Das Kreuz aus dem Musikzimmer Fanny Hensels

Kreuz, Florenz, 1. Hälfte 19. Jh., Olivenholz mit Perlmutteinlagen. Aus dem Besitz Fanny Hensels, geb. Mendelssohn. Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz

Das schöne Souvenir ist 58 Zentimeter hoch, aus Olivenholz, mit Perlmutteinlagen: ein Kreuz, das - möglicherweise byzantisch beeinflusst - in der Toskana oder in Venedig in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts angefertigt wurde. Es trägt keinen Corpus des Cruzifixus, was zu katholischer oder auch lutherischer Frömmigkeit passen würde, entspricht allerdings auch nicht ganz dem Bilderverbot calvinistischer oder jüdischer Tradition. Die Intarsien zeigen Ornamente und Symbole des christlichen Glaubensbekenntnisses: Folterwerkzeuge der Passionsgeschichte, die Wundmale des Auferstandenen, die Taube als Sinnbild des Heiligen Geistes. In der Ausstellung „Die Mendelssohns in der Jägerstraße" steht das Kreuz als Blickfang des thematischen Exkurses „Die Religion der Mendelssohns" - neben der Büste des jüdischen Philosophen Moses Mendelssohn und einem gewaltigen Gemälde (entstanden um 1700), das den „Auszug der Kinder Israel aus Ägypten" zeigt.

Fanny Hensel, geb. Mendelssohn, die Enkelin des Philosophen Moses und Schwester des Komponisten Felix Mendelssohn Bartholdy, war 1816 im Alter von elf Jahren mit ihren Geschwistern heimlich getauft worden. Ihr Vater, der Bankier Abraham Mendelssohn, hatte sich schon seit Fannys Geburt in Hamburg mit dem Problem auseinandergesetzt, ob der Diskriminierung, die Juden damals in vielen Staaten erfuhren, eher durch Konversion zu entkommen sei oder nur durch Emigration. Er hatte seinen neugeborenen Stammhalter Felix erst einmal nicht beschneiden, seine Familienangehörigen aber nach der Rückkehr an die Spree 1811 dann doch in das Register der Jüdischen Gemeinde zu Berlin eintragen lassen. Als im Zuge des Wiener Kongresses 1815 die politische Restauration in Europa und damit die Einschränkung jüngster Emanzipationsfortschritte betrieben wurde, schwanden jüdische Hoffnungen auf eine umfassende Gleichberechtigung. Der Übertritt zur protestantischen Staatsreligion schien Abraham Mendelssohn zunehmend die einzige Lösung zu sein, um sich selbst und seinen Kindern Zukunftschancen zu sichern. Seine anfangs ebenfalls geheimgehaltene Konversion, gemeinsam mit seiner Frau Lea, geb. Salomon, erfolgte erst 1822.  Zwei Geschwister Abrahams blieben dem Judentum treu; drei Geschwister waren bereits vor ihm zum Christentum konvertiert. Er selbst hatte keine starke Bindung mehr an die jüdische Religion und doch - unter anderem aus Rücksicht auf die Verwandtschaft - länger als alle anderen gezögert, den Glauben seines berühmten Vaters zu verlassen. Seine Hinzufügung des Christennamens „Bartholdy" wurde allerdings schon 1816, bei der Taufe der Kinder, avisiert, ist aber erst nach der eigenen Christianisierung öffentlich praktiziert worden.

1821 verliebte sich der märkische Pastorensohn und Maler Wilhelm Hensel in die siebzehnjährige Fanny Mendelssohn, durfte sie aber erst 1829 heiraten. Die gemeinsame Italienreise des Paares 1839/40, verbunden mit einem langem Rom-Aufenthalt, wurde zur glücklichsten Zeit im Leben der Musikerin. Dagegen war die Rückkehr der Hensels nach Italien 1845 von der Krankheit der Schwester Rebecka überschattet. An diese Reise nach Florenz, an ihr Sehnsuchtsland Italien überhaupt, das „Gelobte Land" der Künste, wird das Kreuz Fanny Hensel während der letzten zwei Jahre ihres Lebens erinnern.

Julius Helfft, Das Musikzimmer von Fanny Hensel in der Leipziger Straße 3, 1848, Aquarell. Links auf dem weißen Tisch steht das Kreuz.

Auf einem Aquarell, das ihr Musikzimmer im Gartenhaus Leipziger Straße 3 darstellt, ist dieses Kreuz vor dem Fenster zu sehen. Ein Jahr nach dem überraschenden Tod der 41-jährigen Komponistin war ihr unberührtes Zimmer so durch den Berliner Maler Julius Helfft dokumentiert worden: als Porträt ihrer Persönlichkeit. Ihr Privatissimum im Gartentrakt des Mendelssohn Bartholdyschen Palais' wird bestimmt durch die Gemälde ihres Mannes und seiner Freunde, durch den Flügel, das Notenpult und den Nähtisch der Hausfrau. Ob das Kreuz auf dem Spiegeltisch in diesem Kontext nur als Souvenir zu interpretieren ist -  oder doch als ein Zeichen persönlicher Glaubensüberzeugung? Die romantische Kunstreligion und das Ethos der bürgerlichen Verantwortung im Sinne der Aufklärungsmoral hatten für Fanny Hensel in ihrem Alltagsleben größere Bedeutung als das christliche Credo. Gleichwohl verstand sie sich nicht als Jüdin, sondern als evangelische Christin. Ihr Kreuz wurde von den Erben in ihren eigenen Wohnzimmern an hervorgehobener Stelle platziert und der Mendelssohn-Remise 2008 für den Exkurs „Die Religion der Mendelssohns" zunächst als Leihgabe zur Verfügung gestellt. Inzwischen konnte es mit Hilfe der Kulturstiftung der Länder und der Mendelssohn-Gesellschaft von der Staatsbibliothek zu Berlin erworben werden.

Thomas Lackmann

Der Autor ist Journalist und stellvertretender Vorsitzender der Mendelssohn-Gesellschaft, die die Mendelssohn-Remise in der Jägerstraße betreibt.

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