»Heilige Anna mit ihren drei Männern«
Eine Figurengruppe von Tilman Riemenschneider

Tilman Riemenschneider, Die heilige Anna mit ihren drei Ehemännern, um 1510. Foto: Winfried Berberich
© Kunstschätzeverlag

»Sie ist die Krönung dieses Hauses«, sagt der Direktor der Berliner Skulpturensammlung Arne Effenberger über seine jüngste Neuerwerbung: die »Heilige Anna mit ihren drei Ehemännern« von Tilman Riemenschneider. Wenige Monate nachdem das Bode-Museum eröffnet wurde und alle Welt in Staunen versetzt hat, kann es mit einem weiteren Meisterwerk aufwarten. Die ohnehin bedeutende Berliner Riemenschneider-Sammlung, die Wilhelm von Bode zusammentrug, ist jetzt noch reicher.

Vielleicht ist die um 1505 geschaffene »Heilige Anna« sogar eindrucksvoller als die viel gerühmten Münnerstädter Evangelisten des fränkischen Meisters, die etwa 15 Jahre früher entstanden. Die aus Lindenholz geschnitzte Gruppe ist flach wie ein Relief, die Schultern der Männer sind fast papierdünn, aber die Korkenzieherlocken, der Turban des Joachim, Wangen und Doppelkinn des Kleophas sind ganz plastisch herausgearbeitet. Eine tiefe Ergriffenheit, ein mit Wehmut gemischtes Wissen um die Bedeutung des Erlebten eint die dicht zusammengerückten Männer. Welch ein Reichtum des Ausdrucks liegt in ihren Zügen, in den Falten und Mulden der Gesichter, in der Bewegung der Brauen, der Kopfneigung und der Gestik der feingliedrigen Hände, und wie ungerührt erscheint dagegen Anna! Der Kummer der Mutter Marias, die das Schicksal ihres Enkels vorausahnt, zeigt sich nur an Details wie den eingefallenen Wangen, dem stieren Blick, den zusammengepressten Lippen.

Tilman Riemenschneider, Die heilige Anna mit ihren drei Ehemännern, um 1510.
Foto: Winfried Berberich © Kunstschätzeverlag

Anna wendet sich dem Jesuskind zu, das einst an ihrer Seite auf dem Schoß ihrer Tochter saß, und dem sie wohl einen Apfel reichte. Wie viele Werke im Bode-Museum ist nämlich auch dieses ein Fragment. Die Gruppe gehörte einst zu einem Altar in der Marienkapelle von Rothenburg ob der Tauber, das die ganze Verwandtschaft Jesu, die Heilige Sippe, zeigte. Als die Kapelle nach der Säkularisierung 1805 abgebrochen wurde, gelangten die Teile des Altars in verschiedene Sammlungen. Zwei weitere Fragmente sind in London und Stuttgart erhalten. Sie zeigen die Töchter, die Anna in zweiter und dritter Ehe geboren haben soll, Halbschwestern Marias also, die wiederum Kinder hatten. Mit dieser Legende erklärte man sich die Existenz der im Neuen Testament erwähnten »Brüder Christi«, ohne die Jungfräulichkeit Marias in Frage zu stellen.

Das Berliner Fragment war den Staatlichen Museen 1929 schon einmal angeboten worden. Damals konnte Direktor Theodor Demmler die Mittel für die Erwerbung nicht aufbringen, erreichte aber wenigstens, dass ein Berliner Privatmann das Stück kaufte. Aus dieser Familie ist die Reliefgruppe, die einige Jahre als Leihgabe im Bayerischen Nationalmuseum in München zu sehen war, nun für die Berliner Skulpturensammlung erworben worden - mit Hilfe der Kulturstiftung der Länder, der Ernst von Siemens Kunststiftung und der Deutschen Bank. Es ist ein Werk, an dem keiner der immer noch zahllos in das Bode-Museum strömenden Besucher vorbeigehen wird, ohne innezuhalten.

Annette Meier

Die Skulptur befindet sich im 1. Obergeschoss des Bode-Museums.

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