Eine Kriegsfotografie von Timofej Melnik

»Wer das Leben durch den Sucher eines Fotoapparates betrachtet, blickt letztendlich immer in die Geschichte.«

Trefflicher als mit den Worten des sowjetischen Schriftstellers und Kriegsberichterstatters Konstantin Simonow könnte das Bild seines Landsmanns, des Fotografen Timofej Melnik, kaum beschrieben werden. Es entstand am 4.Mai 1945 während der Siegesparade im Lustgarten in Berlin, mit der die sowjetischen Truppen das zwei Tage zuvor errungene Ende der Kampfhandlungen in Berlin feierten. Noch gingen die Kämpfe andernorts weiter. Erst in der Nacht vom 8. zum 9. Mai besiegelte die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht vor den vier Alliierten in Berlin-Karlshorst das Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa.

Timofej Melnik, Siegesparade von Einheiten der sowjetischen 5. Stoßarmee im Lustgarten, Berlin-Mitte, 4. Mai 1945. Fotografie. Deutsch-Russisches Museum Berlin-Karlshorst, Sammlung Melnik. Foto: Volker H. Schneider

Auch dieses Ereignis, das einen Epochenschnitt in der Geschichte darstellt und nach zwei Weltkriegen eine bis dahin unbekannt lange Friedensperiode einläutete, hat Melnik im Bild festgehalten. Es markiert den Abschluss seiner fotografischen Kriegschronik, die am 22. Juni 1941 mit dem Überfall Deutschlands auf die Sowjetunion begann.

1911 im Gouvernement Kursk geboren absolvierte Timofej Nikolajewitsch Melnik bei der ukrainischen Zeitung »Kommunist« eine Lehre als Fotolaborant. Bereits als Lehrling bekam er eigene Fotoaufträge. Ab 1931 folgten Studienjahre an der Hochschule für Polygrafie in Charkow und an der »Filmschule der Arbeiterjugend«. Für Melnik war die Fotografie das adäquate Ausdrucksmittel für die dynamischen Veränderungen einer Gesellschaft im sozialen, wirtschaftlichen und politischen Umbruch. 1937 stellte Melnik auf der großen Ausstellung für Fotokunst in Moskau aus und wurde ausgezeichnet. Auch während seines Militärdienstes war er fotografisch im Einsatz. Den Überfall des Deutschen Reiches auf die Sowjetunion im Juni 1941 erlebte Melnik in der Redaktion der Zeitung des Baltischen Militärbezirks. Melnik gehörte zu den über 200 Fotokorrespondenten, die für Armee- und Landeszeitungen im Kriegseinsatz waren. Er fotografierte mit einer FED, später mit einer Leica. Filmmaterial war knapp, Entwicklung und Vergrößerungen wurden von Melnik selbst unter oft schwierigen Bedingungen in Unterständen durchgeführt. Bis zu seinem Tod am 13.April 1985 setzte Melnik seine Karriere als leitender Bildredakteur und Fotograf fort.

Den Höhepunkt seiner Dokumentation bilden die Aufnahmen der beiden letzten Kriegswochen in Berlin. Die vornehmlich in den Bezirken Friedrichshain, Tiergarten und Mitte entstandenen Bilder zeigen die fotografische Qualität und Nähe zum historischen Geschehen. Melniks Bilder dokumentieren die Straßenkämpfe, den Kampf um den Reichstag, lange Kolonnen von deutschen Kriegsgefangenen, Zerstörungen. Nach Abschluss der Kämpfe folgen die Bilder des Triumphes: das Siegesbanner auf dem Reichstag, die glücklichen, doch nicht minder als ihre Gegner erschöpften Sieger, schließlich die Kapitulation der Wehrmacht in Karlshorst.

Das Bild von der Siegesparade der Roten Armee im Berliner Lustgarten ist in gewisser Weise symptomatisch für Melniks fotografischen Ausdruck wie auch für seine thematische Treffsicherheit. Dennoch ragt es aus dem fotografischen Kriegsnachlass mit 650 Negativen heraus. Die Parade des 32. Schützenkorps wurde vom Oberbefehlshaber der 5. Stoßarmee, Generaloberst Nikolaj Bersarin, abgenommen (4. v.l.), der seit dem 24.April 1945 Stadtkommandant und damit für die Zivilbevölkerung verantwortlich war. Den Moskauer Fotohistoriker Valer? Stignejew erinnern »die sich in die Kurve legenden Pferdewagen mit Geschützen […] an die leichten Maschinengewehrwagen des [russischen] Bürgerkriegs – für die Generation der Sieger ein Symbol für die siegreiche und legendäre Rote Armee«. In Melniks Bildsprache wird die Dynamik der Bewegung durch die Diagonalen und Asymmetrien in der Komposition des Paraden-Bildes denn auch unterstrichen.

Doch ist das Foto ausschließlich als Ausdruck des Triumphes der siegreichen Roten Armee zu lesen? Ein genauer Blick offenbart die Ambivalenz des Sieges, die Melnik in dem Bild eingefroren hat: Ein Zugpferd der vorderen Geschützbesatzung bricht unmittelbar vor dem Oberkommandierenden zusammen. Das Bild dokumentiert den realen Augenblick und ist zugleich Sinnbild der Erschöpfung der Sieger im Moment des Triumphes. Wie ausgezehrt und am Ende ihrer Kräfte angelangt die Frontsoldaten gewesen sein müssen, lässt sich nur erahnen. Die Kreatur Pferd, die auf beiden Seiten der Front in Millionenzahl zum Einsatz kam, steht hier als Metapher für die Erschöpfung aller am Krieg Beteiligten.

In der deutschen Öffentlichkeit wurde der Begriff der »Stunde Null« zur Chiffre für diese nicht wirklich fassbare Zeit zwischen Kriegsende und Neuanfang. Das Paraden-Bild öffnet den Blick aus einer anderen Perspektive auf diese zuweilen schon abgedroschen klingende Chiffre. Es erlaubt einen Blick auf die sowjetische Seite und offenbart die Brüchigkeit und Ambivalenz der gerade beginnenden »Stunde Null« auch auf Seiten der Sieger.

Margot Blank

Die Autorin ist Kuratorin des Deutsch-Russischen Museums und zuständig für die fotografische Sammlung.

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