Eine Batterie fürs Herz

13:10 Uhr im Depot: dreimaliges Piepsen aus einem Karton mit Defibrillatoren und Herzschrittmachern. Hier teilt ein Objekt mit, dass es bald seine Funktion nicht mehr erfüllen kann – Batterie fast leer. Die Sammlung des Berliner Medizinhistorischen Museums der Charité umfasst etwa 350 Herzschrittmacher, die zumeist ab den 1960er-Jahren bei Sektionen im Pathologischen Institut der Charité Verstorbenen entnommen wurden.

147 Promethium-Herzschrittmacher ohne Elektrode von 1974. Promethium/Samarium, Elektronik, Epoxidharz, Metall, 3 × 5,1 × 4,3 cm. © Berliner Medizinhistorisches Museum der Charité. Foto: Christoph Weber

Das sich schon seit Jahren wiederholende Signal erklingt mehrfach am Tag. Es verbindet die Depotgängerin mit einem ihr unbekannten Patienten. Sie hat einen besonderen Bezug zu diesem Karton und seinen Geräuschen aufgebaut und dennoch dessen Inhalt bisher nicht weiter untersucht. In Vorbereitung zu der neuen Sonderausstellung »Visite im Depot« breitet sie nun die flachen Implantate mit ihren meist matt glänzenden Oberflächen auf einem Tisch aus. Dabei fällt auf der äußeren Hülle eines deutlich kompakteren und mit 174 Gramm sehr schweren Schrittmachers das Zeichen für Radioaktivität auf. Der Karton erntet nun besorgte Blicke.

In Deutschland wurde erstmalig 1961 ein in Epoxidharz eingebetteter Herzschrittmacher implantiert. Spätere Modelle bekamen zum Schutz gegen elektromagnetische Störungen eine Metallhülle. Schnell fokussierten die Hersteller darauf, das Gewicht der Implantate zu verringern und insbesondere die Funktionsdauer ihrer Batterien zu erhöhen. Denn die zunächst verwendeten Quecksilberoxid-Zink-Batterien versagten nach etwa zwei Jahren. Daher gab es Ende der 1960er-Jahre Versuche, für diesen Implanttyp radioaktive Isotopenbatterien mit einer deutlich längeren Funktionsdauer zu entwickeln. Die Energie, die beim Kernzerfall eines Radioisotops entsteht, wurde in den kleinen Generatoren in elektrische Energie umgewandelt.

Die Anfrage bei einem Herzspezialisten über das strahlende Objekt ergibt: »Die Patienten trugen ein silbernes Armband zur Erkennung. Alle Schrittmacher mussten nach Entnahme fachgerecht entsorgt werden – wohl bis auf Ihren.«Irgendwie kommt ob der vermeintlichen Einmaligkeit des Metallkästchens keine Freude auf.

Publikationen des Bundesamts für Strahlenschutz (BfS) erläutern, dass in Deutschland zwischen 1971 und 1977 insgesamt 284 Herzschrittmacher mit Radionuklidbatterien implantiert wurden. Die Produkte befanden sich in der Testphase. Die Patienten unterlagen strengen Kontrollen, jeder Wohnortwechsel oder eine Änderung im Status des Geräts wurde dem BfS übermittelt. Die meisten enthielten 238Plutonium und hatten eine Halbwertszeit von 87,7 Jahren.

Die Aufschrift des vorliegenden Herzschrittmachers gibt aber eine weitere Information preis, die in eine andere Richtung weist: Pm147. Dieses Promethium-Isotop hat eine Halbwertszeit von 2,62 Jahren. Damit angetriebene Herzschrittmacher wurden ab etwa 1970 bei der Firma Biotronik in Berlin-Neukölln entwickelt und hielten circa sieben Jahre. Die fertige Isotopenbatterie dafür kam aus den USA von der McDonnell Douglas Company, die Pm147 in ihren Flugzeugen für Leuchtschriften im Cockpit verwendete. Nach Aussage von Biotronik sind weniger als 100 Geräte zwischen 1973 und 1976 überwiegend in den USA und zum Teil in Deutschland eingesetzt worden. Ihre Batterie wurde mehrfach abgeschirmt und eingekapselt, daher waren diese Implantate selbst für die damalige Zeit sehr schwer. Außerdem hielten sie ihr Versprechen nicht ganz und mussten wegen nachlassender Energieleistung meist nach fünf Jahren entfernt werden. Das BfS sagt dazu 2011: »Wegen ihrer geringen Halbwertszeit ist ein Großteil der bis Ende der 1970er-Jahre eingesetzten radioaktiven Stoffe seitdem ›zerfallen‹ und stellt heute kein Problem dar.«Ab etwa 1976 gab es mit den noch heute verwendeten, nicht radioaktiven Lithium-Iodid-Batterien, die eine Funktionsdauer von über zehn Jahren haben, weltweit einen Durchbruch für Lebensqualität und Sicherheit der Patienten.

Aber wie kam ein Patient mit einem in West-Berlin hergestellten Schrittmacher, der zudem nie endgültig zugelassen war, auf einen Ost-Berliner Sektionstisch? Die Firma Biotronik hatte gute Kontakte in die Charité, in ihre Produkte flossen Ideen und Forschungsergebnisse von dort ein. In der DDR wiederum waren eigene Herzschrittmacherentwicklungen aus verschiedenen Gründen zu jener Zeit äußerst schwierig, sodass man auf Importe angewiesen war. Aufgrund der engen wissenschaftlichen Zusammenarbeit gelangten zahlreiche dieser Implantate über die Grenze. Bei fünf Patienten mittleren Alters wurden in der Klinik für Kardiologie der Charité auch Pm147-Geräte eingesetzt. Sie konnten unterschiedliche Elektronik enthalten, die das Herz verschiedenartig stimulierte. Der im Depot lagernde IKP-51 ist ein sogenannter V00-Schrittmacher. Er wurde im Februar 1974 hergestellt und stimuliert die rechte Herzkammer (V) in einer starren Frequenz, aber reagiert nicht auf die Eigenleistung des Patientenherzens. Deshalb wird dieser sehr einfache Schrittmachertyp heute nicht mehr eingesetzt.

Beate Kunst

Beate Kunst ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Berliner Medizinhistorischen Museum der Charité. Sie dankt Prof. Dr. Joachim Witte, bis 2002 Professor für Kardiologie an der Charité, für seine Informationen zum Pm147-Herzschrittmacher in der DDR.

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