Die Schöne Madonna
Eine thronende Muttergottes für das Bode-Museum

Foto: Antje Voigt
Böhmischer Meister tätig in Süddeutschland, Thronende Muttergottes, ca. 1380. Schwammkalk aus dem Altmühltal mit Resten alter Fassung, Höhe 66,5 cm, Skulpturensammlung und Museum für Byzantinische Kunst

Durch die großzügige Unterstützung der Kulturstiftung der Länder und der Ernst von Siemens Kunststiftung ist es den Staatlichen Museen zu Berlin gelungen, eine "Thronende Muttergottes" im Schönen Stil zu erwerben. Die unübertroffene Qualität der Ausführung, die Überlegenheit der bildhauerischen Konzeption und die emotionale Kraft des Ausdrucks machen diese Figur für jedes Museum begehrenswert. Für die enzyklopädische Berliner Skulpturensammlung ist diese Erwerbung aus zwei Gründen von außerordentlicher Bedeutung. Zum einen war seit der Zerstörung der Pietà aus Baden im Jahr 1945 der Schöne Stil in Berlin nicht mehr mit einem Hauptwerk vertreten. Zum anderen wird diese Figur, die nachweislich in Bayern entstanden ist, unser Verständnis der Entwicklung der deutschen Skulptur im frühen 15. Jahrhundert um eine neue Dimension bereichern.

In den letzten Jahrzehnten des 14. Jahrhunderts entwickelte sich am Prager Hof eine Kunstform, die bald in ganz Europa als höchstbedeutend anerkannt wurde. Kennzeichnend für diese Kunstform, die von Zeitgenossen als 'schön' bezeichnet wurde, sind dynamische Kompositionen, die formale sowie psychologische Spannungen bewirken, eine differenzierte Behandlung der Oberflächen, die von einer akribischen Wiedergabe von Details bis zu fast abstrakten Partien reicht, und Gewandmassen, die bestimmte Teile der Anatomie betonen, während sie andere verhüllen. Mit den Skulpturen von Claus Sluter in Dijon gehören die Hauptwerke im Schönen Stil zu den einfallreichsten Schöpfungen des Spätmittelalters. Unvergleichlich waren Prager Bildhauer in ihrer Wiedergabe der Muttergottes, die gleichzeitig von Sinnlichkeit und Zurückhaltung geprägt ist; diese Eigenschaften entsprachen Entwicklungen in der spätmittelalterlichen Frömmigkeit, die eine zunehmend persönlichere Beziehung zu Christus und Maria förderten.

Böhmischer Meister tätig in Süddeutschland, Thronende Muttergottes, ca. 1380. Schwammkalk aus dem Altmühltal mit Resten alter Fassung, Höhe 66,5 cm, Skulpturensammlung und Museum für Byzantinische Kunst SMB. Foto: Antje Voigt

Die Komposition der "Thronenden Muttergottes" erfordert eine Leserichtung von links nach rechts, die zu einem tieferen Verständnis im religiösen Sinn führt. Sehr wahrscheinlich wurde die Gruppe konzipiert, um an der rechten Seite innerhalb einer Kirche aufgestellt zu werden: Auf der linken Seite war der Thron vollständig zu sehen, während er an der rechten Seite vom Mantel Mariens zum Teil bedeckt war. Weiterhin wirkt die große, horizontale Falte auf ihrem Schoß wie ein Pfeil, der den Blick von links nach rechts steuert. Diese Falte endet an der rechten Seite in einer Faltenkaskade. Instinktiv bewegt der Zuschauer sich vor der Figur von links nach rechts. Das ausgesprochen breite Gesicht der Figur erlaubt es dem Zuschauer, wenn er die Figur in einem Halbkreis umschreitet, stets beide Augen von Maria zu sehen. Bei dieser Betrachtung von links nach rechts ändert sich ihr Ausdruck. Von links gesehen vermittelt sie einen trauernden Ausdruck. Frontal gesehen ist der Ausdruck nachdenklich. Von der rechten Seite ist der Ausdruck fast stolz. Diese Bildrhetorik vermittelt einen Kernbegriff des christlichen Glaubens: die Akzeptanz der Passion Jesu für die Erlösung der Menschheit. Die Muttergottes hat selbst einen fundamentalen Wandel erlebt und bietet den Gläubigen ein Vorbild.

Zweifellos gehört die "Thronende Muttergottes" zu den Hauptwerken des Schönen Stils. Obwohl unterlebensgroß, vermittelt die Figur aufgrund der durchdachten Gliederung der Draperie einen monumentalen Eindruck. Der Mantel scheint aus einem dicken Stoff wie Wolle gemacht zu sein, der sich nicht in winkelförmigen Falten bricht, sondern ein kalligrafisches Spiel von übereinstimmenden Kurven schafft. Gleichzeitig gewichtig und graziös nimmt die Figur den umfassenden Raum selbstbewusst ein. Die komplexe Komposition kontrastiert Fülle gegen Leere, Höhen gegen Mulden. Obwohl die Plinthe eine Vorderseite andeutet, ist die Figur nicht auf einen einzigen Standpunkt beschränkt, sondern lädt den Betrachter ein, sie zu umschreiten. Jede Ansicht wird mit der Entdeckung eines völlig ausgewogenen Gesamteindrucks belohnt. Diese kinetische Konzeption ist ein Merkmal für die besten Figuren im Schönen Stil. Wiederholt hat hier der Künstler die Beschränkungen seines Materials zu überschreiten versucht, indem er spröde Faltenkaskaden neben tief ausgehöhlte Täler gesetzt hat. Stein scheint sich zu verwandeln, und die Virtuosität in der Faltenbehandlung ist von einem Niveau, das man eher von einer modellierten statt einer gemeißelten Arbeit erwarten würde. Auch die detaillierte Wiedergabe des Pelzfutters am Kopfschleier, gegenüber dem sich das versonnene Gesicht von Maria abzeichnet, zeugt von der herausragenden Qualität der Ausführung.

Böhmischer Meister tätig in Süddeutschland, Thronende Muttergottes, ca. 1380. Schwammkalk aus dem Altmühltal mit Resten alter Fassung, Höhe 66,5 cm, Skulpturensammlung und Museum für Byzantinische Kunst SMB. Foto: Antje Voigt

Zwei Indizien weisen darauf hin, dass die Figur früh, das heißt in die formative Phase des Schönen Stils um 1380 einzuordnen ist. Erstens beeindruckt die Skulptur durch die Logik der Anatomie, die man über die Draperie wahrnimmt. Die Knie, Hüfte, Schultern und Ellbogen sind alle deutlich wiedergegeben und stehen in einem organischen Zusammenhang zum Bauch und zum Oberkörper. Außerdem ist jede Falte auf eine Bewegung der Figur zurückzuführen. Schon bei der Schönen Madonna in der Bartholomäuskirche in Pilsen, die durch einen Ablassbrief in das Jahr 1384 zu datieren ist, ist der Körper unter der Faltenmasse viel schwieriger zu erkennen. Diese Tendenz nimmt in der Folgezeit zu, sodass man in der um 1400 zu datieren Krumauer Madonna im Kunsthistorisches Museum Wien von einer Reihe von Faltenfassaden sprechen kann. Demgegenüber sind die Werke, die vor kurzem von Ji?í Fajt und Robert Suckale Peter Parler selbst zugeschrieben und von ihnen um 1360-1370 datiert worden sind, die Madonna aus der Breslauer Magdalenenkirche im Museum Narodowe in Warschau und die fragmentarisch erhaltene Pietà aus dem Georgskloster auf der Prager Burg, durch ihre Körperlichkeit und tektonische Qualität gekennzeichnet.1 Da die neuentdeckte "Thronende Muttergottes" einen größeren Faltenreichtum aufweist, sollte sie etwas später angesetzt werden. Ein Indiz für die Datierung um 1380 sind die vierkantigen Applikationen an beiden Seiten der Gürtelschnalle, die mit Maßwerkwirbel verziert sind, ein Motiv, das in den 1370er-Jahren von Peter Parler erfunden wurde.

Die Forschung geht davon aus, dass in Prag geschulte Bildhauer in anderen Gegenden tätig waren. Für die "Thronende Muttergottes" wurde das Material als "Oberer Schwammkalk" des Altmühltals identifiziert.2 Diese Figur ist also eines der seltenen Hauptwerke im Schönen Stil, das erwiesenermaßen in Deutschland geschaffen wurde.

Als thronende Madonna im Schönen Stil ist diese Figur eine Besonderheit. In der Prager Skulptur genossen zwei Typen nämlich große Beliebtheit: die stehende Muttergottes, die in der Kunstliteratur als "Schöne Madonna" bezeichnet wird, und das Vesperbild oder die Pietà. Demgegenüber kommt in Süddeutschland das Thema der thronenden Madonna seit dem 13. Jahrhundert wiederholt vor. Es ist deshalb sehr wahrscheinlich, dass das Thema dem Wunsch eines Auftraggebers in Bayern entspricht. Der Künstler, der ohne Zweifel in Prag ausgebildet war, hat also die Aufgabe erhalten, einen für Bayern gängigen Typ darzustellen, aber dafür eine völlig neue Formulierung gefunden.

Über den möglichen Auftraggeber lassen sich bislang nur Vermutungen anstellen. Als Bestimmungsort in Bayern kämen Straubing, Regensburg und München in Betracht,  aus deren Umgebung sich die Figur zurückverfolgen lässt. In allen drei Städten sind ab den 1360er-Jahren böhmische Einflüsse spürbar, die zum Teil auf die dynastischen Beziehungen zwischen den Häusern Luxemburg und Wittelsbach zurückzuführen sind. Unbestreitbar ist, dass es sich hier um einen besonders anspruchsvollen Auftrag handelt. Der Auftraggeber muss mit den künstlerischen Entwicklungen in Prag vertraut und von diesen so beeindruckt gewesen sein, dass er einen Bildhauer von dort nach Bayern kommen ließ.

Julien Chapuis

Der Autor ist Leiter der Skulpturensammlung und Museum für Byzantinische Kunst

Anmerkungen:

1 Jirí Fajt (Hg.), Karl IV. Kaiser von Gottes Gnaden. Kunst und Repräsentation des Hauses Luxemburg 1310-1437, München und Berlin 2006, S. 225-226

2 Identifizierung mittels Rasterelektronenmikroskopie von J. Weber, Universität für Angewandte Kunst, Wien

Weitere Artikel

Nach oben