Deutsche Geschichte im Spiegel von Weihnachtsfotos

Die Fotos des Schöneberger Ehepaars Wagner, das sich sein ganzes Leben lang alljährlich vor dem Weihnachtsbaum ablichtete, reisten bereits um die ganze Welt. Nun sind die Aufnahmen noch einmal im Museum Charlottenburg-Wilmersdorf zu sehen, ergänzt um Fotos aus dem Alltag der Wagners, von Ausflügen und Reisen.

Anna Wagner blättert im Fotoalbum. Essen, 1900. Fotografie von Richard Wagner. Museum Charlottenburg-Wilmersdorf

Als junge Leute sind sie noch albern: Sie stellen zum Beispiel eine Szene nach, wie er, in Frack und Zylinder, auf Socken in die Wohnung schleicht, wo sie ihn schon mit erhobenem Teppichklopfer erwartet. Oft wird auch die Mietz in das Spiel einbezogen, die schwarze Katze, die alles mit sich machen lässt. Einmal posieren sie zu dritt, in der Mitte auf einem Tisch die Katze mit einem Pappschild um den Hals, da steht drauf „Wir gratulieren".

Richard Wagner gehört um 1900 zu den ersten Amateurfotografen in Deutschland. Er nutzt seine teure Kamera experimentierfreudig für Szenen, die mit Selbstauslöser aufgenommen sind, und die, wie der Sylvestergruß mit Mietz, dann an Freunde geschickt werden. Überwiegend sind es stereoskopische Aufnahmen, also Bilderpaare, die, durch ein Stereoskop betrachtet, ein dreidimensionales Bild ergeben.

Zu einer Zeit, in der es von den meisten Menschen nur ganz wenige, steif arrangierte Fotos gibt - das Schulkind vor dem Neorenaissancestuhl im Atelier etwa -, geben die Fotos der Wagners einen Einblick in das alltägliche Leben dieses Paares. Als frisch Verheiratete wohnen sie in Essen, dann ziehen sie nach Berlin, wo Richard Wagner zuerst Eisenbahn-Betriebs-Sekretär, dann Reichsbahn-Inspektor ist. 35 Jahre lang, bis zu ihrem Tod, leben sie in einer Zweieinhalbzimmerwohnung des Beamten-Wohnungs-Vereins in der Salzburger Straße in Schöneberg. Sie reisen für ihre Zeit relativ viel, da Richard Wagner verbilligte Fahrkarten bekommt, und sonntags fahren sie ins Grüne, als junge Leute mit dem damals ganz neuen Fahrrad. Es sind die klassischen Ausflugsziele, die man auf Richard Wagners Fotos zu sehen bekommt: Lietzensee-Park und Siegesallee, Zoologischer Garten und die Bildergalerie in Sanssouci, der Kaiser-Wilhelm-Turm im Grunewald und das Strandbad Wannsee, das Gartenlokal in Kladow und die Regatta in Grünau. 1936 gibt es eine neue Attraktion: die für Olympia-Gäste aufgebaute „Kraft durch Freude"-Stadt an der Heerstraße. Einmal hat Wagner auch den Städtischen Zentralfriedhof Friedrichsfelde besucht und dort die „Sozi-Ecke", wie er schreibt, mit dem Grab Karl Liebknechts aufgenommen. Bei den Wagners hing damals noch das Porträt des Kaisers über dem Sofa.

Die etwa 250 Fotos der Wagners, von denen nun eine Auswahl zu sehen ist, sind ein besonderer Schatz des Museums Charlottenburg-Wilmersdorf. Zufällig, durch einen Zeitungsaufruf mit der Bitte um Weihnachtsfotos, gelangten die Bilder in das Museum. Man wusste nichts über dieses Schöneberger Ehepaar, und es gab auch niemanden mehr, der über sie Auskunft geben konnte. Doch erzählen die Fotos ja sehr viel. Für die Museumsleute sind sie eine einzigartige Quelle der Kultur-, Alltags- und Stadtgeschichte. Die großen Ereignisse der Geschichte sind hier aus dem Blickwinkel einer durchschnittlichen deutschen Beamtenfamilie gesehen. 1914 posiert Anna in modischer Kleidung vor dem Kriegsgefangenenlager in Wünsdorf und im Zweiten Weltkrieg vor der getarnten Charlottenburger Chaussee (der heutigen Straße des 17. Juni). Im November 1943 fotografiert Richard Wagner vom Balkon aus das durch einen Bombenangriff beschädigte Schöneberger Rathaus.

Weihnachten 1915. Stereofotografie von Richard Wagner. Museum Charlottenburg-Wilmersdorf

Am eigenartigsten aber ist dieses Zusammentreffen von privater Chronik und Weltgeschichte in dem Zyklus, der über Berlin hinaus berühmt geworden ist: den Weihnachtsfotos. An jedem Heiligabend haben sich die Wagners vor ihrem Weihnachtsbaum und dem Gabentisch fotografiert, 42 Jahre lang. Zu diesem Familienfest gehörten bestimmte Rituale: Bei den Wagners gab es immer eine Tanne mit Kerzen und Lametta, selbstgebackenen Stollen, Lebkuchen, Äpfel und Moselwein. Auf dem Tisch sind die Geschenke drapiert: Stoffe, Duftwasser, Handschuhe für sie, Hosenträger, Socken, Weinbrand für ihn. Der Hausherr trägt Anzug mit Binder oder Krawatte und raucht entspannt Zigarre, die Hausfrau schaut munter in die Kamera oder auf den schön geschmückten Baum. Die Einrichtung bleibt all die Jahre dieselbe, auf allen Fotos erkennt man die Kommode mit dem Spiegelaufsatz, die Spitzenvorhänge vor dem Fenster, die gestickten Decken, den Sekretär, das Hochzeitsfoto und den Nippes an der Wand. Die großen geschichtlichen Umbrüche spiegeln sich in den Details: 1914 und 1915 hängt eine Europa-Karte über dem Gabentisch, auf der die Truppenbewegungen markiert sind. In den wirtschaftlichen schwierigen Zeiten fallen die Geschenke spärlich aus, und 1917 stehen die Wagners mangels Kohlen in Wintermänteln vor dem Christbaum, unter den Geschenken ist eine Kochkiste, mit der man brennstoffsparend Speisen garen konnte. 1926 gibt es ein elektrisches Bügeleisen, 1927 einen hypermodernen Staubsauger. Richard Wagner notiert auf den Rückseiten der Fotos penibel alle Geschenke samt Preis und verzeichnet auch die inflationsbedingten Preissteigerungen: „mittelschwere Handschuhe schon im Sommer gekauft 7,- (kosten jetzt 35 M)". Das Paar trotzt den Widrigkeiten, es feiert und hält fest an diesem Ritual der Beschaulichkeit, auch wenn draußen Straßenkämpfe ausbrechen oder die Sirenen heulen, wenn es keine Kerzen gibt oder nur noch Äpfel auf dem Tisch. Am Ende ist die Geschichte doch übermächtig: Anna Wagner stirbt im Juni 1945 an Unterernährung. Zwei Monate vor ihrem Tod fotografiert Richard Wagner seine 71-jährige Frau, jetzt eine Greisin im zu weit gewordenen Kleid, ein letztes Mal.

Annette Meier

Die Ausstellung „Lebensspuren. Die Foto-Chronik von Anna und Richard Wagner" war 2008 im Museum Charlottenburg-Wilmersdorf zu sehen. 2006 erschien im Nicolai Verlag das schöne Buch „Deutsche Weihnacht. Ein Familienalbum 1900 - 1945" mit Texten von Birgit Jochens.

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