Das Altheimer Posthausschild

»Al hir ist die königliche Bost / A la poste roiale« prangt in goldenen Lettern auf der Vorder- und der Rückseite des opulenten, aus Eisenblech hergestellten und beidseitig bemalten Posthausschilds aus dem Jahr 1754. Ursprünglich hing es in dem kleinen Ort Altheim im heutigen Saarpfalz-Kreis, wo es seit 1749 eine königlich-französische Poststation gab. Der Bezug zu Frankreich wurde durch die verwendete Heraldik unterstrichen: Die bourbonischen Lilien zieren sowohl Vorder- als auch Rückseite des Schilds. Da die Region um Altheim aber erst 1766 unter französische Herrschaft kam, ist dieses Posthausschild ein einzigartiger Beleg für den grenzüberschreitenden deutsch-französischen Postverkehr im 18. Jahrhundert.

Wann genau die Poststation, die in einem herrschaftlichen zweistöckigen Gebäude mit Gasthaus, Stallungen und sich anschließenden Ökonomiebauten untergebracht war, ihren Betrieb einstellte, ist nicht überliefert.

Posthausschild, Altheim bei Zweibrücken, 1754. Blechtafel mit Randverzierung, Stange und Reiter, 114 x 105 x 4,3 cm. © Museumsstiftung Post und Telekommunikation, Foto: Peter Boesang
 

Die Ortschaft war im Zweiten Weltkrieg Schauplatz mehrerer Gefechte, was der exponierten Lage im Grenzgebiet geschuldet war. So zerstörte Artilleriebeschuss große Teile Altheims, und auch das Postgebäude wurde in Mitleidenschaft gezogen. Nach 1945 baute man den Ort wieder auf, das Postgebäude jedoch wurde dem Verfall anheimgegeben. Im Jahr 1973 erfolgte der Abriss des Gebäudekomplexes.

Wann und wie kam nun das Posthausschild in die Sammlung der Museumsstiftung Post und Telekommunikation? Ein Hinweis fand sich im Erwerbsbuch des Reichspostmuseums, der Vorgängerinstitution der Stiftung. Das Schild war am 9. Januar 1942 von der Reichspostdirektion Speyer an das Reichspostmuseum geliefert worden. Zeitgleich wurde einer Familie Bitsch der Betrag von 200 Reichsmark ausgezahlt. Mehr als dieser zunächst unauffällige Vermerk war über die Erwerbsgeschichte nicht bekannt.

Erst im Zuge einer Provenienzrecherche, die durch das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste gefördert wurde, fanden sich weitere Details zur Herkunfts- und Erwerbsgeschichte. Bei Nachforschungen in den Akten des Reichspostmuseums, die sich im Bundesarchiv Berlin erhalten haben, fand sich ein 41 Seiten umfassender Schriftwechsel, der ausschließlich den Erwerb des Altheimer Posthausschildes behandelte. Hieraus ergab sich für die diesbezüglichen Umstände und generell die Eigentums- und Besitzverhältnisse ein neues, detaillierteres Bild.

Olga Jean, eine jüdische Bewohnerin Zweibrückens (heute Rheinland-Pfalz), bot das Schild im April 1939 dem Reichspostmuseum zum Kauf an. Ihr Großvater Isaac Jean hatte das Schild um 1910 einer Altheimer Bauernfamilie namens Bitsch abgekauft. Aufgrund der veränderten Verhältnisse der jüdischen Gemeinde in Zweibrücken, so schrieb Olga Jean, sei sie bereit, das Schild zu veräußern. Das Reichspostmuseum zeigte sich sehr interessiert, das Objekt für die Sammlung zu erwerben. In einem vom Stadtkonservator Zweibrückens erstellten Gutachten wurde der Wert des Schildes mit 3000 RM festgelegt. Da es sich bei Olga Jean aber um eine Jüdin handelte, war das Museum lediglich bereit, maximal 800 RM zu bezahlen.

Die folgenden Anfragen aus Berlin über den Fortgang der Erwerbung verliefen im Sande. Grund hierfür war der beginnende Feldzug der deutschen Wehrmacht gegen Frankreich, im Zuge dessen sowohl Zweibrücken als auch Altheim evakuiert wurden. Erst nachdem die Beteiligten zurückgekehrt waren, kam es zu weiteren Verhandlungen – allerdings unter neuen Voraussetzungen: In der Nacht des 21. Oktobers 1940 waren alle noch in Zweibrücken verbliebenen Juden deportiert worden – unter ihnen auch die Familie Jean. Das Schild hatte der Kreisleiter des Heimatmuseums Zweibrücken beschlagnahmt. Es wurde beschlossen, dass das Original aufgrund seiner einzigartigen historischen Bedeutung nach Berlin ins Reichspostmuseum kommen sollte. Im Gegenzug verpflichtete sich das Museum, eine Kopie für das Heimatmuseum Zweibrücken herstellen zu lassen, die der Berliner Modellbauer Otto Voigt zum Preis von 410 RM fertigte. Zudem sollte ein finanzieller Ausgleich von 200 RM gezahlt werden – allerdings nicht an die jüdische Familie Jean, sondern an die Vorbesitzer, Familie Bitsch. Zur Begründung hieß es in den Akten, dass die Familie Bitsch das Schild jahrelang aufbewahrt hatte, bevor es Olga Jeans Großvater »ergaunerte«.

Die Ergebnisse der Archivrecherche passen also zum Eintrag im Erwerbsbuch des Reichspostmuseums von 1942. Komplett ausgeblendet wurde dort jedoch die Geschichte rund um die eigentlichen Besitzer des Schildes. Nachforschungen zum weiteren Verbleib der Familie Jean aus Zweibrücken ergaben, dass diese zunächst in das Sammel- und Durchgangslager Drancy in Frankreich deportiert und 1944 schließlich im Konzentrationslager Auschwitz ermordet wurde. Lediglich einer Schwester von Olga Jean war die Ausreise gelungen. Ihre Familie lebt heute in Michigan, USA. Damit bestehen gute Chancen, dass eine Restitution des Altheimer Posthausschildes an die Nachfahren der Familie Jean mit Erfolg durchgeführt werden kann.

Peter Hirschmiller

Der Autor leitet ein Provenienzforschungsprojekt in den Sammlungen der Museumsstiftung Post und Telekommunikation

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