Klausdorf 25. Maja 1945 r.

Zwei junge Frauen liegen bäuchlings im hohen Gras, den Kopf in die Hände gestützt, die Beine angewinkelt, den Blick auf den Betrachter gerichtet. Zwischen ihnen sitzt ein Teddybär. Beide Frauen lächeln und sehen unbeschwert aus. Sie sind sorgfältig frisiert, tragen Kleider mit kurzen Ärmeln und Schuhe mit Absatz. Die Aufnahme wirkt wie ein typisches Erinnerungsfoto eines sorglosen Moments im Sommer. Am unteren Rand der sepia-braunen, geknickten und abgenutzten Fotografie steht eine handschriftliche Notiz: »Klausdorf 25. Maja 1945 r.« Das Datum ist in polnischer Sprache notiert und hält den 25.  Mai 1945 als Zeitpunkt fest, an dem die Aufnahme in Klausdorf im Kreis Teltow bei Berlin entstanden ist. Die Fotografie zeigt Maria Kawecka auf der linken Seite und eine Freundin. Was man nicht sehen und auch nicht erahnen kann, ist, dass Maria Kawecka polnische Zwangsarbeiterin im Deutschen Reich gewesen war und ihre Befreiung zum Entstehungszeitpunkt des Fotos nur etwa einen Monat zurücklag.

Unbekannter Fotograf. Maria Kawecka und Freundin im Mai 1945. Reproduktion.
Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit/ Sammlung Berliner Geschichtswerkstatt
 

Infolge der deutschen Besetzung polnischer Gebiete nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs 1939 wurde die Familie Kaweccy – nur aufgrund ihrer polnischen Abstammung – von ihrem Hof in Piotrów vertrieben. Polen galten gemäß der nationalsozialistischen Ideologie als rassisch minderwertig, lediglich als Arbeitssklaven waren sie für die deutschen Besatzer interessant. Die Region um Piotrów im sogenannten General­gouvernement wurde zum Siedlungsgebiet für Deutsche erklärt. Die »Umsiedlungen«  begannen 1941, und auch der Hof der Kaweccys wurde einem Deutschen zum Bewirtschaften »übergeben«.

Maria und ihre Brüder wurden zum Arbeitseinsatz nach Güstrow deportiert, die Eltern blieben im »Generalgouvernement«. In Güstrow arbeitete Maria bei einem Gärtner und versorgte als Kindermädchen auch dessen Sohn. Nach drei Monaten durfte sie zurückkehren, nachdem ein Arzt sie krankgeschrieben hatte. Sie lebte in der Nähe des damaligen Litzmannstadt (heute Łódź), bis deutsche Polizisten sie am 17.  November 1942 in einer Straßenbahn verhafteten. Nach dem Einmarsch der Deutschen in die Sowjetunion hatte der kriegsbedingte Arbeitskräftemangel im Deutschen Reich so stark zugenommen, dass in den besetzten Gebieten die Bewohner ganzer Ortschaften auf dem Land verhaftet und zum Arbeitseinsatz gezwungen und in den Städten oftmals willkürlich Fahrgäste in den öffentlichen Verkehrsmitteln aufgegriffen und deportiert wurden.

Maria Kawecka wurde nach Berlin verschleppt und musste für die Firma Dr. Klaus Gettwart in der Rüstungsindustrie arbeiten. Sie produzierte bzw. überprüfte Flugzeug­ und U­-Bootteile. Im Sommer 1944  versuchte sie, zu ihren Cousins aufs Land zu gelangen. Diese waren bei  einem Bauern zur Arbeit eingesetzt, hatten etwas mehr zu essen und waren nicht wie Maria den lebensbedrohlichen Luftangriffen in Berlin ausgesetzt. In der S­-Bahn wurde Maria von Polizisten kontrolliert. Aufgrund ihrer Dokumente war schnell klar, dass sie sich unerlaubt von ihrem Arbeitsplatz entfernt hatte und verbotenerweise mit der S­Bahn fuhr. Polen waren einem stark diskriminierenden, rassistisch motivierten Sonderrecht unterworfen, das in den sogenannten Polenerlassen geregelt war. Diese bestanden überwiegend aus Verboten, die eine Trennung von Deutschen und Polen bewirken sollten. Zu diesem Zweck sahen die Erlasse auch eine stigmatisierende Kennzeichnungspflicht mit dem Buchstaben »P« auf der Kleidung vor.  Maria Kawecka wurde verhaftet und von der Gestapo in das Arbeitserziehungslager Fehrbellin bei Neuruppin eingewiesen. Das Lager wurde von der Gestapo betrieben und war speziell als Straflager für Zwangsarbeiter eingerichtet worden. Maria Kawecka musste dort drei Monate lang schwerste körperliche Arbeit in einer Bastfaserfabrik verrichten. Hunger und Misshandlungen waren an der Tagesordnung. Als sie  wieder zu ihrer alten Arbeitsstelle zurückgebracht wurde, wog sie nur noch 28 Kilogramm. Bei einem Luftangriff im November 1944 wurde die Fabrik von Dr. Klaus Gettwart stark beschädigt und die Produktion daraufhin nach Klausdorf verlegt. Bis zur Befreiung im April 1945 arbeitete Maria Kawecka dort. Im Juli 1945 kehrte sie auf eigene Faust nach Hause zurück. In diesem Zeitraum zwischen Befreiung und Heimkehr, in dem die Frauen sich wieder frei bewegen konnten, entstand unsere Aufnahme, deren Fotograf unbekannt ist.

Maria Kawecka legte das Foto einem Brief bei, den sie 1998 zusammen mit ihren Erinnerungen über ihren Zwangsarbeitseinsatz an die Berliner Geschichtswerkstatt schickte. Ihre Erlebnisse im Arbeitserziehungslager in Fehrbellin ließ sie aus. Sie hatte keine Dokumente, um diesen Teil ihrer Geschichte zu belegen und dachte, niemand würde ihre Schilderungen von Folter und Terror glauben. Erst später beschrieb sie ausführlich die menschenverachtenden Lebensumstände in Fehrbellin und trug so maßgeblich dazu bei, die Geschichte dieses Schreckensorts aufzuarbeiten.

Nach dem Krieg war Maria Kawecka berufstätig, heiratete den ehema­ligen Zwangsarbeiter Josef Andrezejewski und bekam zwei Kinder. Viele Jahre litt sie an den gesundheitlichen Folgeschäden des Zwangsarbeits­einsatzes. Sie starb 2007.

Die Autorin, Daniela Geppert, ist wissenschaftliche Mitarbeiterin und Ausstellungskuratorin im Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit.

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