Ein Grundstein aus der Zeit Nebukadnezars

Zur Errichtung eines Bauwerks gehört seit alters her die Grundsteinlegung. Sie erfolgt heute meist in Form eines zeremoniellen Aktes, bei dem Kapseln im Fundament niedergelegt werden, die Zeugnisse der Gegenwart enthalten.

Vorderasiatisches Museum SMB. Foto: Olaf M. Teßmer
Gründungsurkunde in Form eines Kegelstumpfes, Anfang 6. Jh. v. Chr. Gebrannter Ton, Länge: 20 cm, Durchmesser: max. 12,7 cm. Vorderasiatisches Museum

Grundsteinlegungen lassen sich bereits in Altägypten, in der klassischen Mittelmeerwelt sowie im alten Orient und auch in der alttestamentlichen Überlieferung nachweisen. Jedoch waren sie religiös begründet und viel aufwendiger als heute. In Mesopotamien nimmt diese Tradition bereits in der Mitte des 3. Jahrtausends v. Chr. ihren Anfang und wird bis weit in das 1. Jahrtausend v. Chr. hinein fortgeführt.

Das Erbauen wie auch das häufige Renovieren, Reparieren oder Erweitern von Palästen, Tempeln, Stadtmauern und Toren, die in Mesopotamien stets aus wenig haltbaren Lehmziegeln errichtet waren, gehörte zu den vornehmlichsten Aufgaben des Königs. Der Herrscher war nicht nur Bauherr, sondern auch derjenige, der zeremoniell den ersten Ziegel strich.

Nach dem Mythos von der Erschaffung der Welt errichteten die Götter selbst ihre Wohnsitze und wiesen den König im Traum zur Bautätigkeit an. War der Ort festgelegt, galt es, diesen sorgfältig kultisch zu reinigen. Als Opfergaben mussten das Blut von Tieren sowie Honig, Milch, Wein, Bier und Öl in die Fundamentgräben eingebracht werden. Hinzuzuziehen war außerdem Kultpersonal wie Exorzisten, Klagesänger, Musiker und Wahrsager. Von Baumeistern und Architekten ist dagegen nichts überliefert. Stand eine Renovierung an oder sollte gar der Grundriss verändert oder das Gebäude verlegt werden, musste hierzu die Zustimmung der Götter eingeholt werden. Vor allem aber waren die von Vorgängern in den Bau gefügten Inschriften zu bergen, zu lesen und entsprechend den darin enthaltenen Weisungen hatte man zu handeln. Schließlich musste der Bauherr seine Handlungen dokumentieren und die eigene Berufung und die Nutzungsbestimmung des Bauwerks darlegen, indem er sogenannte Deposita in das Fundament und das Mauerwerk einfügte.

Der hier vorgestellte hohle Kegelstumpf, als Körper auf der Töpferscheibe hergestellt, ist ein herausragendes Beispiel einer solchen Gründungsinschrift. Er ist 1890 als Schenkung in die Sammlung des Vorderasiatischen Museums gelangt; seine exakte Herkunft ist insofern nicht gesichert. Aber die Inschrift selbst gibt Auskunft über den Fundort: Demnach stammt das Objekt aus der antiken Stadt Marad, einem seit dem 3. Jahrtausend v. Chr. nachweisbaren Ort etwa 70 km südöstlich von Babylon. Die Existenz Marads ist bislang nur durch solche Inschriften belegt. Hier lag das Heiligtum des Lugal-Marada, des Stadtgottes, der in Keilschrifttexten als Schwurgott und in seiner Wesensform als kriegerischer Unterweltgott hervortritt. Geschrieben ist der Text in Keilschrift, jener seit der 2. Hälfte des 4. Jahrtausends v. Chr. entwickelten Kulturtechnik des alten Orients, die über drei Jahrtausende lang zur Wiedergabe mehrerer Sprachen verwendet wurde.

In unserem Fall handelt es sich um ein Literaturwerk in Akkadisch, der ältesten nachweisbaren nordostsemitischen Sprache, deren zwei Hauptdialekte Babylonisch und Assyrisch waren. Die Schreibtechnik ist dieselbe wie auf Tausenden Tontafeln: Die aus einzelnen Keilelementen zusammengesetzten Zeichen wurden mit dem Rohrgriffel in den feuchten Ton geschrieben. Der Text ist in drei Kolumnen zu je 45 bis 50 Zeilen gegliedert und zeigt das kalligrafische Bemühen, die unterschiedliche Zeichendichte der Zeilen der vorgegebenen Kolumnenbreite anzupassen. Der Kegel wurde danach gebrannt. Laut Inschrift war der Bauherr Nebukadnezar II. (605–562 v. Chr.), König von Babylon, der in Marad das verfallene Heiligtum des Lugal-Marada renovieren ließ, worüber er in dieser Urkunde berichtet: »Zu jener Zeit: Für Lugal-Marada, meinen Herrn, seinen Tempel inmitten von Marad – seine Gründungsurkunde, die seit ferner Zeit niemand gesehen hatte, suchte ich in seinem Fundament und sah sie an. Über die Gründungsurkunde des Naram-Sîn, des Königs, meines Ahnherren, gründete ich sein Fundament [neu.] Eine Urkunde meines Namens fertigte ich und legte sie darin nieder.« Demnach existierte der Tempel bereits seit dem 23. Jahrhundert v. Chr., als das alte Reich von Akkade von König Naram-Sîn (2272–2219 v. Chr.) beherrscht wurde. Nebukadnezar II. nahm die Erneuerung des Bauwerks zum Anlass, nun seinerseits eine Gründungsurkunde in das Fundament einzubringen. Außer der zitierten Textstelle ist die Inschrift im Wesentlichen identisch mit anderen vergleichbaren Urkunden des Königs. Es handelt sich um einen literarisch verfassten Baubericht, der, nach Einleitung und Titulatur Nebukadnezars, seine Berufung als »Erhalter der Städte und Erneuerer der Tempel« nennt und von seiner Tätigkeit an den Bauten Babylons und Borsippas berichtet. Der Schluss der Inschrift folgt wieder den literarischen Mustern durch Verwendung von Segens- und Fluchformeln: »O Lugal-Marada, Herr über alles, du Held, auf das Werk meiner Hände schaue in Gnade freundlich […] Zerschmettere die Widersacher, zerbrich ihre Waffen, richte zugrunde das gesamte Land der Feinde, überwältige sie insgesamt! […] Vor Marduk, dem König des Himmels und der Erde, mache meine Taten willkommen, sprich zu meinen Gunsten!«

Prof. Dr. Joachim Marzahn

Der Autor ist Oberkustos am Vorderasiatischen Museum.

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