Die feinen Unterschiede

Wer das Museum Neukölln auf dem Gutshof Britz betritt, dem fällt sofort ein Objekt auf, das sich ganz in der Nähe des Eingangs befindet: ein aufwendig verziertes Toilettenbecken mit rötlichem Blumenmuster. Es ist eines von 99 Objekten, die in der ständigen Ausstellung des Museums präsentiert werden. Sogleich drängen sich Fragen auf: Weshalb wurde Wert darauf gelegt, einen solch wenig repräsentativen Gegenstand der­art kunstvoll zu bemalen? Und was hat dieses Objekt mit dem Arbeiterbezirk Neukölln zu tun?

Dekoriertes Flachspülbecken, Hersteller: Johnson Bros. (England), Farbik in Wesel (Deutschland), vor 1917. Hartsteingut (»semiporcelain«), 40 x 45 x 37 cm. Museum Neukölln. Foto: Friedhelm Hoffman

Das Flachspülbecken war im Badezimmer einer gutbürgerlichen Vorderhauswohnung im 3. Stock des Hauses Emser Straße 116 in Berlin­-Neukölln in Gebrauch. Dazu gehörten eine Klosettbrille und ein Deckel aus Holz. Die Wohnungen in der Nähe der Ringbahn und des Neuköllner Bahnhofs verfügten um 1910 über einen relativ hohen Standard und unterschieden sich deutlich von den benachbarten Arbeiterwohnblöcken am sogenannten Rollberg, zwischen Hermann­ und Bergstraße (heute: Karl­-Marx-Straße). Das florale Dekor des Toilettenbeckens fügt sich ein in eine Wohnkultur um 1900 mit schweren Vorhängen und ausladenden Buffets, auf denen reich verziertes Porzellan oder geschliffene Glasware zur Schau gestellt wurde. Auch im damaligen Rixdorf gab es eine gut situierte Mittelschicht, die vom Landbesitzer zum Hausbesitzer aufgestiegen war und oft böhmische Wurzeln besaß.

1890 war Rixdorf an die Kanalisation angeschlossen worden. Zu jener Zeit konnten sich jedoch nur wenige eine Wohnung mit Badezimmer und WC (»water­closet«, Wasserklosett) leisten. In Rixdorf hatten im Jahr 1900 nur 23 Prozent der Wohnungen ein eigenes WC oder ein Badezimmer. Noch 1922 ergab eine Befragung unter 9400 Bewohnern im Auftrag der Berliner Ortskrankenkasse, dass mehr als die Hälfte der Mieter ein Klosett auf dem Treppenabsatz oder einen Abort im Hof benutzen musste. Der üble Geruch, der aus den Gruben unter den Klosetts oder Plumpsklos stieg, muss unerträglich gewesen sein. Schon früh forderten Hygienevereine und die »Arbeiter­Sanitäts­Kommission« aus Sorge um die Gesundheit der Arbeiter eine Verbesserung der sanitären Ausstattung der Wohnungen. Seit der Berliner Baupolizeiordnung von 1887 musste sich das WC an einer Außenwand der Wohnung nahe dem Fenster befinden. Das brachte nicht immer den erhofften Fortschritt: So manches WC wurde, um den Raum nicht zu verlieren, wieder auf das Zwischenpodest eine halbe Treppe tiefer verlegt. Erst seit 1925 war bei jeder Berliner Neubauwohnung der Einbau eines WCs vorgeschrieben. Die ersten Wohnungen in Neukölln, die diesem Anspruch gerecht wurden, befanden sich in der Britzer Hufeisensiedlung des Architekten Bruno Taut, einem Meilenstein der sozialdemokratischen Wohnungsbaupolitik der Weimarer Republik und heute Weltkulturerbestätte. Erst Ende der 1960er­Jahre schaffte man in Neukölln die letzten Hoftoiletten ab. Viele Häuser im Rollbergviertel wurden abgerissen, weil – so argumentierten die Wohnungsbaugesellschaften – eine Sanierung mit dem Einbau von WCs teurer sei als ein Neubau. Eine nicht ganz richtige Behauptung, wie die behutsame Stadterneuerung wenige Jahre später beweisen sollte.

Der Neuköllner Autor Horst Bosetzky, bekannt für Krimis unter dem Pseudonym ­ky, erinnert sich in dem Roman »Brennholz für Kartoffelschalen« an die Nachkriegszeit: »Am niedrigsten standen die, die ihr ›Kackhaus‹ auf dem Hof oder auch auf halber Treppe hatten. Dann kamen die, die zwar eine Innentoilette besaßen, aber sich nur auf ein unförmiges Kasten- oder Plumpsklo niederlassen konnten, und ganz oben in der Wertungstabelle waren jene einzuordnen, die ein freistehendes Klo aus Porzellan vorzuzeigen hatten. Die aber wiederum waren ein Nichts gegen alle Vorderhausbewohner, die ein Badezimmer ihr eigen nennen durften.«

Die Toilette steht für Intimität und Privatsphäre. Ihre Beschaffenheit und die Zahl ihrer Nutzer verraten dabei viel über die gesellschaftliche Stellung ihrer Besitzer. So spiegelt das WC­Becken im Museum Neukölln auf eindrückliche Weise die Kluft zwischen den verschiedenen Bevölkerungsschichten.

Jennifer Rasch

Die Autorin ist Kulturwissenschaftlerin und als freie Mitarbeiterin im Bereich der Öffentlichkeitsarbeit für das Museum Neukölln tätig. Der Text basiert auf Recherchen von Karolin Steinke.

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