Die Uli-Figur aus Neuirland
Ein Meisterwerk der „Südsee-Kunst

Uli-Figur, Nördliches Neuirland
© Ethnologisches Museum, Staatliche Museen zu Berlin. Foto: Martin Franken

Ein massiver Körper, kurze, stämmige Beine und ein großer, von einem Scheitelkamm gekrönter Kopf mit einem langen Bart - in der Gestalt ähnelt die Uli-Figur fast einem Zwerg. Auffallend ist auch, dass sie sowohl Brüste als auch männliche Genitalien aufweist, was nach westlichen Vorstellungen auf eine Zweigeschlechtlichkeit hinweisen könnte. Die Uli-Figuren gehören zu den bekanntesten Kunstwerken Neuirlands, der zweitgrößten Insel des melanesischen Bismarck-Archipels in Papua-Neuguinea, und zählen bei westlichen Kunstliebhabern und -sammlern zu den beliebtesten Kunstobjekten. Das Ethnologische Museum in Berlin zeigt zwei dieser Meisterwerke in der Dauerausstellung zur Südsee. Sie wurden zwischen 1907 und 1930 in ihrer Herkunftsregion Madak im nördlichen Teil Mittel-Neuirlands von Wissenschaftlern erworben.

Über die Bedeutung und Funktion der Uli-Figuren und anderer Objekte aus Neuirland, von denen das Ethnologische Museum zahlreiche besitzt, ist noch immer wenig bekannt. Aus Arbeiten von Augustin Krämer, dem Expeditionsleiter einer Sammlungs- und Forschungsexpedition nach Papua-Neuguinea im frühen 20. Jahrhundert, und aus anderen wissenschaftlichen Quellen geht hervor, dass die Uli-Figuren Ahnenbilder verstorbener männlicher Oberhäupter darstellen. Die Figuren symbolisieren somit die Macht und Kraft, über die ein neuirländischer Klanführer verfügen musste, um seinen Führungsanspruch behaupten zu können. Da der ideale Anführer sowohl stark und aggressiv als auch nährend und fürsorglich sein sollte, erklärt sich auch die Zweigeschlechtlichkeit der uli-Figur: Die weiblichen Brüste stehen für die nährende Eigenschaft, welche der Klananführer besitzen sollte, um der Verantwortlichkeit seinem Klan gegenüber gerecht zu werden.

Die Uli-Figuren wurden vor allem bei Bestattungszeremonien gezeigt. Im Alltag wurden sie hingegen in den Männerhäusern aufbewahrt und blieben dort auch vor Frauen verborgen. Aber auch mit zahlreichen anderen Kulten und Praktiken stehen die Uli in Verbindung wie sexueller Freizügigkeit, Beschneidung der initiierten Jungen, übermodellierten Schädeln und wahrscheinlich auch der Kopfjagd.

Aus Museumsbeständen und privaten Sammlungen sind insgesamt 225 Uli-Figuren bekannt, jedoch sind nur die wenigsten eingehend dokumentiert. Vergleichende Forschungen an der Gestalt dieser Uli-Figuren lassen elf Grundstile unterscheiden, wobei man aber nicht weiß, ob diese elf Stile auf ursprünglichen Abbildungen von elf Klanführern basieren, die später von anderen Künstlern weiterentwickelt und differenziert wurden. Die Herstellung von Uli-Figuren beanspruchten bestimmte Klane oder auch Einzelpersonen für sich, es durfte also nicht jeder solch eine Figur anfertigen.

Die Kunstwerke aus Neuirland haben auch viele westliche Künstler gegen Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts inspiriert und beeinflusst, so zum Beispiel deutsche Expressionisten wie Emil Nolde, der vor dem Ersten Weltkrieg als Zeichner an einer medizinischen Forschungsreise in die damalige deutsche Kolonie „Deutsch-Neuguinea" teilnahm. Nach dem Krieg waren es vor allem französische Surrealisten, unter ihnen André Breton, die von der Ambivalenz dieser Kunst fasziniert waren. Die Begeisterung westlicher Künstler für die Kunst der Südsee führte zu einem Wandel in ihrer Wahrnehmung und Wertschätzung - obgleich aus einem westlichen Blickwinkel -, und so begannen sich allmählich auch Museen und Kulturinstitutionen für die neuirländischen Werke zu interessieren. Die tropische Inselwelt der Südsee galt früher (und gilt auch heute noch) als Projektionsfläche europäischer Sehnsüchte  nach einem „Paradies" und nach der fremden Schönheit und der Ursprünglichkeit ihrer Bewohner. Doch weckte die Konfrontation mit dem Fremden auch Ängste. Zahlreiche mit den Uli in Verbindung stehende Praxen und Kulte wurden von den Missionaren bekämpft. Viele der kulturellen Traditionen um die Uli-Figuren existieren daher schon seit der deutschen Kolonialherrschaft Anfang des 20. Jahrhunderts in der Herkunftsregion nicht mehr.

Yvonne Mensching

Die Figur war in der Südsee-Abteilung des Ethnologischen Museums ausgestellt.

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