In feinster Form
Ein Silberservice von Emmy Roth

Vor Kurzem zeigte das Badische Landesmuseum in Karlsruhe eine Ausstellung über deutsche Silberschmiedinnen, die anschließend im Berliner Bröhan-Museum zu sehen war. Darunter war auch ein ganz besonderes Service von Emmy Roth (1885-1942). Dieses Kaffee- und Teeservice aus der Sammlung des Jüdischen Museums Berlin zeigt Roths Arbeit auf dem Höhepunkt ihrer Karriere. Es setzt sich zusammen aus einer Kaffee- oder Mokkakanne, einer Teekanne, einem Milchkännchen, einer deckellosen Zuckerdose und einem Tablett. Die Kaffeekanne zitiert die traditionelle barocke Birnenform, ist aber frei von jeder Oberflächenverzierung, sodass die Schönheit des handgearbeiteten Silbers und die Perfektion der organischen Formgebung ganz für sich wirken.

Emmy Roth, Kaffee- und Teeservice, Entwurf und Ausführung um 1930/31. Silber und Horn © Jüdisches Museum Berlin. Foto: Jens Ziehe. Die Teekanne ist links, die Kaffee- oder Mokkakanne rechts abgebildet.

Das Service ist als Einheit gestaltet, mit sorgfältig abgestimmten Proportionen. Die einzelnen Teile stehen in harmonischem Dialog miteinander. Alle Füße haben die gleiche ovale Form wie die Kannendeckel, die Zuckerdose hat dieselbe Gestalt wie die Kannenunterteile, und auf dem ovalen Tablett kommt das Ensemble besonders gut zur Geltung. Ein leichtes Anlaufen nah am oberen Rand der Zuckerdose lässt darauf schließen, dass Emmy Roth diesen Rand nachbearbeitete, damit er besser zu dem des Milchkännchens passte, und gibt so einen kleinen Einblick in den Gestaltungsprozess. Roths Stücke sind praktisch und funktionell: Zweckmäßigkeit und angenehme Handhabung sind ebenso wichtig wie ästhetische Qualität. Die Horngriffe der Kannen sind so gebogen, dass sie sich der natürlichen Beugung der Handfläche beim Eingießen anpassen, die Deckel sitzen auch beim Kippen perfekt.

Eine Version dieses Services mit geraden Henkeln wurde 1931 auf der Deutschen Bauausstellung in Berlin gezeigt, und zumindest ein weiterer, teilweise erhaltener Satz, heute in Privatbesitz, ist bekannt. Damit liegt 1930 als ungefähre Entstehungszeit des Originaldesigns nahe, was auch mit der Geschichte des Services im Jüdischen Museum in Einklang steht. Es tauchte zum ersten Mal 2010 im Nachlass der amerikanischen Gesundheitsökonomin Mary Lee Ingbar Mack (1926-2009) in Cambridge, Massachusetts, auf. Sie war das einzige Kind von Ruth Prince und Lee Adam Gimbel, beide aus erfolgreichen jüdischen Familien, die Mitte des 19. Jahrhunderts aus Deutschland in die USA emigriert waren. Laut Familienaufzeichnungen nahm Ruth Prince das Service in den frühen 1930er-Jahren in ihre Sammlung auf. Jedes der Stücke trägt die Export-Gravur »Germany« und ist in Sterlingsilber gearbeitet, der Legierung mit höherem Silbergehalt (925), die in den USA bevorzugt wurde. Hingegen trägt ein kürzlich versteigertes, anderes Kaffeeservice, 1929 Margarethe Brandenstein-Zaudy (1881-1930), der jüdischen Eigentümerin eines Einrichtungshauses in Wesel, gewidmet, die Markierung des in Deutschland üblicheren 800er Silbers. Zweifellos handelt es sich bei dem Service von Emmy Roth um einen großen Auftrag aus Übersee. Wie aber fand Emmy Roth Kunden in den USA? Die Antwort liegt wohl in ihrer geschickten Strategie der Selbstvermarktung. 1931 schreibt sie in einem Brief, ihre Arbeiten seien in amerikanischen Zeitschriften veröffentlicht worden, und ein Beleg dafür findet sich in einer Ausgabe des New Yorker Kunstmagazins »Creative Art« aus dem Jahr 1929.

Die Silberschmiedin Emmy Roth steht für eine große Zahl jüdischer Frauen, die in Deutschland im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts, bis zur Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933, im Bereich der angewandten Kunst tätig waren. Anerkennung auf dem von Männern beherrschten Feld der bildenden Kunst blieb Frauen zu dieser Zeit meist verwehrt, weshalb sie sich andere Formen des künstlerischen Ausdrucks suchten. Viele jüdische Frauen wurden zu führenden Keramik- oder Textildesignerinnen. Hingegen war es für Frauen recht unüblich, die mit viel Schmutz und körperlicher Anstrengung verbundene Goldschmiedelehre zu durchlaufen. Emmy Roth zählte zu den ersten Frauen in Deutschland, die die Meisterprüfung ablegten (ca. 1906), und zweifellos zu den Besten ihres Faches.

Als Emmy Urias wurde sie 1885 in eine jüdische Familie in Hattingen geboren, ihre Eltern leiteten dort ein Kaufhaus. In den 1920er-Jahren hatte sie ihre Ausbildung sowie drei Ehen hinter sich und lebte als Emmy Roth in Berlin. Als selbstständige, angesehene Silberschmiedin betrieb sie ihre Werkstatt in ihrem Wohnhaus in der Clausewitzstraße 8 in Charlottenburg. In den Kreisen der kulturellen Elite Berlins baute sich Roth ein ausgedehntes Netzwerk von größtenteils bürgerlichen, stark assimilierten und wohlhabenden Juden auf. Über ihre gesellschaftlichen Verbindungen und ihre Privatkunden erhielt sie offenbar genug Aufträge, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten.

Ihre letzten Lebensjahre verbrachte Emmy Roth in Palästina, 1936 wurden einige Arbeiten, die sie dorthin mitgebracht hatte, in Tel Aviv ausgestellt. Aufträge für größere Silberstücke bekam sie nicht mehr. Sie hielt sich mit der Anfertigung von Schmuck über Wasser, stellte aber auch einige bemerkenswert innovative, jüdische Ritualgegenstände her, deren Verbleib jedoch unbekannt ist. Emmy Roth hatte ihre kosmopolitische Berliner Heimat verloren, ihre Sprache, ihre Freunde, ihren Lebensstil. Im Juli 1942 nahm sie sich mit 57 Jahren schwer krebskrank das Leben.

Michal S. Friedlander

Die Autorin ist Kuratorin für Judaica und Angewandte Kunst im Jüdischen Museum Berlin.

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