Frühe Kühe

Unter einer Decke sollen sie verborgen gewesen sein, eine jener Decken offenbar, unter denen Bildhauer die noch unfertigen Tonmodelle aufbewahren, um sie für die weitere Bearbeitung feucht zu halten: Rembrandt Bugattis »Kühe«. Dort hatte sie der Vater entdeckt, Carlo Bugatti, ein bekannter Mailänder Möbelentwerfer. Frappiert von der Qualität, fragte der Vater zunächst seinen ältesten Sohn Ettore, ob er die Kühe geschaffen habe, aber der verneinte. Als Urheber entpuppte sich der jüngere: Rembrandt, gerade einmal 17 Jahre alt.

bpk/Nationalgalerie SMB. Foto: Andres Kilger
Rembrandt Bugatti, Vier Kühe, 1901. Bronze, jeweils ca. 20 x 40 cm, unbefristete Leihgabe der Ernst von Siemens Kunststiftung. Erworben 2015. Alte Nationalgalerie


Damit – so die Familienüberlieferung – war der Weg der beiden Brüder vorgezeichnet: Ettore, eigentlich für das Studium der Bildhauerei vorgesehen, widmete sich fortan seinem technischen Erfindergeist. Er sollte nachmalig der legendärste Automobilkonstrukteur Italiens werden. Rembrandt schlug den Weg in die Bildhauerei ein und wurde einer der größten Bildhauer seiner Zeit, ein Talent, das Auguste Rodin und Medardo Rosso in nichts nachstehen sollte. Den Umweg über das Studium aber sparte sich der junge Mann – er hat nie eine Akademie besucht. Zwei Jahre nach der ersten großen musealen Retrospektive von Rembrandt Bugatti in der Alten Nationalgalerie (MJ 2/2014) gelangen seine frühen Kühe nun auf Dauer auf die Berliner Museumsinsel. Die Nationalgalerie, die bereits seit 1906 die Figur einer »Französischen Bulldogge« von Bugatti besitzt, ist damit das einzige Museum Deutschlands, das Bronzeplastiken dieses Ausnahmekünstlers zeigen kann.

Rembrandt Bugatti war in Mailand in einem überaus kreativen Umfeld aufgewachsen und schon als Kind in Berührung mit vielen Künstlern seiner Zeit gekommen. Augenzeugen berichten von den höchst unkonventionellen Zuständen im Hause Bugatti, in welchem eine Libertinage herrsche »wie in einem Roman«. Schon als Heranwachsender hatte Rembrandt ein auffallendes Talent für die Bildhauerei offenbart, das nicht nur vom Vater gefördert wurde, sondern auch von Paul Troubetzkoy, der als Sohn eines russischen Fürsten und einer amerikanischen Opernsängerin am Lago Maggiore aufgewachsen war und sich zu einem der erstaunlichsten Bildhauer seiner Epoche aufgeschwungen hatte. Auch Bugattis Handschrift sollte dem unmittelbar und skizzenhaft anmutenden Naturalismus Troubetzkoys erwachsen, der im Hause der Bugattis oft verkehrte und überdies eine große Vorliebe für ein spezielles Sujet besaß: das Tier – wenn auch nur im künstlerischen Sinne, da der exzentrische Prinz ein Verfechter des Pazifismus und des Vegetarismus war und sich gerne mit einer Schar weißer Schlittenhunde umgab.

So bildete sich auch bei Rembrandt Bugatti früh eine Neigung zum Tiermotiv heraus, die Darstellung heimischer Nutz- und Haustiere blieb dabei jedoch weitgehend auf das Frühwerk beschränkt. Ein oft publiziertes Foto zeigt den jungen Künstler mit dem Gipsmodell von vier Kühen, die hintereinander auf einer Plinthe angeordnet sind. Dabei verweisen das Motiv, die friesartige Komposition der Herdentiere sowie der dokumentierte Titel »Ritorno dal pascolo« (Rückkehr von der Weide) auf den Einfluss eines weiteren höchst außergewöhnlichen Mannes im Umfeld der Bugattis: Giovanni Segantini, von dem die Nationalgalerie das Gemälde »Rückkehr zur Heimat« besitzt. Segantini, der mit der Tante Bugattis in wilder Ehe verbunden war und eine Familie gegründet hatte, war mithin Rembrandts Onkel. 

Es spricht für das ausgeprägte Selbstbewusstsein der Bugattis, dass sie bereits die Werke ihres minderjährigen Sohnes wert erachteten, in kostspielige Bronze gegossen und ausgestellt zu werden. In der Tat gehörte Rembrandt zu den jüngsten Bildhauern Italiens, die jemals große Kunstausstellungen beschickten. Ergänzt um ein fünftes Tier, wurden seine »Kühe« in unterschiedlichen Arrangements für die Galerie der Brüder Grubicy, die sich um die Mailänder Avantgarde in besonderer Weise verdient gemacht hatte, in Bronze gegossen. Die Zahl der Kühe auf einer Plinthe variierte. Getrennt voneinander gegossen aber wurden sie vermutlich nur in jeweils einem Exemplar, von denen sich vier nun in der Alten Nationalgalerie befinden. Im ersten Ausstellungsgeschoss stehen sie in der Mitte des Barbizon-Raums, welcher sich den Anfängen der Freilichtmalerei widmet.

In den zoologischen Gärten von Paris und später Antwerpen sollte Rembrandt Bugatti schließlich sein Lebensthema entdecken – das exotische Tier: Ameisenbären, Tapire und Marabus, Yaks, Kondore und Kängurus machte der Bildhauer erstmals in der europäischen Kunstgeschichte zum fast alleinigen Gegenstand der Plastik. Bugatti betrachtete seine Modelle lange und intensiv. Dann schuf er die Werke meist in einem einzigen Arbeitsgang vor oder sogar im Tiergehege selbst. Seine enorme Beobachtungsgabe und die vollkommene Beherrschung der bildhauerischen Mittel erlaubten es ihm, das Wesen der Tiere in prägnanten Haltungen in Ton zu bannen und Verhaltensweisen szenisch zu arrangieren. Neben den Raubkatzen galt Bugattis Hauptaugenmerk den Vögeln. Sozialverhalten, Körperformen, Gefieder und Bewegungen waren für den Künstler von enormer inspirativer Kraft. Umso mehr freut es die Nationalgalerie, dass sie gemeinsam mit den vier »Kühen«, Rembrandt Bugattis frühestem erhaltenen Werk, die späte Plastik zweier afrikanischer »Geier« für ihre Sammlung gewinnen konnte, erworben durch die Staatlichen Museen zu Berlin sowie die Freunde der Nationalgalerie.

Seit 1904 war Bugatti exklusiv vom Pariser Galeristen Adrien-Aurelien Hébrard vertreten worden, der seine Werke in kleinster Stückzahl im Wachsausschmelzverfahren gießen ließ. Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs verdüsterte sich die Stimmung des Bildhauers. 1916 nahm sich Bugatti das Leben. Er wurde nur 31 Jahre alt.

Philipp Demandt

Dr. Philipp Demandt war seit 2012 Leiter der Alten Nationalgalerie der Staatlichen Museen zu Berlin, seit Oktober 2016 leitet er in Frankfurt am Main das Städel Museum, die Schirn Kunsthallte und die Liebieghaus Skulpturensamlung.

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