Das Feuchtpräparat eines Teufelsanglers

20 000 Meilen unter dem Meer fuhr einst der berühmte Kapitän Nemo in dem Unterseeboot „Nautilus" umher. Natürlich war sich der Autor Jules Verne darüber bewusst, dass seine Maßangabe dem doppelten Erdumfang entsprach - es war der unter Wasser zurückgelegte Weg, nicht die Tiefe, die er im Sinn hatte. Es ist aber gerade diese ungeheuer groß anmutende Zahl, die ganz das Geheimnisvolle der Ozeane charakterisiert. Zu unendlich erscheinen bis heute die Weiten der Weltmeere, zu groß ist der Druck in den Tiefen, als dass die Welt dort unten umfassend erforscht werden könnte. Nur wenig ist bisher über das Leben in der Tiefsee bekannt, aber das wenige, was die Wissenschaftler zutage fördern konnten, fasziniert durch seine Bizarrheit: riesige Kalmare, winzige Leuchtquallen, Hitze liebende Muscheln, zahnbewehrte Fische.

Teufelsangler (Linophryne maderensis, Maul, 1961) mit anhängendem Zwergmännchen, Feuchtpräparat. Museum für Naturkunde © Hwa Ja Götz

Eines dieser Geschöpfe ist im Ostflügel des Museums für Naturkunde zu finden. Auf den ersten Blick wirkt es eher unscheinbar: ein kleiner brauner Fisch in einem der vielen alkoholgefüllten Gläser der sogenannten Nasssammlung. Linophryne maderensis, so sein wissenschaftlich korrekter Name, ist ein Teufelsangler. Von dieser Art sind bisher nur drei Exemplare vor der Insel Madeira gefangen worden. Sie leben dort in einer Tiefe von etwa 900 Metern. Ein genauer Blick enthüllt, wie der Fisch zu seinem populären Namen kam: Spitze Fangzähne, durchsichtig wie Glas, zieren sein Maul, über dem sich ein wurmähnlicher Fortsatz erhebt, den er tatsächlich wie eine Angel benutzt. Da mit zunehmender Tiefe das Licht immer mehr abnimmt und schließlich das Wasser gar nicht mehr durchdringt, besitzen viele Tiefseelebewesen Leuchtorgane, um Beute anzulocken, Feinde zu verwirren oder potenzielle Partner auf sich aufmerksam zu machen. Bei dem Teufelsangler sitzt es am kugeligen Ende des Scheinköders und am Ende der Kinnbartel - bioluminiszente Bakterien und körpereigene Licht absondernde Zellelemente sorgen für das grünlich-blaue Leuchten. Nahrung ist in der Tiefe knapp - ist einmal ein Beutetier auf das Licht hereingefallen, halten es die Zähne unbarmherzig fest. Dieser Fisch hatte, wie eine Röntgenaufnahme zeigte, kurz bevor er selbst ins Netz ging, zwei Garnelen gefressen.

Ebenso schwierig gestaltet sich die Partnersuche, doch auch dafür hat die Natur eine faszinierende Lösung gefunden: So handelt es sich bei diesem Teufelsangler nicht um ein Exemplar, sondern um zwei. Das, was man sofort als Fisch identifiziert, ist das Weibchen - direkt unter seiner Schwanzflosse hat sich jedoch ein viel kleineres Männchen verbissen. In den wenig bevölkerten Tiefen treffen Artgenossen nur selten aufeinander, der Fortbestand der Art wird gesichert, indem das Männchen fortan beim Weibchen bleibt. Dazu verbeißt es sich nicht nur in die Partnerin, sondern verwächst mit ihr und wird über eine plazentaähnliche Struktur von ihr ernährt. So ist es stets zur Stelle, um die Eier für eine neue Generation Teufelsangler zu besamen.

Zwischen Zehntausenden anderer Feuchtpräparate hat der Teufelsangler in der Schausammlung im Ostflügel des Museums seinen Platz gefunden. Wer den Raum das erste Mal betritt, ist beeindruckt von diesem riesigen Regal, das Gläser über Gläser mit Fischen enthält. Etwa 90 000 sogenannte Lots sind hier zu sehen - nur ein kleiner Ausschnitt der Feuchtpräparate, ein winziger der gesamten Sammlung des Museums. Auf den ersten Blick ist für den Besucher nicht immer erkennbar, welche Schätze hier gezeigt werden. Manche Gläser tragen einen roten Punkt - Zeichen dafür, dass das konservierte Tier das Typusexemplar ist, an ihm wurde die Art zum ersten Mal bestimmt und beschrieben. Und so ist die Schausammlung auch kein geschlossener, musealer Bereich, sondern ein wissenschaftlich genutztes Archiv, in das die Besucher Einblick erhalten.

Der kühle Saal im Ostflügel lässt die traditionell enge Verbindung von Museum, Sammlungen und Forschung besonders deutlich werden. So stammen etwa einige der ältesten Stücke der Fischsammlung von einem der Begründer der Ichtyologie, Marcus Elieser Bloch, der Ende des 18. Jahrhunderts in zwölf Bänden eine Naturgeschichte der damals bekannten Fische verfasste. Seine Sammlung ging bereits wenige Jahre nach seinem Tod in die Zoologische Sammlung der Berliner Universität über, diente dort Lehre und Forschung und wechselte mit weiteren Sammlungsteilen später ins Museum für Naturkunde. Auch andere bedeutende Wissenschaftler haben mit präparierten Fischen aus aller Welt ihre Spuren in der Sammlung hinterlassen, Alexander von Humboldt etwa oder Johannes Müller und Rudolf Virchow. Der Teufelsangler, als Art überhaupt erst 1961 entdeckt, war in den 1970er-Jahren von einem Forschungsschiff des Instituts für Hochseefischerei der DDR gefangen worden. Als diese Einrichtung ihre Sammlung abgab, kam der Fisch mit anderen Präparaten von Rostock nach Berlin. Und obwohl er als eines der Lieblingsstücke der Museumspädagogen regelmäßig für die Besucher aus einem der innen stehenden Regale hervorgeholt wird, ist er doch selbst in seiner Einzigartigkeit hier nur einer unter vielen. 

Nadja Mahler

Die Autorin dankt Dr. Peter Bartsch vom Museum für Naturkunde für seine fachliche Unterstützung.

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