Der "Berlin Circle" von Richard Long
Die Unendlichkeit des Kreises

Schlamm, Steine und Torf gehören zu den Materialien, mit denen der Land Art-Künstler Richard Long seine meditativen Werke realisiert. Aus Schiefersteinen schuf Long 1996 den berühmten „Berlin Circle" zur Eröffnung des Hamburger Bahnhofes. Der große Steinkreis ist nun im Rahmen einer Sonderausstellung wieder in der Historischen Halle zu sehen - und hat nichts an Ausdruckskraft verloren.

bpk / Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart Berlin, SMB / VG Bild-Kunst, Bonn 2011Foto: Thomas Bruns
Richard Long, Berlin Circle, 1996, Sammlung Marx

"Was ist offener als ein Kreis?" Diese rhetorische Frage stellt Richard Long, wenn er über die Form seiner Werke spricht. „Meine Arbeit schließt ein, nicht aus. Ich habe kein geschlossenes System, es ist sehr offen."

Eine Ahnung, was Richard Long mit dieser Offenheit meint, erhält man dieser Tage im Hamburger Bahnhof. Die gesamte historische Halle ist dem 1945 in Bristol geborenen Künstler gewidmet. An der Wand gegenüber dem Eingang prangt ein beinahe haushoher, schlammfarbener Kreis. Richard Long hat das Material aus dem Fluss Avon aus seiner südwestenglischen Heimat mitgebracht und mit seinen Händen direkt auf die Wand aufgetragen.

Als erstes aber eröffnet sich beim Betreten der Halle der Ausblick auf die sechs Bodenarbeiten im Mittelschiff des Hamburger Bahnhofes. Meistens aus Stein, zum Teil aber auch aus Torfstücken, sind eine Ellipse, ein Rechteck und vier Kreise am Boden ausgelegt. Der eindrucksvollste Kreis liegt in der Mitte der Halle. Längliche Schiefersteine, alle etwa eine Handbreit hoch, bilden den „Berlin Circle", der einen Durchmesser von etwa 20 Schritten hat. Richard Long hat das zur Sammlung Erich Marx gehörende Werk zur Eröffnung des Hamburger Bahnhofes im Jahre 1996 geschaffen. Nun ist der „Berlin Circle" wieder am gleichen Ort ausgelegt worden.

Nach einem ersten Innehalten im großen Raum betreten die Besucherinnen und Besucher andächtig die Ausstellungshalle und beginnen ganz automatisch, um einen Kreis, meistens um den „Berlin Circle", herum zu gehen. Sie nehmen ihn nun genauer in den Blick, betrachten das Material, nehmen das Grau und die gelben Adern des Schiefers wahr und bewundern die Anordnung der Steine, die im Innern des Kreises kristalline Formen beschreiben und gleichzeitig einen perfekten Kreis bilden. Durch das langsame Schreiten um den Kreis herum verstärkt sich die Konzentration auf die Physis der Steine, aber auch auf den eigenen Körper. Und ohne es zu merken, hat man einen kleinen Teil von Richard Longs Arbeitsweise imitiert, hat nämlich einen „Walk", eine Wanderung, unternommen und sich damit auf eine meditative Reise begeben.

Ein „Walk" stand auch am Anfang von Richards Longs künstlerischer Karriere. Im Jahr 1967 lief der 22-Jährige so lange auf einer Wiese vor und zurück, bis das Gras niedergetreten war und sich eine Linie bildete. Darauf hielt Richard Long „A Line made by Walking" fotografisch fest. Diese für die 1960er Jahre neuartige Weise, vergängliche und ortsspezifische Werke in und aus der Natur zu schaffen, wurde bald als „Land Art" bezeichnet. Die Kunstrichtung, zu der auch Walter de Maria und Robert Smithson zählen, entstand vor dem Hintergrund der ersten ökologischen Bewegungen in den USA und Europa und ist als kritische Reaktion auf die klassische Gattung Skulptur und den kommerziellen Kunstbetrieb zu verstehen. Eigentliches Ziel der Land Art ist es darum auch, ein „Earth Work" weitab von Zivilisation und Institutionen zu schaffen. Dies geschieht bei Richard Long mit seinen „Walks" und seinen Anordnungen einfacher Formen, vor allem Kreise, an einsamen Orten.

Um die Arbeiten dennoch einem Publikum zugänglich zu machen, bringt Richard Long seine Werke aber auch in Ausstellungsräume. So lässt er auch uns an der Erfahrung einfacher Materialien und Formen teilhaben, die gerade durch ihre Simplizität große Ausdruckskraft erhalten. Zu Steinen hat Richard Long ein ganz besonderes Verhältnis: „Ich mag gewöhnliche Materialien, was immer sich gerade findet, aber im Speziellen Steine. Ich mag die Vorstellung, dass Steine aus dem gleichen Material sind, aus dem die Welt gemacht ist". Dazu kommt die Kreisform, die in einer Unzahl von Bereichen, seien es spirituelle, naturwissenschaftliche oder alltägliche, eine wichtige Bedeutung hat. An der Seitenwand der Halle im Hamburger Bahnhof wird der Zen-Meister Dairy? S?j? (1694 - 1751) zum Kreis zitiert: „The great circle mirrors the wisdom of endless purity". Für den Philosophen Ralph Waldo Emerson (1803 - 1882) ist „das Auge der erste Kreis; der Horizont, den es formt, der zweite; und dieses ursprüngliche Bild wird in der ganzen Natur wiederholt. Es ist das höchste Zeichen in den Chiffren der Welt". Universalität, Unendlichkeit und jene Offenheit, von der Richard Long spricht, finden sich also in der Kreisform wieder, die zwischen Auge und Horizont immer wieder auftaucht. Mit seinem „Berlin Circle" fügt Richard Long einen weiteren hinzu und schärft unseren Blick für die Form, die nach dem Ausstellungsbesuch viel öfters entdeckt und bewundert wird - auch an Orten, die nichts mit Kunst zu tun haben. Die Kunsterfahrung wird damit auch außerhalb der Museen und Galerien möglich, ganz im Sinne von Richard Long, der formuliert hat: „My art is in the nature of things".

Emilie Buri

Zur Ausstellung „Richard Long. Berlin Circle" ist ein schöner Katalog erschienen:

Richard Long. Berlin Circle, hrsg. von Udo Kittelmann und Eugen Blume für die Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart, Berlin. Autoren: Udo Kittelmann, Eugen Blume, Katharina Schlüter. Deutsch / Englisch, 60 Seiten, 53 Abb. in Farbe. Erschienen im Verlag für Moderne Kunst Nürnberg. Katalog-Preis: 28,- € im Buchhandel; Preis im Museum: 19,90 € in der Buchhandlung Walther König.

Die Sonderausstellung zu Richard Long lief bis zum 31. Juli 2011. Momentan ist der „Berlin Circle" nicht ausgestellt.

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