Frauenstiefel aus Yarkand

Frauenstiefel, Yarkand, Xinjiang (China), Mitte 19. Jahrhundert. Leder, Baumwolle, Seide, Höhe: 40 cm. Sammlung Robert Shaw, Ethnologisches Museum
© Ethnologisches Museum SMB. Foto: Claudia Obrocki

Die Stiefel mit ihrem wasserblauen Lederschaft, den dunkelroten Seidenquasten vom Rist bis zur Fußspitze, den koketten grünen Absätzen und den gestickten Streifen, Wolken, Herzen und Spiralen könnte man sich gut im Schaufenster eines Haute-Couture-Geschäftes vorstellen. Die leuchtenden Farben und die originelle Kombination der Materialien und Formen scheinen dem Geist einer jungen Modeschöpferin entsprungen zu sein. Allerdings gibt die Form des Schuhwerks - der schräg angeschnittene Schaft oder die Form der Absätze etwa - einen Hinweis darauf, dass die Stiefel nicht aus unserer Zeit stammen. Bereits im Jahr 1877 kamen sie nach Berlin und können seit vergangenem November in der neuen Dauerausstellung "Welten der Muslime" im Ethnologischen Museum bewundert werden. Die Stiefel stammen aus Yarkand, einer Stadt im heutigen Uigurischen Autonomen Gebiet Xinjiang, im historischen Zusammenhang auch Ost-Turkestan genannt, im Westen Chinas. Der britische Geschäftsmann und Abenteurer Robert Barclay Shaw (1839-79) hat sie Anfang der 1870er-Jahre nach Europa gebracht und sie später dem damaligen "Museum fur Völkerkunde" in Berlin vermacht. Auf der Karteikarte, die beim Eingang der Stiefel in die Sammlung angelegt wurde, steht, dass es sich um Frauenstiefel handelt. Viel mehr, Details zu deren Besitzerin etwa, weiß man heute nicht. Wenn man sich aber mit der politischen und gesellschaftlichen Situation in Yarkand zu jener Zeit auseinandersetzt, lassen sich Vermutungen anstellen.

Robert Barclay Shaw war seit 1859 in Indien als Teeanbauer tätig. Er unternahm mehrere Reisen in den Himalaya und ab 1869 auch nach Kaschgar und Yarkand in Ost-Turkestan - eine Region, die zu dieser Zeit kaum erforscht war. Das Gebiet liegt im Tarimbecken, durch dessen Mitte sich die Wüste Takla Makan erstreckt. Südlich und westlich von Ost-Turkestan erheben sich das Kunlun- und das Pamirgebirge, im Norden die Berge des Tianshan, im Nordosten beginnt die Wüste Gobi. Auf dem fruchtbaren Boden wachsen Baumwolle, Weizen und Granatäpfel.

Das Leben in Ost-Turkestan spielt sich auch heute noch vor allem in den Oasenstädten ab, die früher während des Handels auf der Seidenstraße eine wichtige Rolle innehatten. Dort wurden Stile verbreitet, neue Gedanken und Erfindungen weitergegeben.

Die verschiedenen Turkvölker der Region gehören dem sunnitischen Islam an. Im 19. Jahrhundert wurden die Sesshaften unter ihnen von den Europäern als "Sarten" benannt. Dazu gehörten auch die heute als "Uiguren" Bezeichneten, denen die Stiefel zugeschrieben werden.

Während Shaws Aufenthalt konkurrierten Großbritannien und Russland um die Vorherrschaft in Zentralasien. Ost-Turkestan bildete dabei einen Keil zwischen den kolonialen Imperien. In Yarkand herrschte damals Mohammed Ya'qub Bek (1820-77), der ursprünglich aus West-Turkestan kam. Er wurde im heutigen Usbekistan geboren und hatte dort zuvor regiert. Seine Macht in Ost-Turkestan war von kurzer Dauer: Das Gebiet, das zuvor von der Qing-Dynastie eingenommen war, ging 1877 wieder in die Hand derselben über. Yarkand war also zu jener Zeit ein umworbenes Gebiet: im Westen von einem muslimischen Herrscher, im Osten von der Qing-Dynastie, die immer mehr administrative, wirtschaftliche und kulturelle Neuerungen einführte. Auf der politischen Ebene war die Beziehung der Einheimischen zu den chinesischen Kolonialisten zwar eher abweisend, im Alltag aber fand eine kontinuierliche Akkulturation statt.

Diese Situation Yarkands um 1870, als sich dort verschiedene Kulturen zu behaupten suchten, spiegelt auch die Gestaltung der Stiefel. In der chinesischen Schuhmode sind Absätze zwar auch bekannt, man kennt die Absatzform der Frauenstiefel aus Yarkand aber vor allem bei Frauen- und Männerstiefeln in muslimischen Gebieten in West-Turkestan, dem Herkunftsort von Mohammed Ya'qub Bek. Und auch die diagonale Schaftkante ist ein Merkmal, das West-Turkestan zugeschrieben wird.

Detail der Stickereien auf den Stiefeln

Gleichzeitig zeigen die Stickereien einen deutlichen chinesischen Einfluss. Aus der Textilkunst Chinas kennt man die bunten Streifen - sie stehen für Wasser - oder die Wolkenformen, die auf den dunklen Bändern aufgereiht sind und als großes Hauptmotiv die Vorder- und Rückseite der Stiefel beherrschen. Nicht nur das aufwendige Handwerk und die kostbaren Materialien weisen darauf hin, dass die Stiefel aus einem wohlhabenden Haus stammen. Es sind auch diese chinesischen Elemente, die die Stiefel bei einer Familie der gesellschaftlichen Elite aus Yarkand verorten lassen. Denn die dortige Oberschicht orientierte sich an der Qing-Dynastie, die ihrerseits ihre koloniale Herrschaft auf die lokale Elite stützte.

Die Frauenstiefel aus Yarkand zeugen also in erster Linie von der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gesellschaftsschicht. Dass sich die unterschiedlichen Stilelemente auf einem Stiefelpaar vereinen, ist aber auch ein Beispiel für das damalige Nebeneinander verschiedener Kulturen, Religionen und Sprachgemeinschaften in der Region um Yarkand.

Emilie Buri

Emilie Buri war wissenschaftliche Volontärin beim Museumsportal und MuseumsJournal. Die Autorin dankt PD Dr. Ingrid Schindlbeck, Kuratorin der Ausstellung »Welten der Muslime« und Leiterin des Referates Nordafrika, West- und Zentralasien am Ethnologischen Museum, für ihre fachliche Unterstützung.

Die Stiefel waren in der Dauerausstellung »Welten der Muslime« im Ethnologischen Museum ausgestellt.

Weitere Artikel

Nach oben