Kohlen für West-Berlin
Die Hastings und die Berliner Luftbrücke

62 Jahre ist es jetzt her, dass die Berlin-Blockade zu Ende ging. Mit einer Luftbrücke hatten Amerikaner, Briten und Franzosen zwischen Juni 1948 und Mai 1949 die eingeschlossenen Berliner aus der Luft versorgt. Zu den größten und schnellsten der damals eingesetzten Flugzeuge gehört die britische Hastings. Eine der wenigen erhaltenen Maschinen steht heute im AlliiertenMuseum an der Clayallee.

Foto: AlliiertenMuseum/Chodan
Die Hastings TG 503 auf dem Gelände des AlliiertenMuseums.

Rosinenbomber - so taufte der Volksmund die Flugzeuge der westlichen Alliierten, die während der Berlin-Blockade die Bevölkerung aus der Luft versorgten. Auf den Plan der Westmächte, eine vereinigte Wirtschaftszone zu bilden, hatten die Sowjets am 24. Juni 1948 geantwortet, indem sie alle Zufahrtswege nach West-Berlin blockierten und die Stromversorgung kappten. Von diesem Moment an flogen amerikanische, britische und französische Piloten fast ein Jahr lang im Minutentakt Hilfsgüter in die eingeschlossene Stadt: Lebensmittel, aber auch Brennstoffe und Medikamente. Insgesamt wurden über die Luftbrücke rund 2,1 Millionen Tonnen Güter nach West-Berlin gebracht, um die damals etwa zwei Millionen Einwohner der Westsektoren zu versorgen - eine logistische Meisterleistung.

Die meisten Flugzeuge aus der Zeit der Berliner Luftbrücke dürften heute verschrottet sein. Einige Maschinen sind jedoch erhalten geblieben. Eine davon ist die britische Hastings TG 503 des Herstellers Handley Page. Von weltweit vier Exemplaren gehört eines dem Berliner AlliiertenMuseum und ist dort ein erklärter Publikumsliebling. Das größte und schnellste Transportflugzeug der Royal Air Force während der Berliner Luftbrücke konnte rund zehn Tonnen Ladung aufnehmen und flog bis zu 569 Stundenkilometer schnell.

US-Luftbrückenveteran Gail Halvorsen im Cockpit der Hastings TG 503 bei einem Besuch im AlliiertenMuseum im Juni 2009. Foto: AlliiertenMuseum/Kreul

Das silbern lackierte Flugzeug mit blauen Streifen - die wiederhergestellte, originalgetreue Lackierung - zieht unweigerlich die Blicke der Passanten auf sich. Wie jedes Jahr können sich Besucher seit Anfang April auch im Inneren der Hastings umschauen: immer sonntags zwischen 11 und 17 Uhr jeweils zur vollen Stunde. Im Bauch der Maschine wird historisches Filmmaterial zur Luftbrücke vorgeführt. Besonders interessant ist das Cockpit. Dort fallen die leeren Halterungen in der Wandverkleidung ins Auge. „Die TG 503 war kein Standard-Flugzeug", erklärt Royal Air Force-Veteran Brian Wanstall. „Die Maschine war ihr ganzes Leben lang ein Testflugzeug für Radartechnik." Je nach Bedarf wurden die neuen Instrumente in die Gehäuse ein- und später wieder ausgebaut.

Die Hastings im AlliiertenMuseum an der Clayallee hat eine einzigartige Geschichte. Nach der Auslieferung im Herbst 1947 setzte die britische Luftwaffe die Hastings zur Erprobung von Luftlandeverfahren für Fallschirmspringer ein. Auch Versuche für das Ablassen von Treibstoff standen auf dem Programm. Sechs Monate später startete die TG 503 zu ihrem ersten Langstreckenflug. Die Route führte von England über Malta, Irak, Pakistan, Indien und Sri Lanka bis nach Singapur. Von dort ging es weiter nach Australien und nach Neuseeland.

Als die Berliner Luftbrücke am 26. Juni 1948 begann, waren die neuen Hastings-Maschinen eigentlich noch gar nicht einsatzbereit. Doch wegen der angespannten Lage in Berlin gab es dringenden Bedarf an zusätzlichen Transportkapazitäten. Im November 1948 wurde die Hastings daher auf dem Flughafen Schleswigland im heutigen Schleswig-Holstein stationiert. Zunächst sieben, später 24 Maschinen brachten während der „Operation Plainfare" - so der britische Codename für die Luftbrücke - vor allem Kohle nach Berlin. 

Spuren von Kohlenstaub finden sich auch in der Hastings des AlliiertenMuseum. Unter einer gläsernen Lampenabdeckung entdeckte Restaurator Hans Reichart größere Mengen Ruß. Zudem berichtete ein ehemaliger Flugzeugtechniker der Royal Air Force, er habe bei Wartungsarbeiten einigen Kohlenstaub aus der TG 503 entfernt. Man kann also davon ausgehen, dass auch diese Hastings als Kohlentransporter für die Luftbrücke im Einsatz war.

Die Hastings vor dem Outpost Theater des AlliiertenMuseums. Foto: AlliiertenMuseum/Chodan

Nach der Berlin-Krise flog die Maschine wieder außerhalb Europas, etwa im Sudan, wo ihre Tropentauglichkeit getestet wurde. Im Lauf der Jahrzehnte diente die Hastings dann als Ausbildungsflieger für Radar-Bombenschützen und Navigatoren. In der Nordseeregion und besonders in der Nähe von Bohrinseln war sie verdächtigen sowjetischen Schiffen auf der Spur. Mitte der 1970er Jahre beteiligte sich das Flugzeug am so genannten „Kabeljau-Krieg" zwischen Großbritannien und Island und überwachte Fangschiffe. 1977 hob die Hastings zu ihrem letzten Flug ab. Rund dreißig Jahre nach dem Beginn der Luftbrücke steuerte Geschwaderführer K. R. Jackson die TG 503 von England nach Berlin-Gatow. Viele Jahre stand das Flugzeug als „Gate Guard" auf dem Luftwaffenstützpunkt der britischen Alliierten.

Zu ihrer letzten Reise brach die Hastings im September 1997 auf - allerdings schon nicht mehr aus eigener Kraft. Das wertvolle Relikt war ein Geschenk der britischen Regierung und der Royal Air Force an das neugegründete AlliiertenMuseum. Schnell stellte sich heraus, dass der Transport von Gatow nach Zehlendorf auf der Straße nicht möglich war. Selbst ohne Tragflächen und Höhenleitwerk hätte der Rumpf nicht durch die Unterführungen der Stadtautobahn gepasst. Es blieb also nur der Luftweg. Weil auf westlicher Seite ein Großhubschrauber nicht verfügbar war, sprang der Katastrophenschutz der Russischen Föderation ein: mit dem weltgrößten Helikopter Mil Mi-26T. In einer spektakulären Aktion wurde die Hastings unter großer Anteilnahme der Berliner am 21. September 1997 zum AlliiertenMuseum geflogen. Dort erinnert die Maschine seitdem an den britischen Beitrag zur Berliner Luftbrücke.

Cecilia Reible

Die Autorin war 2011, zum Zeitpunkt der Entstehung des Artikels, für die Pressearbeit des AlliiertenMuseums verantwortlich.

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