Schaurig schön
Eine vorspanische Stele aus Guatemala

Stele mit Relief, Santa Lucia Cozumalhuapa, Guatemala, 500-900 nach Chr., Stein, 293 x 93 cm © Staatliche Museen zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz, Ethnologisches Museum

Den Besucher der so reichen und schön präsentierten Mesoamerika-Abteilung des Ethnologischen Museums empfangen acht große, fast drei Meter hohe Steinreliefs der Cozumalhuapa-Kultur. Eine davon präsentiert eine schaurig-bizarre Szene: Der Opferpriester hält das steinerne Messer in der rechten Hand. Sein Oberkörper ist leicht vornüber gebeugt. Er trägt einen aufwändigen Kopfputz und einen breiten Gürtel mit der Darstellung eines Schlangenkopfes. Zum Zeichen der Erniedrigung steht er auf dem Rumpf des Enthaupteten. In der linken Hand hält er den eben abgetrennten Kopf, aus der Schnittwunde schlängeln sich Schlangen, die das Blut verkörpern. Vier teilweise maskierte Hilfspriester tragen ebenfalls je einen abgetrennten Kopf in den Händen.

Die sieben anderen, einander sehr ähnlichen Stelen zeigen weniger dramatische Szenen. Vom oberen Rand blickt jeweils eine Götterfigur aus dem Rachen von Himmelswesen auf einen Ballspieler hinab, der zu ihr aufblickt und ihr eine Hand entgegenstreckt.

Alle acht Stelen stammen aus der Ruinenstätte Bilbao im südlichen Guatemala, wo sie sich einst paarweise gegenüberstanden. Entdeckt wurden sie bereits in den 1870er Jahren bei Rodungsarbeiten für eine Kaffeeplantage. Gefertigt wurden die Stelen in der Zeit zwischen 500 und 900 n. Chr. Über die Menschen der Cozumalhuapa-Kultur ist bis heute nicht viel bekannt. Nicht weit entfernt, ebenfalls im heutigen Guatemala, erlebte seinerzeit die Kultur der Maya ihre Blüte. Beide Kulturen zählen, wie auch die späteren Azteken, zum großen kulturgeographischen Raum „Mesoamerika". Gemeinsam ist diesen Hochkulturen neben Tempelpyramiden und verschiedenen Gottheiten auch das rituelle Ballspiel. Bei den unterschiedlichen Varianten des Spiels wurde ein Kautschukball entweder mit der Hüfte oder mit den Ellbogen gespielt, musste durch einen Steinring geschlagen oder so lange wie möglich in der Luft gehalten werden. Zeugnisse des Ballspiels - wie Ballspielplätze, Ausrüstungsgegenstände oder Spielszenen auf Keramiken - wurden in großer Zahl im Gebiet vom Südwesten der USA bis Costa Rica gefunden.

Zweifellos steht auch die beschriebene Opferszene in Zusammenhang mit dem rituellen Ballspiel. Der Gürtel des Opferpriesters ist tatsächlich ein Yugo, ein wuchtiges Joch, vermutlich aus Leder, wie sie die Ballspieler trugen, um den Aufprall des massiven Hartgummiballs auf der Hüfte abzufedern. Auch die Spieler auf den anderen sieben Stelen sind damit ausgestattet. Steinerne Nachbildungen der Yugos - wahrscheinlich für Zeremonien hergestellt - sind der Forschung vielfach bekannt. Einige Exemplare können ebenfalls in der Mesoamerika-Abteilung bewundert werden.

Ob nach dem Spiel wirklich die Verlierer geopfert wurden, ob das Spiel Bestandteil einer komplexen Opferzeremonie war oder ob der Bildhauer nur eine mythologische Szene abgebildet hat, ist bis heute umstritten. Theorien besagen, dass der Ball die Sonne symbolisierte und durch seinen Absturz die Götter erzürnt wurden. Besänftigen ließen sie sich nur durch das Blut der Schuldigen.

Fiona Finke

Die Stele war in der Mesoamerika-Abteilung des Ethnologischen Museums zu sehen. 

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