Glückliche Rückkehr
Julius Hübners Gemälde "Ruth und Naemi"

Ein Gemälde aus der Nationalgalerie, das als verschollen galt, ist auf einem Berliner Flohmarkt wiederaufgetaucht. Nun steht Julius Hübners „Ruth und Naemi" von 1831, frisch restauriert, im Fokus einer kleinen Ausstellung.

Julius Hübner, Ruth und Naemi, 1831. Nationalgalerie SMB. Foto: Stephan Helms

Der Entdecker des Stücks muss ein Auge für Kunst gehabt haben: Die Leinwand war ohne Rahmen, ruppig mit Reißzwecken auf einer Spanplatte befestigt, ein welliger Lappen, am linken Rand an mehreren Stellen tief eingerissen. Quer durch die Himmelspartie war die Malerei abgeplatzt und hinterließ einen hässlichen, weißrosa Streifen. Das Bild, das da vor drei Jahren auf dem Flohmarkt an der Straße des 17. Juni angeboten wurde, zwischen Steinkrügen, altem Silber und vergilbten Büchern, war in erbärmlichem Zustand, aber seine einstige Schönheit war noch zu erahnen. So machte der Flohmarktbesucher ein Foto und zeigte es den Kuratoren der Nationalgalerie, die darauf ein vermisstes Werk erkannten. Julius Hübners „Ruth und Naemi" war eines der Gemälde, die 1945 in den Flak-Bunker am Zoo ausgelagert worden waren und nie von dort zurückkamen. Zuletzt tauchte es in der Liste der von der Sowjetarmee sichergestellten Kunstwerke auf.

Jetzt hängt das restaurierte Gemälde goldgerahmt in einem kleinen, runden Kabinett der Alten Nationalgalerie wie in einer Andachtskapelle, und der Betrachter kann sich wieder an der Feinheit der Malerei, dem glatten Farbauftrag - kein einzelner Pinselstrich ist auszumachen - und der Harmonie der matt leuchtenden Hauptfarben Oliv, Ockergelb und Blassrot erfreuen. „Ruth und Naemi" erzählt eine Geschichte des Alten Testaments. Nach dem Tod ihrer Söhne will Naemi in ihre Heimat Bethlehem, aus der sie eine Hungersnot vertrieben hatte, zurückkehren und macht sich mit den Frauen ihrer Söhne auf den Weg. Auf halbem Weg aber fordert sie die jungen Frauen auf, ins Land der Moabiter zu ihren Familien zurückzukehren. Während die eine, Arpa, sich weinend fügt, bittet Ruth die Schwiegermutter inständig, ihr folgen zu dürfen: „Wo du hin gehst, da will ich auch hin gehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch." Hübner hat die Szene gefühlvoll dargestellt: Links Naemi mit dem bräunlichen, herben Gesicht der Älteren, die im Begriff ist, zu gehen und Ruth mit der Hand bedeutet, dazubleiben, in der Bildmitte die schwarzhaarige Ruth, die der Älteren beschwörend beide Hände auf die Schulter legt und sie flehentlich ansieht, worauf Naemi ihr einen langen Blick voll Sorge, aber auch Achtung zuwirft; rechts die blonde Arpa, die sich schmerzerfüllt abgewandt hat, das Gesicht hinter dem Zipfel ihres Schleiers verbergend. Die Komposition ist ausgewogen, die Bewegungen der Raffaelschen Frauen in ihren langen Gewändern sanft und schön, die Zeichnung, bis hin zu den zarten, nackten Füßen, makellos.

Teilweise verdeckt von den drei Figuren öffnet sich im Hintergrund eine Landschaft, die bald das Interesse des Betrachtes weckt: Keine bläulich-dunstigen, beliebig verteilten Hügel und Bäume wie bei Raffael oder Perugino, sondern eine ganz bestimmte, außergewöhnlich schöne Landschaft. Eine kreisförmige Bucht, gerahmt von violetten, klar profilierten Gebirgszügen, ein azurblaues, ruhiges Meer unter einem Himmel mit hellen, zerrissenen Wolkenbändern. Es ist der Golf von Neapel mit dem Vesuv, wie ein Vergleich mit Wilhelm Ahlborns zauberhafter Ansicht von 1832 im selben Raum zeigt, Station Hunderter Italienreisender im 19. Jahrhundert. Der Maler teilte die Begeisterung für diese Landschaft mit dem Auftraggeber des Gemäldes, Kronprinz Friedrich Wilhelm. Der spätere Friedrich Wilhelm IV. hatte 1828 Italien bereist, Hübner verbrachte zwei Jahre in diesem Land, und in dieser Zeit, zwischen 1829-31, entstand wohl auch „Ruth und Naemi".

Julius Hübner, Die Maler Karl Friedrich Lessing, Carl Sohn und Theodor Hildebrandt, 1839. Nationalgalerie SMB

In Hübners Gemälde treffen zwei Stilrichtungen, zwei Epochen aufeinander: die idealistische Malerei der Nazarener, wie er sie in Berlin kennen gelernt hatte (und wo man sie heute noch, ebenfalls in der Alten Nationalgalerie, an den Fresken der Casa Bartholdy studieren kann), mit ihrer Vorliebe für alttestamentarische Szenen und für die Malerei der Frührenaissance mit ihrer klar aufgebauten Komposition und Bilderzählung, und die realistische Landschaftsmalerei, wie sie sich in Düsseldorf entwickelte, wohin Hübner seinem Lehrer Wilhelm Schadow gefolgt war. Hübner hatte Sinn für beides, für die würdevollen Bildformeln der Meister des 15. Jahrhunderts und die zeitlosen moralischen Lehren des Alten Testaments wie für die Eigenart und Atmosphäre einer Landschaft, für das Individuelle, Charakteristische. Das zeigt sich auch in dem Porträt von 1839 - gleichfalls in dem Kabinett zu sehen -, in dem er seine gleichaltrigen Düsseldorfer Malerkollegen Karl Friedrich Lessing, Carl Sohn und Theodor Hildebrandt festhielt: halb idealisierendes Bildnis, halb Erfassung eines Augenblicks. Wie in den Porträts der Dürerzeit sind Sohn und Hildebrandt dargestellt, die monumental wirkenden Köpfe im Profil hintereinander gestaffelt, die Gesichter stark modelliert, den Blick ernst und fest in die Ferne gerichtet. Aus diesem statuarischen Bildschema aber bricht der Dritte, Lessing, mit seiner spontanen Kopfdrehung und seinem aufmerksamen Blick aus; zu diesem Menschen aus Fleisch und Blut passt auch die altertümliche Schriftleiste im Vordergrund nicht. Edle, strenge Form und momentane Regung, das Bleibende und das Flüchtige, das Allgemeine und das Individuelle - in Hübners Bildern liegen die Pole, zwischen denen sich die Kunst des 19. Jahrhunderts bewegt, nah zusammen.

Annette Meier

Kriegsverloren und wiedergewonnen. Julius Hübners „Ruth und Naemi". Alte Nationalgalerie, bis 12. Mai 2008

Das Gemälde ist seit Februar 2009 im zweiten Obergeschoss der Alten Nationalgalerie zusammen mit anderen Werken der Düsseldorfer Malerschule zu sehen.

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