"Ein glücklicher Einfall"
Eine Keksdose von Trude Petri

Mit Klassikern wie dem Service "Urbino" prägte Trude Petri das moderne Programm der Königlichen Porzellan-Manufaktur Berlin. Die KPM bewahrt in ihrem Archiv auch unbekannte Entwürfe der Designerin - darunter eine originelle Porzellandose aus den Fünfzigerjahren.

Keksdose mit hohem Griff, Entwurf Trude Petri, 1957. Polychrome Aufglasurdekoration vermutlich von Luise Charlotte Koch, KPM Manufakturarchiv

Innovativ erscheint die von Trude Petri (1906-1997) entworfene Dose, die im Modellbuch der Staatlichen Porzellan-Manufaktur Berlin (KPM) unter der einfachen Bezeichnung „Keksdose mit hohem Griff" geführt wird. Der bauchige, konisch auslaufende Gefäßkörper wird von einem sanft geschwungenen, leicht vorkragenden Deckel geschlossen, der in einem extravagant hochgezogenen Griff endet. Organisch wächst dieser ohne Unterbrechung empor und öffnet sich kelchförmig nach oben. „Trompetengriff" hat Petri selbst den originellen Knauf bezeichnet. Durch den wuchtigen unteren Gefäßkörper und den schmalen hochgezogenen Knauf entsteht ein reizvoller Kontrast zwischen den beiden Gefäßteilen, der durch den Wechsel von konkaven und konvexen Umrisslinien verstärkt wird. Die ausgewogenen Proportionen und der sich sanft anschmiegende Deckel führen zu einer harmonischen und geschlossenen Gesamtwirkung.

Die organische Linienführung weist auf die experimentelle Formensprache der Fünfzigerjahre und damit auf die späte Schaffensphase von Trude Petri hin. Die wohl erfolgreichste Designerin der KPM folgte ihrem Verlobten John Gert Raben 1949 nach Chicago, was jedoch nicht das Ende der Zusammenarbeit mit der KPM bedeutete. Vor allem Siegmund Schütz, der für die Umsetzung von Petris Arbeiten in der Manufaktur sorgte, und dem Modelleur Max Schuster, der zur Realisierung ihrer Entwürfe abgestellt war und sie auch in Chicago besuchte, ist es zu verdanken, dass ihre Arbeiten auch nach der Auswanderung in die USA ins Sortiment der KPM aufgenommen werden konnten. Eine Zusammenarbeit über eine so große Distanz war ungewöhnlich und bezeugt die herausragende Bedeutung Petris für die Manufaktur, prägte sie doch seit 1929 den modernen Stil der KPM.

Der neue Manufakturdirektor Günther von Pechmann hatte die damals erst 23-Jährige unmittelbar nach ihrer Ausbildung an den Vereinigten Staatsschulen für freie und angewandte Kunst eingestellt. Von Pechmann war um eine grundlegende Erneuerung der Produktpalette bemüht. Bereits im ersten Jahr seiner Amtszeit, 1929, initiierte er die Zusammenarbeit mit der damals im Keramikbereich fortschrittlichsten Kunstgewerbeschule Burg Giebichenstein in Halle und gewann dadurch das kreative Potenzial von Gerhard Marcks und Marguerite Friedlaender für die Manufaktur. Im selben Jahr beauftragte von Pechmann Petri mit dem Entwurf für ein neuartiges Service. Gleich zu Beginn ihrer Karriere als Designerin entwarf Petri so eines der berühmtesten Speiseservice der KPM, einen Designklassiker: Urbino. Basierend auf den geometrischen Formen Kreis und Kugel und nach ostasiatischem Vorbild ohne jede Abgrenzung der Tellerfahne besticht Urbino durch Funktionalität und zeitlose Eleganz.

Das Design der Fünfzigerjahre war von einer Erneuerung geprägt, die einem veränderten Lebensgefühl Ausdruck verleihen sollte. 1957 fand in Berlin die große Internationale Bauausstellung im Hansaviertel statt, ganz in der Nähe der KPM-Manufaktur. Womöglich wurden durch die Schau auch einige Neuschöpfungen der Manufaktur initiiert. Von Petri sind allein acht Entwürfe aus diesem Jahr im Modellbuch eingetragen - einige, wie das Schälchen »Hansa«, weisen mit ihrem Namen auf den Schauplatz der Interbau hin, die Vorbilder für  eine neue Wohn- und Einrichtungskultur liefern sollte. Die thematische Schau „Stadt von morgen" auf dem Gelände des Hansaviertels bildete eine Plattform für die produzierenden Unternehmen. Hier wie auch in der Wohnberatungsstelle, die der Interbau angeschlossen war, wurde den Besuchern die „gute Form" im KPM-Porzellan präsentiert.

Petris Formensprache hatte sich seit ihren Anfängen bei der KPM zugunsten einer eleganten Verspieltheit weiterentwickelt. Im Jahre 1953 entstand das erfolgreiche Salatservice mit dem organisch bewegten Salz- und Pfefferstreuer. In einem Brief an ihren Freund Siegmund Schütz schrieb Petri: „Abwechslung muß sein [...] So sollten die Dinge, die die Manufaktur macht, apart sein, das heißt irgendwie ein glücklicher Einfall." Die „Keksdose mit hohem Griff" erfüllt diesen Anspruch und entspricht der neuen Funktion solcher Wohnaccessoires, die auch als Solitär genutzt werden konnten.

Neuartig ist auch ihr Dekor. Vertikale Farbbänder in wechselnden Grauabstufungen schmücken die konische Wandung und den langgezogenen Griff. Die breiten, weichen Pinselstriche lassen die Textur des Farbauftrags sichtbar werden. Feine Linien in blau und orange setzen farbige Akzente und lockern die Fläche auf. Diese Art des Farbauftrags mit breitem Pinsel ist eine Innovation der Fünfzigerjahre, wie man sie auch in der gleichzeitigen abstrakten Malerei, etwa bei Pierre Soulages, finden kann. Das farbige Dekor wird von einer asymmetrischen, kantig verlaufenden Linie regelrecht durchschnitten. Energisch durchdringt sie die flächige Malerei und erweckt den Eindruck von Bewegung und Mehrschichtigkeit. Die scharfen Konturen wurden mit Hilfe eines Abdecklacks geschaffen. Am Griff wird das Dekor durch die regelmäßige, horizontale Linienführung harmonisiert.

Schon seit den Dreißigerjahren gab es in der KPM eine Tendenz zu abstrakten Dekoren. Vor allem Luise Charlotte Koch und Sigrid von Unruh prägten mit ihren Dekorentwürfen die Malerei der späten Dreißiger bis in die Siebzigerjahre hinein. Das Dekor der Keksdose lässt sich stilistisch am ehesten Luise Charlotte Koch zuschreiben, die mit geometrischen und umlaufenden Motiven experimentiert hat. Sie war seit 1940 als Malerin in der Manufaktur tätig, ab 1946 dann als künstlerische Mitarbeiterin für die Entwurfsarbeit in der Malerei. Die in der Ringkammerofenhalle der KPM WELT ausgestellte Keksdose ist leider nicht mit einem Malereisignet versehen. Das Zepter verortet das Stück in die Jahre zwischen 1957 und 1962, und das rote MM weist das Dekor als manufakturinternes Malereimodell aus.

Der wirkungsvolle Dialog von Form und Dekor ist bezeichnend für die Entwürfe der Fünfziger- und Sechzigerjahre in der KPM. Die Besucher der KPM WELT sind eingeladen, sich auf diesen Dialog einzulassen und die verschiedenen Facetten des Zusammenspiels zu erkunden.

Klara Nemeckova

Die Keksdose war im Rahmen der Ausstellung „Form und Dekor im Dialog - Einblick in das Manufakturarchiv der Moderne" zu sehen, die 2011 in der KPM WELT gezeigt wurde.

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