Drachen zwischen Wolken
Ein Hängerollen-Triptychon im Museum für Asiatische Kunst

Kano Tan'yû (1602-1674), Fenggan mit dem Tiger und Drachen zwischen Wolken, Detail. Tokugawa-Zeit, datiert 1662. Hängerollen-Triptychon, Tusche und leichte Farben auf Seide, Bildfläche je 104,5 x 54,5 cm. Museum für Asiatische Kunst. Foto: Jürgen Liepe

Ostasiatische Rollbilder erfüllen in idealer Weise die Bedingungen, die sich in einer Kultur, die Bilder nicht permanent, sondern nur für kurze Zeit zu bestimmten Anlässen oder im jahreszeitlichen Wandel präsentiert, an das Format ergeben. Entrollt bilden die meist farbigen Montierungsstoffe oder Papiere einen Rahmen, der die Aufmerksamkeit des Betrachters auf den auf einem elastischen, aber dennoch stabilen Grund aus mehreren Schichten Papier aufgeklebten Bildträger aus Seide oder Papier fokussiert. In zusammengerolltem Zustand schützt diese Montierung das Bild vor Licht und anderen Umwelteinflüssen und erlaubt eine platzsparende Aufbewahrung. Trotz dieser einfallsreichen Gestaltung entstehen durch das Auf- und Abrollen sowie Verschmutzungen während der Präsentation im Laufe der Jahre unvermeidlich Schädigungen, die eine Restaurierung, gegebenenfalls verbunden mit einer Erneuerung der Montierung, notwendig machen können.

Kaum eine europäische Restaurierungswerkstatt ist imstande, diese Aufgabe auszuführen. So bleibt meist nichts anderes, als ostasiatische Rollbilder in spezialisierten Ateliers ihrer Entstehungsländer restaurieren zu lassen. Dank der finanziellen Unterstützung der Sumitomo Foundation war es dem Museum für Asiatische Kunst möglich, das bedeutende Hängerollen-Triptychon »Fenggan mit dem Tiger und Drachen zwischen Wolken« in aufwändiger, fast zweijähriger Behandlung bei der etablierten Restaurierungswerkstatt Handa Kyûseidô in Tokyo reinigen und neu montieren zu lassen. Seit kurzem ist dieses wertvolle Zeugnis der Repräsentationskunst des 17. Jahrhunderts nach langer Abwesenheit nun erstmals wieder in Berlin zu sehen.

Kano Tan'yû (1602-1674), Fenggan mit dem Tiger und Drachen zwischen Wolken, Tokugawa-Zeit, datiert 1662. Hängerollen-Triptychon, Tusche und leichte Farben auf Seide, Bildfläche je 104,5 x 54,5 cm. Museum für Asiatische Kunst. Foto: Jürgen Liepe

Seine hohe politische und künstlerische Bedeutung ergibt sich aus mehreren Faktoren. Das Triptychon-Format war in Japan ursprünglich bedeutenden Bildthemen vorbehalten. Ähnlich wie in der christlichen Tradition des Altarbildes stellt die symmetrische Anordnung von flankierenden Bildern um ein zentrales Mittelteil eine Pathosformel dar, welche die Signifikanz sakraler oder politischer Inhalte unterstreicht. Das Mittelteil zeigt eine Idealgestalt des Zen-Buddhismus: Meister Fenggan (jap. Bukan) soll im 8. oder 9. Jahrhundert als Mönch des Tempels Guoqingsi auf dem Berge Tiantai in der Provinz Zhejiang im Südosten Chinas gelebt haben. In der Malerei wird er häufig zusammen mit dem von ihm in den Tempel aufgenommenen Findling Shide (jap. Jittoku) und dessen Gefährten Hanshan (jap. Kazan) dargestellt. Anekdoten identifizieren die Drei vom Berge Tiantai mit einem Buddha und seinen begleitenden Bodhisattvas. Fenggans hier illustrierte traute Eintracht mit einem Tiger veranschaulicht einen vollkommenen Bewusstseinszustand, eine erleuchtete Existenz in Einklang mit sich selbst und in Harmonie mit dem Kosmos. Die Präsenz des Tigers rechtfertigt die in China etablierte Kombination mit Drachen zwischen nass lavierten Wolken. So erscheinen auf den flankierenden Rollen Drachen zwischen lavierten, auf der rechten Rolle unten fast wellenartigen Tuschewolken. Diese mythologischen Fabeltiere galten in China traditionell als Zeichen guter Herrschaft und Ausdruck kaiserlicher Macht. Sie werden mit dem lebenswichtigen Element Wasser und folglich den Naturphänomenen Wolken und Regen assoziiert, während das Gebrüll des Tigers Wind oder Sturm hervorruft. Die im Bild gebannten Bestien repräsentieren die Macht des Triptychonbesitzers, diese Naturgewalten zu kontrollieren. Dieser Herrschaftsanspruch verbindet sich mit der im Einklang mit dem Kosmos stehenden Gestalt des Fenggan zu einer komplexen Repräsentation des idealen Herrschers, den Drachen sanft umspielen.

Kano Tan'yû (1602-1674), Fenggan mit dem Tiger und Drachen zwischen Wolken, Detail. Tokugawa-Zeit, datiert 1662. Hängerollen-Triptychon, Tusche und leichte Farben auf Seide, Bildfläche je 104,5 x 54,5 cm. Museum für Asiatische Kunst. Foto: Jürgen Liepe

Die Signatur weist diese Herrschaftsallegorie als Werk des Kano Tan'yû (1602-1674) aus und datiert es nach japanischer Zählung in sein einundsechzigstes Lebensjahr, also 1662. Tan'yû war der Leiter eines sippenartig organisierten Werkstattverbandes, der als bedeutendster Hofmaler jener Zeit die visuelle Gestaltung der wichtigsten Repräsentationsbilder für die Militärherrscher aus dem von 1603-1868 als Shogun regierenden Hause Tokugawa, aber auch für den Kaiserhof, Mitglieder der Hofaristokratie und des Militäradels bestimmte. Ein Auktionskatalog aus dem Jahre 1918 belegt eindeutig die Herkunft dieses Triptychons aus dem Besitz der in Mito ansässigen Zweigfamilie der Tokugawa und somit seine Nähe zum Machtzentrum der Feudalzeit. Aus Anlass seiner Restaurierung wird es zusammen mit anderen, vorwiegend monochromen Tuschebildern des 16. und 17. Jahrhunderts präsentiert, darunter Leihgaben aus Privatbesitz, die hier erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt werden.

Alexander Hofmann

Dr. Alexander Hofmann ist Kurator für Japanische Kunst am Museum für Asiatische Kunst. Die Ausstellung "Drachen zwischen Wolken" war 2009/2010 im Museum für Asiatische Kunst zu sehen.

 

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