Feldgottesdienst ohne Kaiser
Ernst Eichgrüns Fotografie vom 9. August 1914

Die Aufnahme des Fotografen Ernst Eichgrün vom Potsdamer Feldgottesdienst 1914 scheint aus dem Rahmen zu fallen – im wahrsten Sinne des Wortes: aufgrund der ungewöhnlichen Perspektive, vor allem im Gesamtschaffen des Fotografen, das sonst vornehmlich dokumentarischen und wohl komponierten Charakter zeigt. Versehen oder Absicht?

Ernst Eichgrün, Feldgottesdienst im Potsdamer Lustgarten, 9. August 1914. Silbergelatineabzug vom Glasnegativ, 21,1 x 27,3 cm. Potsdam Museum – Forum für Kunst und Geschichte © Potsdam Museum – Forum für Kunst und Geschichte
Ernst Eichgrün, Feldgottesdienst im Potsdamer Lustgarten, 9. August 1914. Silbergelatineabzug vom Glasnegativ, 21,1 x 27,3 cm Ernst Eichgrün, Feldgottesdienst im Potsdamer Lustgarten, 9. August 1914. Silbergelatineabzug vom Glasnegativ, 21,1 x 27,3 cm. © Potsdam Museum – Forum für Kunst und Geschichte

Angetreten waren am Vormittag des 9. August 1914 im Potsdamer Lustgarten etwa 7000 Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften des Ersten Garde-Regiments zu Fuß und des Ersten Garde-Reserve-Regiments. Sie hatten sich zum Abschiedsgottesdienst im Viereck um den Exerzierplatz am Stadtschloss gruppiert. Vielerorts fanden im August jenes Jahres Feldgottesdienste zur offiziellen Verabschiedung der deutschen Soldaten in den Ersten Weltkrieg statt. In Potsdam schickte Kaiser Wilhelm II. persönlich seine Regimenter mit diesem feierlichen Akt in den Krieg.

In Erinnerungen wird von einem heißen, sonnigen Augusttag gesprochen. Gegen 10 Uhr sammelten sich die Truppen im Lustgarten. Wilhelm II. schritt als Oberster Kriegsherr und Regimentschef in Begleitung des Regimentskommandeurs, Oberst Eitel Friedrich Prinz von Preußen, und gefolgt von der kaiserlichen Familie die angetretenen Formationen ab. Den anschließenden Gottesdienst hielt der Prediger der Garnisonkirche Walter Richter-Reichhelm. Nach dem Gebet richtete der Kaiser sich vom Altar aus an seine Regimenter: »Ich erwarte von meinem Ersten Garde-Regiment und Meiner Garde, daß sie der glorreichen Geschichte derselben ein neues Ruhmesblatt hinzufügen werden.« Sein Sohn Eitel Friedrich Prinz von Preußen, der mit Kriegsausbruch zum Regimentskommandeur des Ersten Garde-Regiments zu Fuß ernannt worden war, erwiderte: »Wir geloben hier auf dieser von der Tradition geheiligten Stätte, wo Jahrhunderte preußischen Ruhmes auf uns herabsehen, den Grenadieren des großen Königs es gleich zu tun, die furchtlos einer Welt von Feinden entgegensahen, nur ihrem König und ihrer gerechten Sache vertrauend. So vertraut ein jeder von uns Euer Majestät.«

Danach marschierten beide Regimenter ein letztes Mal vor dem Kaiser. Die Offiziere verblieben im Lustgarten, wo ihnen Kaiserin Auguste Victoria eine Rose überreichte – eine Geste, die weit über Potsdam hinaus bekannt wurde und in vielen persönlichen Kriegserinnerungen erwähnt wird.

Zurück zur Fotografie: Der in Vierraden bei Schwedt/Oder geborene Ernst Eichgrün (1858–1925) führte seit 1890 in Potsdam ein eigenes fotografisches Atelier. Er wohnte der Zeremonie des Abschiedsgottesdienstes im August 1914 bei, wie er auch sonst die militärischen Höhepunkte dokumentierte. Der Titel des kaiserlichen Hoffotografen blieb ihm jedoch zeitlebens verwehrt, aber schon aus wirtschaftlichem Interesse war er bei Ereignissen in Anwesenheit der kaiserlichen Familie in Potsdam stets vor Ort. Zahlreiche Bildpostkarten zeugen davon, darunter auch mehrere von jenem Feldgottesdienst. Vermutlich hatte Eichgrün sich wegen des guten Überblicks auf dem Dach des Gebäudes Priesterstraße 13 positioniert und fertigte hier seine Aufnahmen. Sie zeigen die kaiserliche Familie beim Abschreiten der angetretenen Truppen und zum Gebet niederkniend sowie die Abschlussparade. Weniger gut konnte Eichgrün die Kaiserin ablichten, wie sie jedem Gardeoffizier eine Rose reichte. Ein Standortwechsel war wegen der schweren Plattenkameraausrüstung wohl nur schwer möglich.

Unsere Aufnahme war als offizielle Postkarte nicht geeignet. In Besitz der Hohenzollern gelangte sie daher wohl nicht. Walter Richter-Reichhelm erscheint in der Amtstracht des Feldpredigers links unten am mobilen Feldaltar der Garnisonkirche, auf dem sich Kruzifix und Leuchter von 1814 und wohl die Feldbibel von 1693 befinden. Die Soldaten sind nur schräg angeschnitten, wohingegen beinahe zwei Drittel der Bildfläche den Sandboden des Exerzierplatzes zeigen – eine gewagte Bildkomposition!
Aus wirtschaftlichen Gesichtspunkten war die Aufnahme unbrauchbar. Und doch bewahrte Ernst Eichgrün die Negativplatte sorgfältig auf. In dem im Potsdam Museum archivierten Fotografennachlass von ca. 2000 Einzelaufnahmen fand sich sogar ein großformatiger, sehr qualitätvoller Handabzug dieser Momentaufnahme. Auch dort, wo er die Chance zur Manipulation gehabt hätte, verzichtete Eichgrün darauf, das Bild zumindest gerade zu richten. Gefiel es ihm so, wie es war? Komponierte er die Aufnahme möglicherweise doch bewusst, ganz im Sinne neuer moderner Strömungen in der Fotografie dieser Zeit? Es gibt dafür weder Belege noch Vergleichsbeispiele in der Sammlung. Vermutlich musste Eichgrün von seinem stark erhöhten Standpunkt aus genau diese Bildkomposition wählen, um den Altar überhaupt ins Bild zu bekommen. Warum wurde nur der Prediger, warum nicht Wilhelm II. und Eitel Friedrich, die nach ihm vom mobilen Feldaltar aus sprachen, aufgenommen? Wäre es unziemlich gewesen, die Hoheiten aus dieser Perspektive darzustellen?

Es sind nur Mutmaßungen möglich. Die vielen offenen Fragen zur Entstehungsgeschichte dieses Beispiels verdeutlichen, wie schwierig es ist, historische Fotografien zu entschlüsseln und einzuordnen. Diese kaum bekannte Aufnahme wird geheimnisvoll bleiben.

Judith Granzow

Die Autorin ist Mitarbeiterin der Fotografischen Sammlung am Potsdam Museum – Forum für Kunst und Geschichte.

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