Feuerland
Fabrikalltag bei Borsig

Kein Gemälde erzählt so viel über die Frühzeit der Industrialisierung in Berlin wie Eduard Biermanns Ansicht der Borsigwerke von 1847. Nun hat die Stiftung Stadtmuseum das Gemälde erworben.

Carl Eduard Biermann, Borsig's Maschinenbau-Anstalt zu Berlin, 1847. Stiftung Stadtmuseum Berlin

Halb neun Uhr morgens: Es herrscht geschäftiges Treiben auf dem Borsig'schen Fabrikgelände. Die erste Schicht hat um sechs begonnen, wer zu spät kommt, wird nicht mehr hereingelassen - die Massenproduktion verlangt von den Beschäftigten absolute Disziplin. Der Kontrolle dient die allseits sichtbare Turmuhr im Zentrum der Anlage. Der Blick schweift über das Gelände und den Fabrikalltag. Im Zentrum steht die Gießhalle mit ihren beiden Schornsteinen, davor der von einem Neptun bekrönte Wasserturm, das Wahrzeichen der Fabrik. Das Gebäude links mit der Aufschrift „Contoir" dient der Aufbewahrung von Baumaterialien und als Kontrollstelle für die Materialausgaben. Vor dem Uhrturm legen Arbeiter gerade das Fundament für eine große Waage, die der Überprüfung von angeliefertem Material dienen soll. Ein Pferdegespann rauscht vorbei - im Schlepptau eine Lokomotive, die aus der Montagehalle rechts im Hintergrund vom Gelände gezogen wird. 1854 wurde die fünfhundertste Dampflokomotive ausgeliefert, ein paar Jahre zuvor waren das noch völlig ungeahnte Produktionsdimensionen.

1837 hatte Alfred Borsig seine Eisengießerei und Maschinenbauanstalt in der Berliner Chausseestraße nahe dem Oranienburger Tor errichtet. 1847 waren hier etwa 1.200 Personen beschäftigt. Das Verwaltungsgebäude steht noch heute dort, parallel verläuft die Borsigstraße. Ansonsten erinnert nur noch wenig an das einstige „Feuerland", wo im 19. Jahrhundert die Berliner Schwerindustrie ihren Anfang nahm. Hier hatten sich binnen kurzer Zeit über 30 metallverarbeitende Betriebe angesiedelt, aus den vielen Schornsteinen stieg schwarzer Rauch auf in den Berliner Himmel.

Vor kurzem hat die Stiftung Stadtmuseum das Gemälde „Borsig's Maschinenbauanstalt zu Berlin" von Eduard Biermann erworben. Bisher befand sich das Bild in Privatbesitz und stand dem Museum nur als Dauerleihgabe zur Verfügung. Als Dokument eines wichtigen Wirtschaftsstandorts im Berlin des 19. Jahrhunderts ist es eine der frühesten bildlichen Auseinandersetzungen mit der beginnenden Industrialisierung. Mit einer Größe von 160 cm x 110 cm übertrifft es die Industriedarstellungen aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts bei weitem und macht die immense Bedeutung deutlich, die diesem Thema nun beigemessen wurde.

August Borsig selbst hat das Gemälde 1847 in Auftrag gegeben, anlässlich des zehnjährigen Bestehens seiner Fabrik. Er wollte damit sein beeindruckendes Lebenswerk veranschaulichen und bat den Berliner Architektur- und Landschaftsmaler Eduard Biermann um zwei Ansichten des Fabrikgeländes - eine aus dem Gründungsjahr (heute im Deutschen Technikmuseum) und eine aus der Gegenwart. Den Blick über seine Fabrik, wie er durch die Terrasse seiner Villa rechts vorne im Bild suggeriert wird, hat Borsig tatsächlich so zwar nie gehabt; zu jener Zeit wurde die Villa gerade erst gebaut, und zwar im drei Kilometer entfernten Moabit. Durch diesen kleinen Montagetrick holt Biermann aber nicht nur ein Stück ländlicher Idylle in die für die Berliner noch gewöhnungsbedürftige Industrielandschaft; er macht auch den wirtschaftlichen Erfolg und privaten Reichtum des Unternehmers Borsig deutlich. Mitte des 19. Jahrhunderts war die Eisenbahn das Produkt der Zukunft und die Borsigwerke der größte Lokomotivproduzent des europäischen Kontinents.

Nina Szymanski


Das Gemälde „Borsig's Maschinenbauanstalt zu Berlin" wurde 2008 für das Stadtmuseum angekauft. Es ist im ersten Obergeschoss des Märkischen Museums zu sehen. Im Rundgang zur Stadtgeschichte illustriert es die Industrialisierung in Moabit.

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