigt zudem große Ähnlichkeiten zu einem Jesustypus, der in Form eines Gnadenbildes in den vergangenen Jahrzehnten in vielen Kirchen Mittel­ und Südeuropas breite Verehrung gefunden hat. Mit dem Stand der Figur auf einer Sichelform ist zudem eine deutliche Parallele zu den sogenannten Mondsichelmadonnen zu erkennen. Hierbei handelt es sich um einen in der christlichen Ikonografie vor allem für das 16. Jahrhundert prägnanten Bildtypus, der die Muttergottes mit dem Jesuskind im Arm auf einer Mondsichel stehend zeigt und der bis heute in der Frömmigkeitskultur katholischer Regionen zu finden ist.

Das Museum Europäischer Kulturen beschäftigt sich mit alltagskulturellen Themen in Europa vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Für ethnografische Forschungen zu Gegenwartsthemen begleitet es aktuelle soziale und kulturelle Prozesse des alltäglichen Lebens. Dazu gehört u. a. das Sammeln von Objekten als Ausdruck von Kulturphänomenen, die typisch für Europa zu einer bestimmten Zeit waren oder sind, um so Bereiche des kulturellen Erbes für die Zukunft festzulegen und für die Nachwelt zur Erinnerung und zur Selbstvergewisserung zu bewahren.

Gerhard Goders Skulptur passt hervorragend in das Sammlungskonzept des Museums: Sie stellt, wie der Künstler selbst sagt, ein Zeitdokument dar – der Eurovision Song Contest fasziniert jedes Jahr Millionen von Menschen und gehört definitiv zum heutigen europäischen Kulturerbe – ihre Erwerbung erfüllt damit den gegenwartsorientierten Anspruch des Museums. Gleichzeitig steht sie ikonografisch in der Linie vieler Jesus­ und Mariendarstellungen des Sammlungsbereiches zur traditionellen Frömmigkeitskultur in Vergangenheit und Gegenwart. Die Plastik stellt sich mit ihrer bewussten oder unbewussten Zitierung traditioneller Gestaltungsmuster in dieses historische Feld der Frömmigkeit, auch wenn Conchita Wurst selbst – das gab für ihren Sieg auch den Ausschlag – für die Freiheit der Andersdenkenden in den europäischen Gesellschaften sang. Basierend auf künstlerisch­handwerklichem Können reflektiert das Werk so unsere plurale Gesellschaft, die heute mehr denn je aus Menschen bzw. Gemeinschaften unterschiedlicher Kultur, Herkunft, Bekenntnisse, Hautfarbe, sexueller Orientierung etc. besteht.

Das Museum Europäischer Kulturen sieht eine seiner Aufgaben darin, diesen unterschiedlichen Interessensgruppen ein Forum und einen Ort zur Selbstvergewisserung zu bieten – dies gilt im Fall der Skulptur insbesondere für die LGBTIQ­Commmunities, die zudem einen hohen Fananteil beim Eurovision Song Contest haben. So wird die Erwerbung der Skulptur seitens des Museums Europäischer Kulturen als eine Art museologische Intervention verstanden, die im Gewand der Tradition zur Reflexion von modernen Lebenswelten in der europäischen Gesellschaft und zum Verständnis neuer Kulturphänomene herausfordert.

Dr. Elisabeth Tietmeyer

Die Autorin ist Direktorin des Museums Europäischer Kulturen.

LGBTIQ = Lesbian, Gay, Bi, Trans*, Inter, Queer. Die Abkürzung steht für Lesben, Schwule, Bisexuelle, Trans*, Intersexuelle und queere Menschen.

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